Nicht hineingeboren, aber hineingewachsen

Zwei Jahre Juniorbotschafterin des Forums in Hermannstadt: Interview und Essay

Celia Orlea Foto: ollrmin.isjsm.ro

Celia Orlea ist 17 Jahre alt, besucht die elfte Klasse des Brukenthal-Gymnasiums und war nun für zwei Jahre Juniorbotschafterin des Forums in Hermannstadt/Sibiu. Außerdem ist sie hier im Jugendforum aktiv und Mitglied in der Jugendtanzgruppe. Sie liebt es zu lesen, am liebsten Fantasy – gerne auf Englisch, Deutsch und Rumänisch. Die Zeit als Juniorbotschafterin hat sie geprägt – sie selbst hat jedoch keine siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln. Im Interview und in ihrem Essay erzählt sie ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht von ihrer besonderen Verbindung zur deutschen Minderheit.


Was hast du in deiner Zeit am Forum gelernt?

Ich habe gelernt, wie die Forumsstruktur aufgebaut ist – Lokal- und Kreisforen, Regionalforen, Landesforum. Und ich habe mehr über die deutsche Minderheit gelernt, welche Veranstaltungen es gibt, zum Beispiel das Maifest. Ich hatte somit auch die Gelegenheit, mehr Deutsch zu sprechen. Dadurch habe ich auch ein ziemlich gutes Ergebnis bei der Prüfung zum deutschen Sprachdiplom erzielt. Ich würde sagen, ich habe hier viel Kulturelles und Geschichtliches gelernt.

Was hat dir das Programm persönlich gebracht?

Ich habe mich weiterentwickelt und hänge nicht mehr so viel von meinen Eltern ab. Wir haben zum Beispiel eine Dienstreise nach Dinkelsbühl zum Heimattreffen unternommen. Dort war ich mit Freundinnen und den Mitarbeitern des Siebenbürgenforums – das bedeutet, ich war etwas mehr auf mich gestellt, musste mehr auf mich selbst aufpassen.

Wie haben deine Mitschüler und deine Familie darauf reagiert, dass du als Juniorbotschafterin am Forum tätig bist?

Meine Mitschüler haben sich für mich gefreut, meine Lehrerinnen und Lehrer haben mir gesagt, dass das toll wird, weil ich eine gute Zeit haben und viel lernen werde. Das stimmt auch. Meine Eltern haben das sehr positiv aufgenommen, weil sie immer froh waren, wenn ich mich engagiert habe. Obwohl meine Eltern und Großeltern kein Deutsch sprechen, waren sie positiv dazu eingestellt und haben mich darin unterstützt.

Welche Projekte hast du in deiner Zeit als Juniorbotschafterin umgesetzt?

Ich habe bei der Organisation mehrerer Projekte des Forums mitgeholfen, unter anderem beim Holzstock-Festival. Da habe ich einen Workshop übernommen, in dem man 3D-Mini-Kirchenburgenmodelle bemalen konnte. Immer wieder kamen dabei Leute auf mich zu und stellten Fragen. Zum Beispiel: Was für ein Burgmodell ist das? Das war eine Gelegenheit, Interessierten etwas über die Kirchenburgen und die Geschichte zu erzählen. Außerdem habe ich an der Durchführung der Hermannstädter Gespräche, des Forumsclubs und an Filmvorführungen mitgewirkt. Eine Filmvorführung haben wir in der Bruken-thalschule durchgeführt. Dort habe ich mit meiner Kollegin Ana Țucă und der ifa-Kulturmanagerin Christiane Böhm die Veranstaltung zum Film „Aici adică acolo“ der Regisseurin Laura Căpățâna Juller moderiert.

Was hat dir in deiner Tätigkeit am meisten Spaß gemacht?

Eigentlich fast alles! Manchmal macht die Büroarbeit nicht immer ganz so viel Spaß, zum Beispiel das Katalogisieren von Büchern. Aber wenn man draußen ist mit den Veranstaltungen, anderen Menschen hilft und mit anderen Menschen Kontakt hat, dann macht es immer sehr viel Spaß. Bei dem Auftritt in der Bruken-thalschule waren auch meine Kollegen im Publikum, alle haben mich gesehen und ich war ziemlich froh, dass ich etwas machen kann, das mir gefällt und dass mich die anderen sehen können und ich im Anschluss an die Veranstaltung ein Feedback von ihnen bekommen konnte.

Das Juniorbotschafterprogramm endet für dich im Herbst. Wie siehst du für dich die Zeit danach?

Ich würde mich freuen, wenn ich die Gelegenheit hätte, auch weiterhin im Forum mitzumachen. Am liebsten wäre mir etwas in der Kulturarbeit oder etwas mit den Jugendlichen im Forum. Das Tanzen macht mir großen Spaß. Ich habe auch meinen Lehrern in der Brukenthalschule schon bei der Durchführung der Tänze in der Schultanzgruppe geholfen, Tanzschritte gegoogelt, die Schritte auf ein Blatt Papier geschrieben und ein bisschen dabei geholfen, meinen Mitschülern die Tänze beizubringen. 

Weißt du schon, was du nach dem Abitur nächstes Jahr machen wirst? Hast du schon Pläne für deine Zukunft?

Ja – nicht hundertprozentig, aber fast. Ich bin am Bruk in der Mathe-Info -Abteilung und möchte später Informatik studieren. Aber ich weiß noch nicht, ob ich eher nach Klausenburg/Cluj-Napoca gehe, damit ich Informatik auf Deutsch studieren kann oder ob ich eher Informatik auf Rumänisch in Hermannstadt/Sibiu studiere, damit ich mit dem Forum in Berührung bleibe. Ich muss irgendwie ein Gleichgewicht finden zwischen Informatik und der deutschen Sprache.

