Illegal hinterlassener Müll auf öffentlichen Flächen, zunehmende Hitzewellen im Sommer, verkürzte Lebenszeit wegen Luftverschmutzung: Gründe gäbe es genug, sich für mehr Umweltschutz einzusetzen und das eigene Verhalten ein wenig anzupassen. Entsprechende Projekte treffen trotzdem oft auf zögerliches Interesse. „Wir reden viel, aber machen wenig“ stellt eine Klausenburger Forscherin fest – und sieht die Gründe dafür auch in einer Mentalität.
Schraube um Schraube bohrt sich ins Holz, verbindet ein Brett mit dem anderen. Ein Mitarbeiter der Umweltschutzorganisation „Climato Sfera“ errichtet eine Kompostanlage im Bukarester Stadtteil Tei. Drei Kästen stehen nun am Rand eines Plattenweges, der von Bäumen beschattet zwischen zwei Wohnblöcken verläuft. In den Mittleren davon schüttet der Mitarbeiter Holzspäne aus mehreren Plastiksäcken. Sie sollen später den Boden auflockern. Noch einige bunte Metallschilder mit Nutzungshinweisen ans Holz geschraubt, und nach gut einer Stunde stehen die Kästen bereit, um pflanzlicher Küchenabfälle in Empfang zu nehmen.
Dafür, dass sie auch jemand füllt, ist Dan Mereț zuständig. Der Familienvater mit dem kurzen Zopf steht etwas abseits, unterhält sich mit Anwohnern. Er hat eine sehr direkte Art zu reden, wirkt zupackend. Mereț ist der Vorsteher des zugehörigen Wohnblocks mit mehr als 200 kleinen Eigentumswohnungen. Seit rund zehn Jahren habe er den Posten inne. „Wenn du über so lange Zeit im Amt bist, kannst du Jesus Christus sein, trotzdem werden dich viele Leute nicht leiden können.“ Er sei eben eine Projektionsfläche für alles, was mal nicht läuft.
Und jetzt die Sache mit der Kompostanlage. „Ich mag die Idee, ich will das machen“ sagt er. Vor allem aber habe er kein Neinsager sein wollen, als man ihn fragte, ob er für das Projekt als Bindeglied zwischen Umweltschutzorganisation und Bewohnerschaft fungieren möchte. Als Hausvorsteher so ein Projekt zu etablieren, dafür gebe es eigentlich keinen Anreiz. Denn die Gegner der Kompostanlage würden ihn nun beschuldigen. „Es ist erst zwei Tage her, dass sie mir gesagt haben: Nein, ich bin dagegen, ich will das nicht!“ Ein kleines Martyrium für die gute Sache, so klingt das.
Gegen die Mythen und Vorbehalte
Die Menschen hätten Angst, dass die Komposthaufen Ratten und Kakerlaken anlocken sowie als Müllhalde missbraucht werden könnten. „Wir haben hier schon genug Müll rumliegen und jetzt werden die Leute noch mehr Müll hinwerfen, auch unter mein Fenster!“ – das habe er zu hören bekommen, erzählt Dan Mere]. Umso wichtiger sei es, den Gegnern von Anfang an den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Wir müssen den Bereich um jeden Preis sauber halten!“ In ein paar Tagen werde ein Mitstreiter eine Überwachungskamera an einem der Bäume aufhängen.
Dabei seien die entschiedenen Gegner eher eine Minderheit, wenn auch eine sehr laute, meint der Hausvorsteher. Er kenne durchaus Bewohner, die dem Projekt etwas abgewinnen können. Die bisher desinteressierte Masse an das Thema heranzuführen, das werde ein Stück Arbeit.
