Schönheit: Trügerischer Schein oder kosmische Essenz?

Über die Bedeutung der Ästhetik für den Menschen

Nahaufnahme einer Pfingstrose: Warum finden wir Blüten schön? Fotos (3): George Dumitriu

Dreimal schön und doch so verschieden: Spiel mit Licht zwischen Vasen

rostige Türangel als bäuerliche Kunst

sichtbare Formel als Fraktal: das „Apfelmännchen“

Ästhetik als Kanalöffner für Spiritualität – das gilt in allen Glaubensrichtungen. Hier: der Buddhisten-Stupa in Velez-Malaga, Spanien | Foto: Nina May

Schönheit. Je älter ich werde, desto wichtiger wird sie für mich. Dabei habe ich vor Jahren noch geschmunzelt, als mein Ehemann mir sein Lebensmotto verriet, ein Zitat von Victor Hugo: „Das Schöne ist ebenso nützlich wie das Nützliche.“ Und gedacht: Klar, er ist  ja Fotograf. Doch durch unser Leben am Dorfrand inmitten der Natur wurde mir bald bewusst, dass Schönheit nicht nur Zierde ist. Nicht nur Bonus zum Nützlichen, das ohne Ästhetik genausogut funktioniert... 

Schönheit erhebt, beflügelt, macht glücklich, vielleicht sogar süchtig, auf angenehme, positive Weise: Der Anblick meines Blumengartens, wenn ich nach Hause komme: Erholung pur! Wie weggeblasen sind Arbeitsalltag, Stadtlärm, Hitze und Gedränge in den Öffis. Statt dessen: Der schillernde Schmetterling, die  Hummel im Lavendel, das taubehangene Spinnennetz – sie lösen Gefühle zärtlicher Liebe und kindlichen Staunens aus. Oder: Die Erhabenheit eines uralten Baumes, einer historischen Kirche, eines Wasserfalls, des nächtlichen Sternenhimmels – sie lässt mich wohlig erschauern und den geistigen Kanal für Höheres öffnen, scheunentorweit! 

Am schönsten aber ist es, selbst Schönes zu schaffen: zu malen, zu schreiben, kreativ zu gestalten, egal wie.  Schönheit ist für mich nicht Schein, sondern eher eine Art  Essenz! Was ist das Geheimnis dahinter?

Neuroästhetik

Die Wissenschaft sagt, Schönheit spricht das Belohnungssytem im Gehirn an. Wenn wir etwas Schönes betrachten, feuern die Neuronen im orbitofrontalen Kortex und das Gehirn schüttet den Glücks-Botenstoff Dopamin aus. Genauso wie bei gutem Essen, Erfolgserlebnissen, positiven Überraschungen, Vorfreude oder Verliebtsein… Dieses Belohnungssystem motiviert uns in der Regel, Handlungen zu wiederholen, die für unser Überleben oder Wohlbefinden wichtig sind. 

Freilich wird es auch manchmal fehlgeleitet durch Proukte der Überzivilisation: Genussmittel wie Alkohol, Nikotin oder Zucker, aber auch das schnelle Klicken auf Social-Media-Content  oder Videospiele führen zu einer raschen Dopaminfreisetzung, wobei solche ständigen kurzen Dopamin-Kicks das Gehirn abstumpfen lassen. Mit der Zeit braucht man dann immer öfter immer höhere Dosen. 

Beim Gang in den Garten kann das nicht passieren: die Rosen sind einfach da. 

Ästhetische Erlebnisse senken nachweislich die Aktivität der Amygdala, haben Forscher ebenfalls herausgefunden. Das ist der Neuronenkern, der unser Angst- und Stresszentrum steuert. Das Stresshormon Cortisol wird reduziert, der Körper schaltet in den erholsamen Parasympathikus-Modus. 

Das Erleben von Schönheit fördert außerdem die Fähigkeit des Gehirns, neue Vernetzungen zu bilden. Neuroplastizität nennt das die Wissenschaft. 

Kreativer Flow

Vor allem aber kreativer Flow – das ist der Zustand des Schaffens von Schönem, in dem man sich oft fragt, bin ich das, oder wirkt da etwas Höheres durch mich? – fördert die Neuroplastizität massiv. In diesem Zustand wird ein „Cocktail“ an Neurotransmittern frei, der Aufmerksamkeit, synaptische Plastizität und synchrone Vernetzungen verschiedener Gehirareale fördert. Beim kreativen Schaffen arbeiten Gehirnregionen zusammen, die im Alltag selten gleichzeitig aktiv sind. Deshalb fällt einem dann auch so viel Neues ein! Erfindungen, Entdeckungen, Ideen für neue Geschichten oder wissenschaftliche Theorien entstehen  im Zustand des Flow.

Bildgebende Verfahren am Gehirn zeigen, dass regelmäßiges kreatives Arbeiten wie Musizieren, Malen oder Schreiben zu einer Zunahme der grauen Substanz und einer besseren Vernetzung dieser Areale führt.

Freilich kann man auch kreativ kochen, basteln, tanzen, schneidern, fotografieren… Ein Hobby ist also keine Zeitverschwendung, kein unsinniger Ressourcenverbrauch, sondern eine Investition in unsere Fähigkeiten. Sofern wir es kreativ und mit Leidenschaft ausüben, sprich, es so richtig „schön“ finden. 

