Dass historische Entwicklungen nicht allein durch Revolutionen und Brüche, sondern ebenso durch Kontinuitäten, Traditionen und gewachsene Strukturen geprägt werden, betonte Dr. Dr. Rainer Bendel zur Eröffnung der diesjährigen Fachtagung des St. Gerhards-Werkes e.V. und des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südost-europa e.V. mit einem Verweis auf ein Zitat des Politikwissenschaftlers und ehemaligen bayerischen Kultusministers Hans Maier. Die von Maier betonte Balance zwischen Wandel und Kontinuität bildete zugleich den gedanklichen Rahmen der Veranstaltung, die an eine Reihe früherer Fachtagungen anknüpfte und in kleinem Rahmen im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen, Deutschland, stattfand. Forscher und Interessierte aus mehreren Ländern nahmen sowohl vor Ort als auch online an den Vorträgen und Diskussionen teil.
Im Mittelpunkt der Fachtagung standen die gesellschaftlichen, kirchlichen und kulturellen Transformationsprozesse nach den politischen Umbrüchen von 1989/90 in Ostmittel- und Südost-europa. Aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven wurden die Entwicklungen in Rumänien, Ungarn und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens beleuchtet. Dabei richtete sich der Blick nicht nur auf die tiefgreifenden Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte, sondern ebenso auf jene Kontinuitäten, Traditionen und kulturellen Prägungen, die politische und gesellschaftliche Entwicklungen bis heute beeinflussen. Besonderes Augenmerk galt der Rolle von Kirche, Religion und Minderheiten in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung.
Die Unterzeichnende dieses Beitrags stellte zu Beginn der Tagung die Entwicklung der deutschsprachigen Presse im Banat vor. Anhand der Geschichte des Neuen Wegs, der Neuen Banater Zeitung und der heutigen Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien zeigte sie, wie sich die deutschsprachigen Medien von Zensur und staatlicher Kontrolle zur Pressefreiheit entwickelten. Zugleich wurde deutlich, welche Bedeutung die Presse für die Bewahrung der deutschen Sprache und kulturellen Identität der deutschen Minderheit in Rumänien hatte und bis heute besitzt.
Der Musikwissenschaftler Dr. Franz Metz beleuchtete die Situation der Banater Schwaben und der Diözese Temeswar nach 1989. Er schilderte den religiösen Aufbruch nach dem Ende des Kommunismus, die Wiederbelebung des kirchlichen Lebens und zugleich die Folgen der massenhaften Auswanderung der deutschen Bevölkerung. Die Gründung des Diözesanmuseums in den Räumen des Bischöflichen Ordinariats in Temeswar Mitte der 1990er Jahre sei ein wichtiger Schritt zur Rettung des kirchlichen Kulturguts im Banat gewesen, so Dr. Metz. Unter der Initiative des damaligen Kanzlers und späteren Bischofs Martin Roos wurden Bücher, Bilder und sakrale Gegenstände aus verlassenen Kirchen und Pfarrhäusern nach Temeswar gebracht, um sie vor Diebstahl und Verfall zu schützen. Ein besonderes Anliegen ist Metz die Bewahrung des kulturellen und musikalischen Erbes des Banats, das durch Entvölkerung und Vernachlässigung vielerorts gefährdet ist.
Die ungarndeutsche Kulturvermittlerin Dr. Kathi Gajdos-Frank vom Deutsch-Ungarischen Jugendwerk in Budapest sprach über das Paneuropäische Picknick von 1989 als Symbol für Freiheit, Menschlichkeit und europäische Verständigung. Sie erinnerte da-ran, dass am 19. August 1989 ein unterdrücktes Volk einem anderen den Weg in die Freiheit öffnete und erstmals seit Jahrzehnten DDR-Bürger den Eisernen Vorhang friedlich passieren konnten – ein wichtiges Ereignis im Kontext des Kalten Krieges. Ausgehend von persönlichen Erinnerungen und ihrer heutigen Bildungsarbeit, etwa in Workshops und Projekten der Paneuropäischen Sommerakademie, betonte sie die Rolle von Zivilgesellschaft, Kirchen und freiwilligen Helfern bei der Unterstützung von Flüchtlingen.