Dabei hilft ihm Oana Marin von der „Academia de Compost“. Die Akademie wird von verschiedenen Bukarester Umweltinitiativen getragen und vermittelt in deren Auftrag praktisches Wissen an neue Mitmacher. Oana Marin mit ihrem grünen Regenwurm-Anstecker auf der Bluse liegt an der Kompostanlage quasi auf der Lauer, versucht, Bewohner anzusprechen. Dabei rechnet sie nicht nur mit neugierigen Blicken, sondern auch gehobenen Augenbrauen. „Als ich mit dem Kompostieren angefangen habe, fragten mich die Leute: Was verdienst du daran? Warum sollte ich dir meinen Müll geben?“ Die Leute würden misstrauisch, wenn sich nicht sofort erschließe, zu welchem Vorteil sich jemand engagiere.
Dazu muss man wissen: Das Kompostprojekt wird von der Bezirksverwaltung unterstützt. Es gebe einen Kooperationsvertrag, der zweite Sektor vereinfache die Genehmigung zum Aufstellen der Kästen. Und da das „Vertrauen in Behörden grundsätzlich gering“ sei, wie Marin sagt, vermuteten die Leute schnell Selbstbereicherung – bis hin zu Geldwäsche durch Kompostieren. Sie gingen einfach nicht davon aus, dass eine Behörde die Menschen unterstützen will.
Eine Blase unter sich
Ortswechsel. Nur wenige hundert Meter von dem Wohnblock entfernt liegt der Campus der Technischen Universität für Bauwesen (Universitatea Tehnic² de Construc]ii). Auf dem Hof findet Mitte April eine Art Straßenfestival statt. Im Rahmen des Stadterneuerungsprogramms „UrbanWise“ des zweiten Bezirks sind Bürger eingeladen, sich mit Experten darüber auszutauschen, wie ihr Stadtteil lebenswerter und klimafreundlicher gestaltet werden kann.
Radwege, saisonale Lebensmittel, Energieverbrauch – über all diese Themen unterhalten sich dann doch eher die Fachleute und ihre Studierenden untereinander, so der Eindruck. Die Pavillons mit der nachhaltigen Mode und den Infobroschüren sind spärlich besucht. Die Veranstalterin steht dazwischen und wirkt, darauf angesprochen, etwas ratlos. Ist nur diese Veranstaltung das falsche Konzept oder haben die meisten Menschen kein Interesse an Nachhaltigkeit?
Vom Wissen zum Handeln
Vermutlich stimmt beides ein wenig. Für eine Studie hat ein Team aus überwiegend Geografen eine repräsentative Auswahl von mehr als 800 Rumänen befragt, wie wichtig ihnen Umweltprobleme und der Klimawandel sind. Das war im Frühjahr 2020, nachdem „Fridays for Future“ die Welt auf die Problematik aufmerksam gemacht hatte. 91 Prozent der Befragten hielten Umweltfragen für ein sehr wichtiges oder wichtiges Thema, beim Klimawandel auf nationaler Ebene waren es a 80 Prozent. Davon abgesehen gibt es kaum zuverlässige und repräsentative Daten aus Rumänien.
Das ist der Grund, warum Ruxandra M²lina Petrescu-Mag und mehrere Kollegen der Babe{-Bolyai Universität Klausenburg/Cluj-Napoca mit ihrer Studie einen Überblick über das Thema schaffen wollten. Sie sprachen mit 34 Teilnehmern ausführlich darüber, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen und was sie (de)motiviert, zu Problemlösungen beizutragen. Dabei fiel auf: Umweltzerstörung nehmen sie nicht nur als eine ökologische Bedrohung, sondern auch als Einschränkung ihrer Lebensqualität wahr. Ein hohes Bewusstsein für die Thematik und die Bereitschaft, zu Lösungen beizutragen, hatten insbesondere diejenigen Teilnehmer, die schon in jungen Jahren darüber aufgeklärt wurden – zum Beispiel im Kindergarten.
Trotzdem kommt die Forscherin zu dem Schluss: „Wir reden viel, aber machen wenig.“ Oftmals fehlten den Menschen die Kapazitäten, um etwas an ihrem Lebensstil zu ändern oder sich politisch zu engagieren. Wichtiger sei ihnen erst mal, überhaupt etwas zum Essen auf den Teller zu bekommen. Kein Wunder, kann man sich doch mit rumänischem Einkommen preisbereinigt im EU-Vergleich am sechstwenigsten leisten. Petrescu-Mag: „Wer erst spät nach der Arbeit nach Hause kommt, geht am Wochenende nicht noch Bäume pflanzen“.
