Strahlendweiß erhebt sie sich gegen den blauen Himmel. An der Fassade weist ein Plakat auf ein ehrgeiziges Renovierungsprojekt hin: „Konsolidierung, neuer Außenverputz, Austausch der Fenster und des Dachs, Neugestaltung von Innenhof und Umgebung, Regenwasser-Ableitung, Beleuchtung von Gebäude und Hof. Nutznießer: die evangelische Stadtpfarrkirche in Bukarest“, darunter ein Bild als Zukunftsprojektion: eine stimmungsvoll beleuchtete Kirche. „Arbeiten finanziert vom Bürgermeisteramt Sektor 1“, steht dann noch da. Bravo – ein Vorzeigeprojekt, denkt man als Passant...
… und sieht vielleicht gar nicht, dass das strahlende Weiß trügt. Dass tatsächlich die nackten, nur grob übertünchten Ziegel schon seit über zwei Jahren Wind und Wetter ausgesetzt sind. Dass das Plakat da nur hängt und hängt und sich nichts ändert. Dass es längst reinregnet in die innen bereits renovierte Kirche, wovon schmutzige Wasserflecken an der Decke zeugen. Dass die Bausubstanz weiter leidet, was das die ursprünglich veranschlagten Kosten exorbitant in die Höhe treiben könnte... „Manchmal sage ich sarkastisch, man restauriert an dieser kleinen Kirche schon so lange, als wäre sie der Kölner Dom“, bemerkt Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli bei unserem ersten Gespräch diesen Sommer. Zu dem Zeitpunkt war das Projekt völlig festgefahren.
Doch kurz danach die frohe Botschaft: Inzwischen habe sich ein Lichtblick aufgetan, teilt Zikeli mit. „Wir haben nach erfolgreichen Verhandlungen das Geld nun doch erhalten. Mit der Teilfinanzierung des Staatsekretariats können die Arbeiten fortgesetzt werden. Um sie jedoch abzuschließen, braucht es weitere Unterstützungen, weil inzwischen alles teurer geworden ist und die Unsicherheit vonseiten der Behörden aus meiner bisherigen Erfahrung immer noch bestehen bleibt.“ Auf Spenden werde man also dennoch angewiesen sein.
Jede helfende Hand zählt
Und die Zeit drängt: Denn 2028 steht das 175-jährige Jubiläum der Einweihung der Kirche ins Haus, das mindestens so groß gefeiert werden soll, wie seinerzeit das 150ste, verrät der Pfarrer. Nun müssten dringend die fast fertigen Innenarbeiten abgeschlossen werden, damit auch die Restaurierung der berühmten Walker-Orgel in Angriff genommen werden kann. „Doch wir können damit nicht beginnen, weil die Innenarbeiten die Arbeiten an der Orgel beeinflussen – und auch die dauern über ein Jahr“, erklärt Zikeli. Die kostbare Orgel wird hierfür nicht ausgebaut, nur wenige Teile müssen in die Werkstatt nach Honigberg transferiert werden, die mit der Restaurierung betraut wurde.
Der Beginn der Arbeiten an der Walker-Orgel – von der es zwei Stück in Bukarest gibt, eine wurde extra für die Kirche angefertigt und die andere befindet sich im Athenäum – sei schon lange durch eine großzügige Spende eines ehemaligen Gemeindemitgliedes und eine Spendensammelaktion von vor acht Jahren gesichert, wobei die Gelder allerdings nicht ganz ausreichen werden, ergänzt Zikeli... Von daher sei man auf weitere Spenden angewiesen. Die man aber wegen der langen Verzögerungen nicht mehr gesammelt habe, zu vieles lag im Ungewissen. Auch Spender möchten schließlich zeitnah wissen, was mit ihrem Geld passiert.
Unglückliche Verstrickungen
Doch wie kam es überhaupt zu dieser misslichen Lage? Um die Geschichte aufzurollen, muss Dr. Zikeli weit ausholen – bis ins Jahr 2007, als alles begann: Da sei der Kirchturm konsolidiert worden und aufgrund verschiedener seismischer Tests habe man festgestellt, dass auch die Kirche dringend gegen Erdbeben befestigt werden müsse. Das sei dann auch geschehen.
Die Initiative für die anschließende Restaurierung sei vor fünf Jahren vom Bürgermeisteramt des Bukarester Sektors 1 ergriffen worden. „Die Region ist historisches Stadtgebiet und die Kirche – eine konfessionelle Kirche mit großer Geschichte – gehört ja nicht der evangelischen Gemeinde, sondern der Stadt Bukarest“, erklärt der Pfarrer. Insofern sei es auch Aufgabe der Behörden, sich für den Erhalt zu engagieren.
Die Partnerschaft mit dem Bürgermeisteramt wurde unterzeichnet, aber dann fanden Wahlen und ein Personalwechsel statt und eine Weile geschah nichts mehr. Die Botschafter Deutschlands, der Schweiz und Österreichs setzten sich daraufhin massiv für das Projekt ein. „Dann ging es irgendwann mal los, aber das Geld kam sehr armselig, die versprochene Summe, um die Arbeiten zu starten, wurde zerstückelt, es kam nur ein kleiner Teil und irgendwann dann die Restsumme“, beschreibt Zikeli den holprigen Beginn.