„Schön“ ist universell

Was aber ist das: schön? Schwer zu definieren, obwohl jeder weiß, was gemeint ist, wenn wir einfach nur sagen, „das ist schön“. Und: Das Attribut „schön“ gilt in allen Lebensbereichen. Schön kann ein winziger Moment sein – das lang erwartete Klingeln des Telefons, ein Anblick, eine Erinnerung, eine Empfindung, eine Berührung, aber auch ein ganzer Lebensabschnitt – die Kindheit, die Ehe, die Zeit in der Heimat, der Aufenthalt in einem anderen Land. Schönheit kennt keine Grenzen, weder in Zeit noch Raum. Schön können Wesen oder Dinge sein, abstrakte Strukturen und – ja, sogar Formeln, zumindest für Mathematiker. Und wenn man sie bildlich darstellt, zum Beispiel als Fraktal, dann sogar für andere, siehe unten das Bild vom sogenannten „Apfelmännchen“.

Vieles ist an Schönheitsempfinden aber auch unerklärlich: Warum finden wir Blüten schön? Nüchtern betrachtet sind sie doch einfach nur Geschlechtsorgane von Pflanzen. Warum finden wir diese ästhetisch und die von Tieren eher nicht? Schönheit liegt offenbar jenseits von Funktion. 

Ästhetik spricht essenzielle Bedürfnisse an

Im kreativen Flow des Schreibens komme ich zu einer These: Ästhetik spricht zwei essenzielle Aspekte an, um die es im Leben geht – Wachstum und Verbundenheit. Dies sind die beiden Grundprinzipien, die der werdende Mensch schon aus dem Mutterleib kennt – und dann sein ganzes Leben sucht. Wachstum bedeutet: Entwicklung, Fortschritt, Streben, sein bisheriges Ich übertreffen, über sich selbst Hinauswachsen, dieses Selbst damit immer wieder neu definieren, also: Schaffen oder Erschaffen. Wachstum begleitet uns durchs Leben bis ins hohe Alter, denn selbst neben dem körperlichen Verfall gibt es immer die Möglichkeit zu wachsen: geistig oder seelisch. Es ist nur der Fokus, der sich verschiebt. 

Verbundenheit aber bedeutet: Aufmerksamkeit, Kommunikation, Wechselwirkung, Zugehörigkeit und in der höchsten Form: Liebe. Auch Verbundenheit hat einen physischen und einen geistigen Aspekt. 
Reduzieren wir diese beiden Dinge, die uns offenbar glücklich machen, auf zwei Worte, bleiben „Erschaffen“ und „Liebe“. Welche Rolle spielt Ästhetik dabei? 

Der Drang zum kreativen Schaffen von schöner Kunst oder erhebender Architektur ging im Lauf der Geschichte immer mit einer Huldigung für die Götter oder Gott einher. Für den Künstler war diese Hingabe seine Annäherung an den Schöpfer, sein Wachstum in Richtung Göttlichkeit, aber auch seine Verbundenheit mit dieser. Architektonische Schönheit erhebt aber auch den Betrachter, eröffnet in ihm den Kanal nach „oben“, schafft Gemeinsamkeit und Verbundenheit zwischen den Menschen, die dieses Erleben teilen. Der sternenübersäte Nachthimmel vereint versammelte Menschen im Empfinden von Staunen und Erhabenheit, selbst dann, wenn sie sonst keine gemeinsame Sprache haben. So ist Ästhetik, auch wenn  individuell und kulturell beeinflusst, eine Art universelle Sprache. 

Schönes weist den richtigen Weg

Das Gehirn liebt Symmetrien, klare Strukturen und Proportionen, denn diese lassen sich leicht erfassen, sprich, mit minimalem Energieaufwand, was von diesem mit dem Gefühl von Schönheit belohnt wird, so die Hirnforschung. Wenn wir also etwas schön finden – bei mir war es seit frühester Kindheit die Wissenschaft, es kann natürlich auch Musik, Malerei oder Modellflugzeugbastelei sein – ist es sehr wahrscheinlich, dass wir auch Talent dafür, sprich, die passenden verarbeitenden Gehirnstrukturen haben. So ist das „schön finden“ einer Tätigkeit schon mal ein guter Hinweis, worauf man sich als Hobby, schulisch oder beruflich einlassen sollte. Vergeblich wählt man „vernunftbasiert“ einen „geldigen Beruf“. Das, wofür das Herz schlägt, bringt Erfolg! Wobei das Herz im Laufe eines Lebens auch viel Neues entdecken kann – was das Bedürfnis nach Wachstum bestätigt.

Schöner Schein? Nein, falscher Fokus!

Freilich kann Schönheit auch täuschen: Symmetrische Formen signalisieren dem Gehirn  intuitiv biologische Fitness und damit implizit Intelligenz und Gesundheit, weswegen körperlich schöne Menschen nachweislich mehr Erfolg in Berufsleben und Partnerwahl haben, was die Psychologie als Halo-Effekt bezeichnet. 

Das eigene Schönheitsempfinden kann man aber auch „umprogrammieren“, so meine Erfahrung: Je stärker die geistig-seelische Verbundenheit zu jemandem, umso schöner erscheint mir dieser Mensch, unabhängig von der „objektiven“ Attraktivität. 

Schönheit gibt es also auch jenseits der physischen Ebene. Vielleicht liegt da  sogar ihr Ursprung: Jenseits des Gehirncomputers, in dem berechenbare „Programme“ laufen, im nichtphysischen Bewusstseinskern des freien Willens, erschaffend und verbindend, in Liebe? Dann wäre sie tatsächlich eine Art „himmlische Essenz“...