Das Erinnerungsbuch des Buchbindergesellen Adam Henß (auch Henss) aus Mainz, später angesehener Bürger und Buchbinder-Meister in Weimar, erschienen 1845 in Jena, hat im Laufe der Zeit immer wieder Interesse geweckt. So erschien 1923 eine leicht veränderte und neu gegliederte Auflage in der Reihe Hessische Volksbücher als Nr. 49/50 unter dem Titel „Aus dem Tagebuch eines reisenden Handwerkers“, in neuerer Zeit brachte Jutta Seitz eine wertvollere Neuausgabe mit Erläuterungen unter dem Originaltitel heraus (Mandragora-Verlag, München, Münster, 384 Seiten).
Weniger bekannt und beachtet wurde von den Banatern das für uns heute interessante und einzigartige Kapitel über diese Region, die im Original zwei Teile umfasst im Unterschied zur Ausgabe von 1923. Es handelt sich um Erinnerungen an die Reise in das damalige Ungarn 1796 und 1797, und die „Rückreise aus Ungarn 1797-1798“, das Kapitel 6 im Original, das den Wanderweg des damals schmächtigen, unausgewachsenen und militäruntauglichen 17-jährigen Buchbindergesellen umfasst. Angedacht war, da ihm der Aufenthalt im ungarischen Teil des Wanderweges vor allem gesundheitlich nicht bekommen hatte, eine Reise nach Siebenbürgen, weil dort „...das Klima der Gesundheit zuträglicher, und die Deutschen seien zahlreich, es sei ein besserer Lohn zu verdienen, auch werde schönere Arbeit gemacht als in dem Teil von Ungarn, wo ich mich bis jetzt aufgehalten hatte.“
Der Weg führte ihn von Peterwardein durch das Banat nach Temeswar (so die Schreibweise im Original), wo er hängen blieb weil er „leider“ gleich Arbeit fand. Die Erinnerungen an die Stadt vor 230 Jahren sind es wert, aus Raumgründen zumindest teilweise, festzuhalten.
„Das freundliche wohlgebaute Temeswar machte einen angenehmen Eindruck auf mich. Die Einwohner der Innenstadt waren meistens Deutsche; hier sprach sich Wohlhabenheit und Wohlleben aus. Der bürgerliche Tisch war überall wohlbestellt. Außer der gewöhnlichen Suppe, Fleisch, Gemüse oder trefflicher Mehlspeise waren täglich Braten oder auch gebratene Hühner oder Tauben eine Zuspeise, die oft wenig berührt wurde, dazu ein treffliches Weizenbrot das freilich den zweiten Tag weniger schmackhaft war als den ersten. Auch ein gutes Glas Wein und eine Melone zum Nachtisch fehlte nicht.“
Weiter lobt der Wandergeselle die Zubereitung der Speisen. „In den deutschen Haushalten isst man immer gut, ohne dass man sie der Verschwendung beschuldigen dürfte.“ Speisen und Trank (Wein) waren verhältnismäßig günstig, Aber rotwangige Gesichter waren bei den Bewohnern selten und sie sollen auch nicht „sonderlich“ alt geworden sein.
