Wie die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien und auch die Banater Zeitung mehrfach berichteten, wurden die drei Hehn-Schwestern am 5. Juni 2026, in ihrem Geburtsort Lowrin, gemeinsam geehrt. Die Laudatio auf die Familie Hehn, die auch die bekannten Eltern der Töchter einschloss, hielt Dietlinde Huhn, über Ilse Hehn im Besonderen sprach Werner Kremm. Beide haben die Veranstaltung, die große Beachtung fand, auch angeregt und in die Wege geleitet.
Im letzten Jahr erschien im Pop Verlag Ludwigsburg das umfangreiche und in jeder Hinsicht eindrucksvolle Buch Ilse Hehns Legst du dich in Schrift. Zeit der Ebbe (2025, ISBN 978-3-86356-425-4, Reihe Lesezeichen, Band 5, 624 Seiten), das im Mittelpunkt der Lesung am 18. Juni 2026, im Haus der Heimat Nürnberg, vor einem recht zahlreich erschienenen, aufmerksam mitgehenden Publikum, stand. Oberstudienrat i.R. Horst Göbbel führte in gründlicher und aufmerksamer Kenntnis der Biografie der Autorin und ihres Werkes durch die Lesung.
Ilse Hehn fiel, neben Anemone Latzina und wenigen anderen deutschsprachigen Dichterinnen und Schriftstelle- rinnen in Rumänien, bereits Ende der 1960er Jahre durch ihren bemerkenswert lebendigen, eigenwilligen auch unbehaglich klingenden lyrischen Schreibton und vornehmlich durch ihre eigenartig bildhafte Sprache auf, wobei die Bildhaftigkeit ihrer Lyrik vermutlich auch mit ihrer Betätigung als Malerin und bildende Künstlerin zusammenhing. Ihr 1973 im Kriterion Verlag in Bukarest erschienener Gedichtband So weit der Weg nach Ninive belegte dies damals bereits eindrucksvoll. Zu diesem Buch schrieb die bekannte Temeswarer Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin Eva Marschang noch im gleichen Jahr in der Neuen Banater Zeitung: „Ilse Hehn ist in thematischer und formaler Hinsicht dem Zeitgenössischen in der Lyrik verschrieben. Sie verschmäht Reime und regelmäßige Rhythmen, deren Glätte auch schwerlich in Einklang zu bringen wäre mit der Atmosphäre des Unruh- und Verhängnisvollen der vorliegenden Gedichte. Hehn prägt Bilder für die Ängste und Beklommenheiten des Zeitgenossen.”
Von der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war zu dem 1976 im Facla Verlag in Temeswar erschienenen Lyrikband Flussgebet und Gräserspiel ebenfalls noch im gleichen Jahr in der Neuen Banater Zeitung zu lesen: „Die Sprache ist bei Ilse Hehn das Mittel, durch welches die tiefen Räume unserer Innenwelt erhellt werden. Die Mahnungen und Warnzeichen der Ingeborg Bachmann klingen an, das bedrückende Gefühl der Vereinsamung und Fremdheit. Der Protest der Autorin gilt der Mittelmäßigkeit, dem Stumpfsinn, die unter der Maske der Wohlerzogenheit und hinter dem Vorwand der Gemütsruhe wurzeln und gedeihen. Fast alle Gedichte sprechen die Notwendigkeit aus, jeder Starrheit vorzubeugen durch das tägliche bewusste Anderswerden um der Menschlichkeit willen.”
Das waren in beiden Fällen treffliche Kennzeichnungen der damaligen und auch späteren Schreibweise Ilse Hehns.
Am Anfang der Lesung in Nürnberg standen denn auch zunächst frühe Gedichte aus Rumänien. Der Fortgang folgte sodann zumindest in groben Zügen dem biografisch-chronologisch geordneten Aufbau des das Gesamtwerk gleichsam zusammenfassenden Bandes, der im Mittelpunkt stand und aus dem gelesen wurde. Allerdings wurde die Lektüre gleichzeitig klug vom Moderator gesteuert und immer wieder durch die Autorin kommentiert und erläutert. Nach den Zeiten in Rumänien rückte der biografische Einschnitt durch die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland Anfang der 1990er Jahre und der Niederschlag, den dies in der Kunst Ilse Hehns fand, in den Vordergrund.
