Brüssel – wie auch Berlin, Paris oder Washington – ignoriert ein ost- und südosteuroäisches Spezifikum: es hat drei EU-Mitgliedsstaaten, die mehrheitlich orthodox sind. Da diese Woche die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und der Republik Moldau eröffnet werden, kommen wir noch einmal auf dieses Grundproblem zurück. Denn im Raum zwischen der Adria, dem griechischen Mittelmeer, dem Schwarzen Meer, dem südlichen Kaukasus, Donau, Dnepr und Dnister ist die (orthodoxe) Kirche ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Sicherheitsgefühls, des Kontinuitätsbewusstseins und des Selbstverständnisses der Völker.
Der vor Kurzem vollzogene Wechsel an der Spitze der Kirche Georgiens kann nicht kulant ignoriert werden. Nach dem Tod des Katholikos, des „Re-Europäisierers“ Ilja II., der Georgiens Kirche (implizite den Staat) in 50-jährigem Wirken aus den Fängen des Sowjetimperialismus herausmanövriert und zur einflussreichsten nicht-politischen Institution Georgiens geformt hat, ist Metropolit Schio III., ein Theologe mit Moskau-Studien, zum Katholikos-Patriarch gewählt worden (mit 22 von 39 Stimmen ...). Man fürchtet, dass er Rückentwicklungen einleitet. Das Imperium des Dritten Rom hat noch nie freiwillig verzichtet.
In der Ukraine wie auch in der Moldau gibt es einen Bruch innerhalb ihrer orthodoxen Kirchen. Angesichts dieser Gräben hat die rumänische orthodoxe Kirche reagiert mit der schwächsten aller diplomatischen Antworten: Schweigen. Aber nicht nur in Rumänien, in allen orthodox geprägten Ländern ist die Kirche mehr als der christliche Glaube, den sie mit Alleinanspruch zelebriert: geschichtliches Überleben, Sprache, Schrift, Ikonografie, Verortung des Heiligseins, Nationalbewusstsein (bis zum Nationalismus ...), Konservierung/Verklärung von Vergangenheit (bis zur Verbauung von Zukunft). Sowas durch Schweigen zu ignorieren ist sträflich.
Rumänien ist sicher nicht Georgien. Aber die Nähe zur Ukraine und zur Moldau verschärft das Problem orthodoxer Geopolitik in diesem Raum. Mit der (noch fernen) EU-Aufnahme unserer beiden Nachbarstaaten entsteht ein problematischer orthodoxer Fünfer-Block, der zerrissen ist zwischen Moskau und Brüssel. In der Ukraine gibt es eine autokephale orthodoxe Kirche, gegründet 2018-19, und eine weiterhin moskauhörige. Die – auch politische – Kluft zwischen beiden ist seit 2022 unüberbrückbar – ein Staatsproblem der Ukraine.
Ähnlich in der Rumänien näheren Moldau. Dort gibt´s die Moskau untertane Metropolie der Moldau und die Metropolie Bessarabiens, die sich der Patriarchie von Bukarest unterwirft. Wie Moskau über die moldauische Popenschaft Einfluss nahm auf die jüngsten Wahlen, ist dokumentiert.
Feststeht: Russland weiß, zum Unterschied vom naiven Brüssel („Religion ist Privatsache“), welche Macht es vermittels Orthodoxie in seinen Einflussländern auszuüben vermag. Handelt folgerichtig. Mit Kyrill I., bürgerlich Wladimir Michailowitsch Gundjajew (KGBistisch “Michailow“), voran. Moskau weiß, dass in orthodoxen Ländern die Kirche mehr ist als irgendeine Partei, als Medien und Influencer, als staatliche Verwaltung. Die Kirche des Dritten Rom handelt als Ideologiespitze der „russischen Welt“ und des „Russki Mir“: Glaube, Geschichte, Sieg, Sprache, Zivilisation, Familie, Recht – strikt glaubens- und moskauzentriert. Sobald in einem Land – Ukraine, Moldau, Georgien – das Nationale in den Vordergrund rückt (was Autokephalie, das Grundprinzip der Orthodoxie, eh voraussetzt), wird jedes Land zum Feindesland, das durchs Prinzip „Sieg“ (Glaube, Gedächtnis und nationale Identität werden zu Waffen des hybriden Krieges) niederzuringen ist. Patriarch Kyrill befürwortet Krieg zum Zweck des Triumphierens Moskaus.
Für Ukraine und Moldau ist autokephale Kirche Teil der Unabhängigkeit, der Freiheit des Beitritts zur EU. Bleibt aber ein EU-Problem.