Hingegen hatte der Jugendliche mit der „furchtbaren und erschlaffenden Hitze“ zu kämpfen, besonders mittags. Er erinnerte sich nicht, dass diese „während einiger Monate einmal durch einen frischen Wind abgekühlt worden wäre“. Weil die Abende und Nächte ebenso warm waren, „trugen Gesellen und Dienstmädchen am Spätabend ihre Betten in den geräumigen Hof, den das große Haus im Viereck umgab. Dort schliefen vielleicht fünfundzwanzig Personen, zum Teil in dem Hofraume herum zerstreut, zum Teil beisammen. Ein tolles Treiben hielt gewöhnlich eine halbe Stunde an, ehe es allmählich still wurde.“
Schlechtes Trinkwasser
Der Autor Henß vermerkt noch ein weiteres Problem, das ihm große Beschwerden und Krankenhausaufenthalte verursachte: „Neben der schrecklichen Hitze hat Temeswar auch noch das Übel, daß das Trinkwasser, das aus dem kleinen Flüsschen, der Tammes (Temesch), durch eine Wasserkunst in die Höhe gehoben, geläutert und durch Röhren in die Stadt geleitet wird, nicht gut ist. Bei der glühenden Hitze trank ich viel Wasser und verschlimmerte meinen Zustand von Tag zu Tag. Ich hatte furchtbares Kopfweh, die Kniee und Ellenbogengelenke waren schlaff wie ein schlotterndes Taschenmesser, ich konnte mich nicht mehr aufrecht erhalten und wurde in das Bürgerhospital gebracht.“
Die beschriebenen Zustände, die Belegung der großen Räume ohne Vorhänge im Stadtspital sind unvorstellbar für uns heute. „Der Arzt ging täglich ziemlich gleichgültig durch den Saal, der Wärter war hämisch und grob, und kein freundliches, tröstendes Wort vernahm ich in meinem Leiden.“ Ein folgendes „furchtbares Gewitter“ führte zu einer derartigen Abkühlung, dass sie den Zustand des Patienten nach eigener Ansicht so „erkräftigte“, dass er das Spital verließ und die Arbeit wieder aufnahm.
Außerdem musste er die im Spital genossene Kost und die Hälfte der daselbst empfangenen Arzneien bezahlen. „So verließ ich Temeswar mit noch vierundzwanzig Kreuzern in der Tasche. Den Gedanken, nach Siebenbürgen zu gehen, hatte ich jetzt aufgegeben.“
Im folgenden Abschnitt der Wanderung liefert der Geselle Bilder der Dörfer und der Landschaft: „Nichts macht sich auf der Heide bemerkbar als die Balken der Ziehbrunnen, woran die Eimer schweben, womit das Wasser zum Tränken des Viehs geschöpft wird. So schreitet der Wandrer über die einförmige Heide, wo ihn kein schattender Baum und keine rieselnde Quelle labt und keine Aussicht erquickt.“ Aber die Häuser sind gepflegt, das „Innere“ gewöhnlich sehr reinlich und die Betten „wahre Prunkstücke“. Gelobt wird ebenso die meist „sehr reinliche“ Kleidung der Frauen und Männer. Im Bericht hält der Wanderer auch Angaben zu Wirtschaftsbauten und zu Erntearbeiten fest.
In diesem Teil über die Rückreise nach Deutschland finden sich noch einige interessante Zeitzeugen-Aussagen, die der Autor als „Lichtpunkte“ seiner „mühsamen Wanderung“ festhält. Sie beziehen sich auf den Besuch in Ortschaften, deren deutsche Bewohner vor nicht mehr als einem Jahrzehnt eingewandert waren aus dem Raum, aus dem er kam: aus der Gegend von Mannheim, Worms, Alzey oder Frankenthal. Er nennt sie „meine Landsleute“ und die Begegnungen waren für den oft hilflosen Fremden bestärkend. Sie erzählten ihm von den „klimatischen Krankheiten“, mit denen sie anfangs zu kämpfen hatten und denen viele erlegen waren. „Jetzt waren sie eingewöhnt und, wie mich der Anschein lehrte, meistens wohlhabend.“ Über Arad verließ er das Banat.
Am Ende der weiteren Wanderschaften beschreibt sich der Geselle selbst als inzwischen hochgewachsen, kräftig und militärtauglich. Er wird zum Schluss erfolgreicher Buchbindermeister, angesehner Bürger und Stadtrat in Weimar, wo er seine letzte Ruhe fand. (Geb. am 8. März 1780 in Mainz, gestorben am 4. Januar 1856 in Weimar, eine ausführliche Biografie ist bei Wikipedia eingestellt).








