Randbemerkungen: Sicher wieder wir!

Erst die gesamteuropäische Langzeitdürre dieses Sommers klärte die Öffentlichkeit Rumäniens darüber auf, dass man seit 20 Jahren genau weiß, dass die Donau in Richtung Kernkraftwerk Cernavod˛ vertieft, dass der den Lauf des Nebenarms Richtung Kernkraftwerk verändernde Felssporn Pîrjoaia längst weggesprengt hätte sein müssen – und dass es seit gut 20 Jahren dazu Pläne gibt. Trotz aller Pläne – die selbstverständlich auf wissenschaftlichen Berechnungen fußen (sollten, müssten?!) – gab es beim wiederholten Versuch, fünf vor Zwölf der Donau den Weg als Kühlwasser des Kernkraftwerks doch noch irgendwie durch Sprengung und Stauversuch mittels versenkten Schleppkähnen (!!) „freizumachen“, ein nationales Riesengaudi ob der Unfähigkeit der Beauftragten, ihre Mission zu erfüllen.

Eigentlich waren sie als nackte Retter in der Not angetreten und standen vor einer unmöglichen Aufgabe – während Dutzende hochbezahlte Verantwortliche, die in 20 Jahren die absolut als nötig erkannte und benannte Aufgabe einfach hinausgeschoben, in Aktenschränken oder Schreibtischschubladen verstauben ließen. Niemand hat diese je beim Namen genannt, geschweige denn zur Verantwortung gezogen. Die Kosten – verteuerter Strom, Gefahr von Blackouts, Unsicherheit der Kontinuität der Stromversorgung – tragen wir alle. Am stärksten düpiert: niemand stellt sich offiziell und laut die Frage, wie es dazu kommen konnte. Hingegen stimmt das Parlament frisch-frei-munter für den Bau von Wasserkraftwerken in Naturschutzgebieten und brüstet sich auch noch mit einem „Sieg“ über die Naturschutz-NGOs (und die ihnen nahestehende USR), die derlei, letztendlich klima- und umweltgefährdende, Projekte zu stoppen versucht hatten.

Der Flop mit den Schleppkähnen und der Sprengung ist ein Symptom für Aktionsunfähigkeit, des fehlenden strategischen Denkens derer, deren Aufgabe die Energiesicherheit sein müsste, wozu es der Kohärenz des Denkens, Planens und der Aktion bedürfte. Schleppkähne voller Bruchstein und verzweifelte, unprofessionell trottelige Sprengungen sind Ausdruck dieses Symptoms. Dass das Kernkraftwerk dann noch zwei Tage mit einem Reaktor funktionieren konnte – die dämliche Folge eines Riesenaufwands. Und einmal mehr muss man sich fragen: wer trägt die Verantwortung, wer die Kosten? Letztere: sicher wieder wir!

Ähnlich, nur in viel größerem Maßstab, lief es mit dem Nationalplan für Wiederaufbau und Resi-lienz, PNRR. Sehr vieles wurde auf den letzten Augenblick hinausgeschoben. Jetzt darf man gespannt sein, wie viel vom bereits kassierten EU-Geld wegen nicht eingehaltener Versprechen/Projektabschlüssen der EU erstattet werden muss. Was Chancen hat, noch irgendwie bis Jahresende fertig zu werden – ab dem 1. September muss es aus Haushaltsmitteln bezahlt werden. Nix mehr EU-Unterstützung!

Die jetzige Energiekrise offenbarte, dass die  Energieproduktion Rumäniens stetig gesunken ist: 2023 betrug sie 25.432 GWh, 2026, als Cernavod˛ noch im Vollbetrieb war, 22.327 GWh ... Stromkrise ist also nicht nur in den Abendstunden, wie weisgemacht, wenn massiv Energie importiert wird, Stromkrise droht permanent, als Folge von Unterproduktion. Und das Wiederanfahren der Kohlenkraftwerke ist bestimmt nicht „die Lösung“ – es sei denn für denkbehinderte PSDler. In den drei Jahren seit 2023 sank die Energieproduktion in vier von fünf Bereichen: Thermo, Hydro, Wind und Kernkraftwerk. Nur die Sonnenenergie lieferte mehr Strom, denn die „Parks“ wurden in diesen Jahren vervierfacht (um 1600 GWh). Wobei die Bevölkerung zunehmend aktiv mitmacht. Gleichzeitig hat die Bevölkerung ihren Eigen-Stromverbrauch um über 300 GWh gesenkt. Das aktuelle Paradoxon der rumänischen Energiewirtschaft: Man exportiert tagsüber billigen Strom nach Bulgarien, wo er gespeichert wird und abends verteuert zurückgeschickt wird ... typisch Langzeit- Planungssache ŕ la Roumaine.