„Hochzeitsfeiern” ist auf dem metallenen Schild am Eingang vom Gemeinschaftskulturhaus im Dorf Gura Râului zu lesen. Nur dass der Rost es längst braun gefärbt hat, und man hier höchstens noch zu Anlässen in kleiner Runde einkehrt. Feiern und Tanzen etlicher hundert Leute würde das alte Volkslokal schwer vertragen. Für ein weihnachtliches Betriebsfest der Folklore-Profis vom Ensemble „Cindrelul – Junii Sibiului” im Dezember dagegen taugt der gut in Schuss gehaltene Gemeindesaal, erzählt Bürgermeister Ioan Toma Zav, und all das Ausbleiben von Hochzeiten unter seinem Dach ist noch beileibe kein wirklich ernst zu nehmender Grund, ihn einfach so abzuschreiben. Ab dem ersten Juni-Sonntag nämlich genießt das Gemeinschaftskulturhaus von Gura Râului Hochkonjunktur. Satte Wochen lang, als Kantine zum Mittag- und Abendessen von Profis und Volontären der „Ambulanța pentru Monumente”. Und als ihr Werkzeuglager gleich dazu, wo allein für ungefähr zwei Dutzend Hungrige gedeckt werden muss, und noch jede Menge Stauraum für Geräte übrig bleibt.
Die alte Holzbrücke über den eiskalten Zibin direkt nebenan trägt schon so viel Schaden und Verschlechterung in sich, dass man ihr schlicht nicht anders als mit möglichst breitem Arsenal aufrücken kann und darf: sogar Gurte und Winden liegen zusätzlich zu allen Utensilien fürs Tischlern, Sägen und Bohren bereit, um die vor 200 Jahren erstmals über den Gebirgsbach gezimmerte Brücke endlich wieder so kräftig, resistent und solide in den zwei Ufern verankert zu bekommen, dass auch Belastung im Akkord ihr nichts anhaben kann. „Wir haben mit sehr viel morschem Holz zu tun.”, erläutert Architekt Eugen Vaida, Leiter von Verein und Einsatz. „Mit mehr, als wir eingeschätzt hatten.”
Selbstverständlich sind die originalen Trägerbalken aus Eichenholz geschnitten, das im Kontakt mit Wasser wenig leidet. Aber auch da muss manches ausgetauscht werden, und solch steinharter Materie ist nur mit gehörig Geduld beizukommen. „90-Grad-Winkel gibt es keine”, weiß Sebastian David als Volontär zu schildern, und deswegen müssen sämtliche Kontaktflächen zwischen neuem und altem Eichenholz mit der Feile ganz genau auf Maß präpariert werden. Durch stundenlangen Gebrauch einer Holzfeile statt einer für Eisen, die zwar deutlich härter ist, aber „deren Poren sich sehr rasch mit Spänen verstopfen”, wie Sebastian aus Kronstadt/Brașov aus Erfahrung klarstellt. Ja, natürlich erfordere das sehr viel Muße, doch „früher hatten die Leute das Problem der Zeit nicht”. Wichtig war ihnen anderes.
In Gura Râului zählte an erster Stelle die Dorfmühle: erreichbar nur über die Holzbrücke und leider vor einem halben Jahrhundert dank der kommunistischen Machtausrichtung aufgelöst. Ersatzlos. Sogar das Getreide-Depot musste mit dran glauben. Umso mehr hütet ihr aktueller Inhaber, Sorin Tomescu, den Stapel schwarzweißer Fotos jener Großfamilie ab Anfang des 19. Jahrhunderts, die über die alte Mühle verfügte, wie sein teuerstes Vermögen. Er stammt nicht aus Hermannstadt/Sibiu, ist aber mit einer Einheimischen verheiratet; folglich sind die Urheber der Brücke mitsamt ihren Nachkommen auch seine Vorfahren. Eines der Fotos wurde just 1926 geschossen und zeigt das Mühlrad. „Ich erinnere mich daran, dass auch Autos die Brücke befahren haben.”
