Den Begriff des „gerechten Kriegs“ haben schon früh christliche Ethiker ins Feld geführt, obwohl die fehlende Wehrpflicht der ersten Jahrhunderte der Kirche Möglichkeiten praktischer Distanzierung zu „Kriegshandwerk“, Krieg und Kriegsdienst offenließ. Später kamen dann die Zeiten, wo das Heer – vor allem im Oströmischen Reich – von Christen „gesäubert“ wurde (erste Märtyrer und Soldatenheilige! Diokletian), noch etwas später dann, wo nur Christen im Heer dienen durften. Beteiligung von Christen an Töten, Krieg und Militär wurde zur Normalität. Der Christ als „Soldat Christi“, das Sakrament als eine Art Fahneneid (militia Christi) wurde im Ursinn des Wortes verstanden. Trotzdem: dass ein Soldat nach seiner Taufe Soldat blieb – lange Zeit undenkbar. Soldaten Christi waren zuallererst „Pazifisten“. Blutvergießen wurde mit Exkommunikation geahndet. Zuletzt, dem Mittelalter zu, bleiben nur Asketen – Mönche und Kleriker – als „wahre Christen“ vom Kriegsdienst gefeit, aber es kommt auch zur Utopie, durch Ausbreitung des Christentums würden Kriege und Militär hinfällig.
Von solcherlei Überlegungsansätzen ist der ehemalige KGB-Agent und heutige Patriarch von Moskau, Kyrill I. (Wladimir Michailowitsch Gundjajew), weit weg. Kyrill I. hat den „gerechten Krieg“ (was immer man auch darunter verstehen mag) mit dem „Heiligen Krieg“ ersetzt. Dass die orthodoxe Kirche durch ihr Grundprinzip, die Autokephalie, sich automatisch zur Staatskirche selbsterhöht, wurde an dieser Stelle bereits mehrmals betont (einschließlich, was dies angesichts eines – gewünscht - zusammenwachsenden Europa für eine Hürde ist ...). Bei Kyrill I. allerdings, der, ähnlich wie der Patriarch Rumäniens, Daniel, durch sein Handeln Erhebliches an Zukunftsträumen betreffs Einheit aller Christen aufkommen ließ, hat sich seit dem 24. Februar 2022 ein radikaler Wandel vollzogen. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine (seither hängen vor Kyrills Moskauer Residenz die Fahnen Russlands, der Ukraine und Moldawiens ...) predigt der Patriarch von Moskau immer öfter vom „Heiligen Krieg“ und fordert seine Priesterschaft strengstens auf, in jeder Messe das von ihm komponierte „Gebet für das Heilige Russland“ mit der Gläubigengemeinschaft zu rezitieren.
Und das klingt in etwa so: „Herr, Gott der Mächte, Erlöser unser, blicke mit Mitleid auf Deine Diener, erhöre uns, erbarme Dich unser, denn siehe, all jene, welche Feindschaft suchen, haben sich verbunden gegen das Heilige Russland beim Versuch, sein einiges Volk zu entzweien und zu vernichten. Komm, o Herr, und stehe Deinem Volke bei, und bringe uns, durch Deine Kraft und Macht, den Sieg! Steh Deinen gläubigen Kindern bei, die mit brennendem Eifer für die Einheit der Kirche Russlands kämpfen.“ Man versteht: Russland ist vor vier Jahren angegriffen und unter (Kriegs-) Druck gesetzt worden – nicht Russland ist der Aggressor! Russlands Einheit – territorial, wie als Volk und Kirche – soll zerstört werden. Das Moskauer Dogma von der Ukraine als Teil Russlands und der Russischen Orthodoxen Kirche als alleinig legitime Kirche der Ukraine werden betont. Ignoriert wird die 2018 erklärte und vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel anerkannte Autokephalie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche – die vom Moskauer Patriarchat als eine „schismatische Entgleisung“ gesehen wird. Zugegeben: die Ukrainische Autokephalie ist noch nicht vollständig vollzogen. Dazu ist die Zustimmung sämtlicher autokephaler orthodoxer Kirchen der Welt nötig. Auch die rumänisch-orthodoxe Kirche schweigt ... Moskauhörigkeit?
Doch zurück zur Sieges-Fürbitte Kyrills, die in allen Messen der russisch-orthodoxen Kirche Pflichtgebet ist. Joann Koval, ein Moskauer Pope, hatte darin ein einziges Wort ersetzt: „Sieg“ mit „Frieden“, „Mir“. Zuträger meldeten es Kyrill I. Koval wurde aus dem Priesterstand entlassen.