Der deutsch-ungarische Jurist, Politikwissenschaftler und Publizist Dr. Bence Bauer widmete sich den christlichen Impulsen und religiösen Akteuren beim Paneuropäischen Picknick. In seinem Vortrag „Glaube öffnet Grenzen: Das Paneuropäische Picknick bei Sopron 1989“ zeigte er, dass die Ereignisse nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit verstanden werden können. Zwar habe der Glaube meist mittelbar gewirkt, doch viele der handelnden Personen seien gläubige Menschen gewesen, sodass religiöse Werte und Bezüge die Entwicklung entscheidend mitprägten. Besondere Aufmerksamkeit galt Persönlichkeiten wie Maria Filep, László Tökés und Pater Imre Kozma. Bauer betonte zudem, dass das Picknick historische, religiöse und geistige Trennlinien überwinden half und erinnerte an das bekannte Wort Helmut Kohls: „Die Erde unter dem Brandenburger Tor ist ungarische Erde“.
Dr. Snezana Stankovic stellte ihre Forschungen zu donauschwäbischen und jüdischen Friedhöfen im serbischen Banat vor. In ihrer Dissertation „Die Welt hinter dem Friedhof. Geschichten von abwesenden Deutschen und Juden im ehemaligen Habsburger Grenzgebiet“ untersuchte sie Friedhöfe als Erinnerungsorte und fragte, inwieweit die Erfahrungen von Holocaust, Vertreibung und Verlust als miteinander verflochtene Geschichten verstanden werden können.
Der Historiker, Kulturerbe-Forscher und Vorsitzender des Deutschen Vereins „Adam Berenz“ in Apatin, Serbien, Dr. Boris Masi, berichtete über das Schicksal des deutschen Kultur- und Kirchenerbes in der Vojvodina nach dem Zweiten Weltkrieg. Er schilderte die Zerstörung und Vernachlässigung zahlreicher Kirchen, Friedhöfe und Archive, stellte aber zugleich die Bemühungen um deren Sicherung vor. Im Mittelpunkt u.a. die dringende Notwendigkeit, gefährdete Bestände zu digitalisieren und langfristig zu erhalten.
Zum Abschluss der Tagung zog Dr. Rainer Bendel, Geschäftsführer des St. Gerhards-Werks, ein Resümee der Veranstaltung. Bendel hob hervor, dass historische Entwicklungen stets im jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden müssten. Die Vorträge hätten gezeigt, wie unterschiedlich Erinnerungen entstehen und wie sich Deutungen von Geschichte im Laufe der Zeit verändern können. Besonders wichtig erschien ihm die Frage, wie gemeinsames Erinnern gelingen könne – nicht als Konkurrenz verschiedener Opfergeschichten, sondern als Grundlage für Dialog und gegenseitiges Verständnis.
In seinem Fazit zeigte sich Kirchenhistoriker Rainer Bendel ausgesprochen zufrieden mit den Ergebnissen der Tagung. Ursprünglich sei die Veranstaltung stärker als „Zeitzeugentagung“ mit dem Schwerpunkt auf Rückblick und Erinnerungsdokumentation geplant gewesen. Umso erfreulicher sei es gewesen, dass die Beiträge weit darüber hinausgingen und durch fundierte Analysen, Argumentationen und vergleichende Perspektiven neue Erkenntnisse ermöglichten. Besonders würdigte er den offenen Austausch, die klar herausgearbeiteten Unterschiede in den Entwicklungen der behandelten Länder sowie die zahlreichen Vernetzungen und neuen Fragestellungen, die sich aus den Diskussionen ergeben hätten.
Die positiven Erfahrungen und die gewonnenen Impulse haben bereits konkrete Planungen für eine Fortsetzung angestoßen. Dr. Rainer Bendel kündigte an, dass im kommenden Frühjahr eine weitere Tagung im Banat stattfinden soll. Inhaltlich wird sie voraussichtlich noch stärker die Narrative, Bilder und Deutungsmuster in den Blick nehmen, die Erinnerung und Geschichtsbewusstsein prägen, so der Veranstalter.