Die Kirchgemeinde musste eine Baufirma wählen und man entschied sich für eine, die gute Kontakte zum Bürgermeisteramt hatte, und angeblich auch Erfahrung mit historischen Denkmälern. Doch im Laufe der Arbeiten erhärtete sich der Verdacht, dass die Firma nicht seriös war. Angeblich erfolgte Arbeitsschritte konnten nicht nachgewiesen werden, die Ausgaben waren nicht transparent. „Sie wollten nur das schnelle Geld, aus meiner Sicht haben sie mit mafiotischen Methoden gearbeitet“, beklagt Zikeli. Auch seien, wie inzwischen Gutachten zeigten, nicht immer die korrekten Materialien verwendet worden. Die Zahlungen wurden daraufhin seitens der Kirche eingestellt – es kam zum Rechtsstreit, der sich nun über Jahre hinziehen kann. Gottseidank gab es keine Sperrung der Bauarbeiten, erklärt Zikeli.
Der schrecklichste Moment aber sei für ihn gewesen, als die Firma alle Aktivitäten abbrach und über Nacht das Außengerüst abbaute. Der alte Putz an den Wänden war bereits abgeschlagen worden, die rohen Ziegel nun Wind und Wetter ausgesetzt. Das war vor rund zweieinhalb Jahren. Noch immer steht die Kirche „nackt“ da.
Das Bürgermeisteramt stellt sich tot
Das zuständige Bürgermeisteramt war inzwischen vollends auf Tauchstation gegangen. Kein Termin zu bekommen, keine Antwort auf Anfragen, kein Ansprechpartner. „Wir mussten neue Wege suchen“, sagt Zikeli. Über die Landeskirche in Hermannstadt/Sibiu konnte ein Darlehen des deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes erwirkt werden. „Damit konnten wir die zusätzlichen Arbeiten im Inneren der Kirche finanzieren. Erst vor Kurzem sind die Sakristei und die Grabkammer restauriert worden.“
Auf der Suche nach weiteren Lösungen hatte sich dann ein Glücksfall ergeben: Der Staatsse-kretär für Kulte, Ciprian Olinici, hatte ein offenes Ohr für die verzwickte Lage der evangelischen Stadtpfarrkirche. Er sagte Hilfe bei der Finanzierung der Renovierungsarbeiten an den Gebäuden zu, um diese zu retten. „Es sind innen schon Flecken, weil es reinregnet, seit zwei Jahren ist das so und wenn es so bleibt, wird die Bausubstanz Schaden leiden“, verdeutlicht Zikeli die Brisanz der Lage. „Draußen, wo sich das Regenwasser ansammelt, gibt es schon Ansatz von Schimmel. Auch der Staatssekretär für Kulte sagte, das muss jetzt Priorität haben.“
Nicht einbezogen werden kann die geplante Neugestaltung des Innenhofs als städtische Ruheoase mit Springbrunnen und Beleuchtung. „Doch es ist meine Überzeugung, dass das Bürgermeisteramt des Bukarester Sektors 1 nicht ganz aus dem Spiel gelassen werden kann“, meint hierzu Zikeli. Immerhin sei der Kirchhof ein öffentlicher Platz der Stadt.
Hilferuf an die Öffentlichkeit
Die Gemeinde sucht nun auch noch nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten. „Wir haben eine Arbeitsgruppe gestartet und Faltblätter zum Verteilen gestaltet, mit QR-Code, wo man alle wichtigen Informationen findet“, erklärt Stadtpfarrer Zikeli. „Und wir werden uns auch an die Öffentlichkeit wenden, um auf unsere Lage aufmerksam zu machen – zumindest an unsere deutschsprachigen Medien“, fügt er an.
Im Spendenaufruf auf der Webseite der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Bukarest heißt es: „Zum ersten Mal in unserer langen Geschichte von fünf Jahrhunderten wenden wir uns in einem offenen Anliegen an Euch und bitten um Unterstützung.“ Und weiter: „Nur zusammen können wir Großes bewirken“. Der Satz spielt an auf eine Inschrift auf der Glocke, die Königin Elisabeth gestiftet hatte: „Vereinte Kraft wirkt Großes.“
„Das haben wir immer wieder erlebt und bestätigt gefunden“, sagt Zikeli und hofft, dass es auch diesmal geschieht.
Wir sitzen im Pfarrhaus und Zikeli erzählt von den Herausforderungen in der kommunistischen Vergangenheit: Ceaușescu wollte die Kirche in den 1970er Jahren abreißen lassen, weil sie seinem Großprojekt, dem Bau des Hotels „Bucure{ti“, im Weg stand. Die der Kirchgemeinde gehörenden umgebenden Gebäude – Schule, Kindergarten, das ursprüngliche Pfarrhaus und die Suppenküche – mussten seinen Plänen bereits weichen. Doch als es der Kirche an den Kragen gehen sollte, gab es heftige Proteste. Das Gebäude blieb verschont. „Später hat er dann sogar den Bau des neuen Pfarrhauses genehmigt, mit Geldern des Lutherischen Weltbundes“, erzählt Zikeli.
Zum Schluss begehen wir die Kirche. Ich dokumentiere den traurigen Ist-Zustand: Wasserflecken, freiliegende Rohre, unfertige, staubige Ecken. An der kahlen Außenfassade hängt, wie zum Spott, das Plakat der Stadtverwaltung mit dem perfekten Zukunftsbild: Mit dem Bild, das helfende Hände bis 2028 zum Leben erwecken könnten.
Spenden für die evangelische Stadtpfarrkirche können auf folgende Konten eingezahlt werden:
Lei: RO14RZBR00000600007269127, Raiffeisen Bank, RZBRROBU
Euro: RO13BTRLEURCRT0V0051601, Banca Transilvania, BTRLRO22