Es wurden verschiedene Gedichte und Texte, die die neuen Lebens- und Erfahrungswelten reflektierten, gelesen. So kam Ulm, ihr neuer Lebensmittelpunkt, als kultur- und geschichtsbedeutsame Stadt zur Darstellung. Und natürlich der weitläufige, erlebnisgestützte Rundblick in die Ferne, der im Westen möglich wurde. Etwa von Fernweh getragene Gedichte aus dem Band Tage Ost-West (2015); ebenso eindrucksvolle, in lyrischer Prosa gehaltene Reiseimpressionen aus den übrigens auch reich (von der Autorin selbst) illustrierten Bänden Roms Flair in flagranti (2020) und Diese Tage ohne Datum (2022), die beispielsweise in die weiten Landschaften Lapplands, nach Capri und natürlich nach Rom und Italien führen. In einer besonderen Weise exotisch wirken die dem deutsch-japanischen Band Randgebiet (2010) entnommenen Kurzgedichte, wobei das Gedicht „Im Fischnetz” exemplarisch gelesen wurde, das wie folgt lautet: „nächtlich zersägt der Schlaf die / Kähne nach Sansibar / nächtlich tötet der / Lichtkegel des Mondes / unser Lied im Fischnetz”.
Großes Interesse fanden bei den Teilnehmern natürlich ebenso die Kurzportraits einzelner bekannter Schriftsteller, Literaten und Künstler aus Rumänien. Die Zeitreise führte zudem nachdenklich zu der durch ein Photo des Vaters Hans Hehn „Mann mit Hut” erinnerte Ereignis der Flucht der Familie Hehn 1944 zurück. Über diesen bekannten Banater Photographen, der auch Photos von der Deportation 1951 in den B²r²gan machte, wurde übrigens unlängst ausführlicher von Peter-Dietmar Leber in der Banater Post (Nr. 5-6, vom 15.3.2026, S. 11) berichtet. Und das besagte Bild von ihm zur Flucht findet sich nebst Gedichten von Ilse Hehn in dem Band Flucht der Deutschen aus dem Banat im Herbst 1944 (2024).
Die Bilder und Übermalungen der Künstlerin, die am Ende der Lesung gezeigt wurden und die die Gedanken und Eindrücke dieser Veranstaltung nochmals visuell untermalt verstärkten, bezogen sich unter anderem auf den zweisprachigen Band Irrlichter. Kopfpolizei Securitate, Collagen, Gedichte, Notate / Lumini în{el²toare. Poli]ia min]ii Securitatea. Poezii, insemnâri, colaje, pictur² (2013), in dem sich die düsteren Erfahrungen Ilse Hehns mit der rumänischen politischen Polizei, der Securitate, in einer künstlerisch ganz eigenen Weise verarbeitet finden. Und den sicherlich auch ethnologisch-zeithistorisch wertvollen Doppelband Heimat zum Anfassen oder: Das Gedächtnis der Dinge (2013), der Gegenstände und Artefakte der banatschwäbischen Lebens- und Alltagswelt anschaulich festhält und erinnerlich macht, bekräftigt durch Zitate aus Werken Banatdeutscher Schriftsteller.
Durch diese Lesung gelang Ilse Hehn und ihrem Moderator eine lebendige und eindrucksvolle Reise durch Zeiten und Räume und zugleich durch Zeitbilder und Kunsträume. Dabei zeigte sie sich einmal mehr als vielseitige Künstlerin, die zu den bemerkenswertesten Frauen aus dem Kreis der Deutschen aus Rumänien und der Banater Schwaben zählt und die zugleich, aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als Kunstlehrerin in Mediasch, auch ein gutes Stück zu Siebenbürgen gehört.