Was würdest du jemandem sagen, der überlegt, sich für das Juniorbotschafterprogramm zu bewerben?

Ich würde sagen: Versuch es auf jeden Fall! Am Anfang habe ich auch gezögert, weil ich nicht wusste, ob ich dafür genug Zeit habe. Aber die Stunden, die man am Forum verbringt, kann man flexibel absprechen. Man kann hier vieles lernen und Kontakt mit anderen knüpfen. Ich habe jetzt Bekannte in so vielen Kreisen Rumäniens: Ich kenne jetzt Leute aus Arad, aus Sathmar/Satu Mare, aus Großwardein/Oradea, aus Kronstadt/Brașov, aus Klausenburg/Cluj-Napoca, aus Mühlbach/Sebeș. Aus ganz vielen Ortschaften! Denn man fährt weg und über verschiedene Veranstaltungen trifft man sehr viele Leute. Junge Leute mit den gleichen Erfahrungen.

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Über eine besondere Verbindung

Ich komme nicht aus einer sächsischen Familie, meine Eltern und Großeltern sprechen gar kein Deutsch. Trotzdem haben sie entschieden, mich schon als kleines Kind in einen deutschen Kindergarten zu schicken, damit ich eine Fremdsprache erlerne. Darauf folgten die Grundschule in deutscher Sprache und schließlich das Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium, das ich seit der fünften Klasse besuche. Natürlich war es für mich manchmal schwieriger, da meine Eltern mich sprachlich nicht unterstützen konnten. Dennoch habe ich es nie anders gekannt und deshalb auch nie daran gedacht, Deutsch einfach aufzugeben.

Am Anfang der neunten Klasse habe ich mich bei der sächsischen Schultanzgruppe eingeschrieben, weil ich etwas Neues ausprobieren wollte. Tanzen klang für mich interessant, und die Tatsache, dass es sich um traditionelle Tänze handelte, gefiel mir umso mehr. Nach einigen Monaten bemerkte ich, wie viel Freude mir das Tanzen bereitete, weshalb ich sowohl am Maifest als auch am Großen Sachsentreffen teilnahm. Dort sah ich zum ersten Mal die Tanzgruppe des Jugendforums Hermannstadt. Besonders beeindruckt haben mich nicht nur ihre Tanzfähigkeiten auf der Bühne, sondern auch, wie eng verbunden sie als Gruppe wirkten.

Später erfuhr ich über meine Tanzlehrerin vom Juniorbotschafterprogramm des Hermannstädter Forums – einer Gelegenheit für Jugendliche, über einen Zeitraum von fast einem Jahr Einblicke in die Arbeit des Forums zu erhalten und bei verschiedenen Veranstaltungen und Projekten mitzuwirken. Ich sah darin eine wertvolle Chance, mehr über die deutsche Minderheit in Rumänien zu erfahren und gleichzeitig meine Deutsch- und Kulturkenntnisse zu erweitern, weshalb ich mich bewarb. Da ich damals jedoch noch ein Jahr zu jung war, wurde ich erst im darauffolgenden Jahr erneut kontaktiert und erhielt schließlich die Möglichkeit, als Juniorbotschafterin tätig zu werden. Kurz da-rauf begann ich außerdem, in der Tanzgruppe des Jugendforums mitzutanzen, wodurch ich mich auch beim Tanzen weiterentwickelt habe.

Im vergangenen Jahr habe ich durch das Juniorbotschafterprogramm an verschiedenen kulturellen Veranstaltungen wie dem Forumsclub, Filmvorführungen, den Hermannstädter Gesprächen oder dem Holzstock-Festival teilgenommen und bei deren Organisation mitgeholfen. Dadurch entstand für mich eine immer stärkere Verbindung zur deutschen Minderheit, so dass mir nach dem Ende meines ersten Jahres als Juniorbotschafterin klar wurde, dass ich mich weiterhin für die Arbeit des Forums engagieren möchte. Deshalb entschied ich mich, ein zweites Jahr als Juniorbotschafterin zu verbringen und weiterhin aktiv mitzuwirken.
Heute tanze ich weiterhin sowohl beim Jugendforum Hermannstadt als auch bei der Schultanzgruppe und bin als Juniorbotschafterin beim Siebenbürgenforum tätig. Im Laufe der Zeit habe ich bemerkt, dass ich zwar nicht in die sächsische Gemeinschaft hineingeboren wurde, aber in sie hineingewachsen bin und mich inzwischen als Teil davon fühle. Meine Tätigkeit bedeutet für mich nicht nur, beim Forum mitzuhelfen oder Deutsch zu sprechen, sondern auch anderen Jugendlichen durch meine Mitwirkung an verschiedenen Veranstaltungen einen Kontakt zur deutschen Minderheit zu ermöglichen.

Diese Gemeinschaft hat mir gezeigt, dass man auch als Außenstehender in etwas hineinwachsen kann. Deshalb war die Teilnahme an der Rumänisch-Olympiade für Minderheiten in sächsischer Tracht für mich ein besonders emotionaler Moment. In einer anderen Stadt fühlte ich mich nicht fremd, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden ist. Durch die traditionelle Kleidung fühlte ich mich wie zuhause und konnte gleichzeitig zeigen, dass die deutsche Minderheit nicht etwas Vergessenes aus der Geschichte ist, sondern weiterhin ein lebendiger und aktiver Teil der heutigen Gesellschaft bleibt.

Celia Orlea