Das allerdings liegt schon lange Jahre zurück. Weil das eine Ende der Holzbrücke nicht ungefährlich schlecht am Ufer aufliegt, muss sie von unten angehoben werden – mittels Aufrichten eines Hilfsjochs mit Fuß im Bachbett. Aus Balken in Armlänge und mit ständigem Auflegen der Wasserwaage, um ja keinen versteckten Wackler in der provisorischen Stützkonstruktion zu fördern: Alle mechanische Kraft vom Hebel der Winde zwischen Hilfsjoch und Brücke muss dahin führen, das Schiefe wieder ins Lot zu bringen. Oder zu hieven, besser gesagt, was wiederum mehr als nur einen Arbeitsschritt bedeutet, bei dem es lediglich auf physische Gewalt ankommt.
Feingefühl bei gleichzeitig hoher Kraftanwendung ist gefragt, und das ist es, was den Einsatz so heikel macht. Mit dabei ist auch in Gura Râului Tischler Niels Rattiste aus Estland, der zuhause im Baltikum durch eine Schulung zum Restaurator gegangen ist, und der „Ambulanța pentru Monumente” schon häufig sein Können als Freiwilliger angeboten hat. „Mein Praktikum im vorigen Jahr habe ich genauso bei der ´Ambulanța´ gemacht.”, zählt Niels stolz auf, dem bereits die siebenbürgisch-sächsische Kirchenburg in Radeln/Roadeș bekannt ist. „Das Kulturerbe hier ist sehr reich und vielfältig, und mir tut es gut, an so unterschiedlichen Orten tätig zu sein. Brücken wie diese hier haben wir in Estland nicht.”
Wie denn sein Kontakt zur „Ambulanța” entstanden sei? „Ein Freund schlug vor, nach Rumänien zu reisen, und wir hatten nichts als stereotype Bilder im Kopf, waren jedoch in außergewöhnlich positivem Sinne überrascht”, so Tischler Niels, der in Estland von der Praktikums-Zeit in Siebenbürgen berichtete. „Den Leuten hat es sehr gefallen.” Wichtig ist seine Zuarbeit wegen Geschicks im Umgang mit Beitel und Hammer: Man merkt sofort, dass er ihn nicht erst noch lernen und üben muss. Eichenholz mag zwar hart sein, doch auch Niels weiß genau, wie er die Schläge zu setzen hat. Nichts rutscht ihm aus.
„Wir wollten schon seit Jahren die Brücke restaurieren lassen”, klärt Bürgermeister Ioan Toma Zav auf, und „jetzt hat es geklappt”. Das Rathaus stellt alles Holz, die Schindeln für das komplett neue Decken des Dachs der Brücke und den Gemeindesaal. Ehrensache, dass einheimische Frauen Küchendienst leisten und dem Team der „Ambulanța pentru Monumente” täglich herzhafte Kost auftischen. „Wir haben hier im Dorf auch einen Pferdeschmied, der alles, was ihm überlassen wurde, gerne gearbeitet hat”, führt Ioan Toma Zav aus. Gehinkt hat – wie leider so oft in Rumänien – nur das Einholen der oligatorischen Genehmigungen. Dass die Profis und Volontäre der „Ambulanța” ihren Auftrag sauber und ernst erfüllen, spricht natürlich für Gura Râului, das sich keine halben Sachen nachsagen lassen können möchte.
Nur die Brücke wird ab Tag Eins nach Abschluss des Restaurierens bloß zur Hälfte öffentlich begehbar sein. Durch ihre Pforte am Ufer von Besitzer Sorin Tomescu sollen Gäste bloß ein paar wenige Male jährlich zu Festanlässen schreiten können. Im Übrigen allerdings ist es jedem gestattet, an der Dorfhauptstraße zu halten und tatsächlich sämtliche Schritte zu gehen, die auf der alten Brücke zur Mühle hin jederzeit allgemein erlaubt sind. Dass sie optisch eben noch wie neu dasteht, verstellt Sorin Tomescu und zurecht Staunenden nicht den Kennerblick auf ihr Alter und ihre Vergangenheit. „Wir sind Eugen Vaida überaus dankbar für die Rettung eines Stücks Geschichte von Gura Râului!”