Die Professorin für Umweltpolitik sieht einen weiteren Grund tiefer liegen: Eine aus kommunistischer Zeit übergebliebene Mentalität der Verantwortungslosigkeit. Nach dem Motto: Wenn es nichts kostet, eine Ressource zu nutzen, bediene ich mich so sehr wie möglich daran. Oder nach Petrescu-Mag auf die Umwelt übertragen: „Ich schmeiße Müll in den Fluss, er gehört ja keinem, das wird niemanden kümmern.“
Vorbilder gesucht
Um diese Einstellung zu ändern, brauche es praktische Anreize, wie zum Beispiel höheres Flaschenpfand. Hilfreich seien auch Vorbilder, die auf ihren Erfolg aufmerksam machen. Die Wissenschaftlerin nennt etwa den Frauenverein in Saschiz/Keisd bei Schäßburg / Sighi{oara, der jährlich das „Rharbarberfest“ veranstaltet, um unter anderem die lokale Lebensmittelversorgung und die Artenvielfalt in der Region zu fördern.
So eine Inspiration versucht auch „Climato Sfera“ mit seinem Kompostprojekt zu sein. Um die drei Holzkästen haben sich mittlerweile ein paar ältere Frauen versammelt – teils von Hausvorsteher Dan Mere] dorthin gebeten, teils zufällig vorbeigekommen. In ihrer Mitte steht Mentorin Oana Marin und erklärt mithilfe von Fotos in ihren Händen, welche Essensreste in die Kästen gehören und welche nicht. Ihre Zuhörerinnen hören geduldig zu, scheinen schon über die eigene Umsetzung nachzudenken.
Für die Umweltschutzorganisation ist es bereits die 25. Kompostanlage in Bukarest. In den meisten Fällen ist der nächste Schritt, auf den Grünflächen an den Wohnblöcken Gemeinschaftsbeete anzulegen, auf denen der gewonnene Humus verteilt wird. An anderen Kompoststandorten sei bereits zu beobachten, dass die Bereiche sauberer als vorher seien und dadurch weniger Menschen anzögen, die Müll abladen, sagt Marin. Die Hausbewohner würden beginnen, sich insgesamt mehr um die Grünflächen zu kümmern, über Mülltrennung in ihrem Block zu reden. „Das eine führt zum anderen.“
Ein Stein kommt ins Rollen
Oana Marin will einen Denkprozess anstoßen. Sie kenne Paare, die vor Jahren mit dem Kompostieren angefangen hätten und längst weiterdenken würden: „Wir schaffen es, alle Arten biologisch abbaubaren Mülls zu reduzieren. Ich weiß, dass ich nur unverarbeitete Küchenabfälle kompostieren kann. Also finde ich auch Wege, die gekochten Reste zu reduzieren.“
Die Konsequenz, berichtet Marin: stärkeres Interesse auch da-ran, Lebensmittel regional und saisonal zu kaufen. „Die ganze Familie sagt dann: Wenn es nicht im Saisonkalender ist, dann kaufen wir es nicht.“ Der Trend zur Nachhaltigkeit werde insbesondere von Müttern aus der Millenial-Generation vorangetrieben, also geboren zwischen 1981 und 1996.
Es brauche Menschen wie Dan Mere], die gegen anfängliche Widerstände angehen und mit Mythen aufräumen. Der angesprochene Hausvorsteher sagt, auch er sehe die Kompostanlage vor allem als ein Bildungsprojekt, um die Menschen „ein bisschen verantwortungsvoller für die Umwelt“ zu machen. Dass sich der gesamte Block an dem Projekt beteiligt, sei gar nicht das Ziel. Aus einem ganz praktischen Grund: Würden alle 200 Haushalte ihre pflanzlichen Küchenabfälle in die Kästen kippen, kämen die Bodenlebewesen mit der Zersetzung gar nicht schnell genug hinterher.






