Wer Rumänien kennen und verstehen will, kommt an seiner Geschichte nicht vorbei. Und da spielt ein Buch eine Rolle, das den Kommunismus unter Diktator Nicolae Ceau{escu mit all seinen Auswüchsen nicht gerade zimperlich darstellt: „Red Horizons“ von Ion Mihai Pacepa, dem ranghöchsten Überläufer des Ostblocks in die USA. Pacepa war General der Securitate und persönlicher Berater von Ceau{escu gewesen. 1978 floh er in den Westen und schadete damit dem kommunistischen Regime schwer. Zahlreiche Bücher und Artikel wurden im Laufe der Zeit über Pacepa, aber auch von diesem selbst, geschrieben. Nun hat sich der Historiker Rüdiger von Kraus nach seinem zuletzt erschienenen Buch über den rumänischen Großindustriellen Nicolae Malaxa auch dieser umstrittenen historischen Figur Rumäniens angenommen. Das neue Werk soll im Herbst im Corint Verlag erscheinen. Im Sommer besuchte Rüdiger von Kraus, selbst ein vor Jahren in die USA ausgewanderter Siebenbürger Sachse, die Redaktion der ADZ und präsentierte Chefredakteurin Nina May einen Ausblick auf das Buch.
Sie haben über Ihre siebenbürgischen Vorfahren geschrieben, über die Mongoleneinfälle und über Malaxa. Warum nun Pacepa? Was hat Sie fasziniert an ihm?
Pacepa ist eine Persönlichkeit, die in Rumänien eine große „interessierte Audienz“ hat, würde ich sagen. Und folgendes Erlebnis gibt mir recht: Als ich im vorigen Jahr während meines Aufenthaltes zur Vorstellung des Malaxa-Buchs Bukarester Uber-Fahrer über Malaxa befragt hatte, hatten die meisten keine Idee von ihm, einige nur eine sehr vage Kenntnis. Als ich in diesem Jahr Pacepa erwähnte, waren gleich Meinungen hörbar, von „er ist ein Verräter“ bis hin zu „er war ein Held“ und alles dazwischen.
Über Pacepa wurde schon einiges geschrieben. Was macht Ihr Buch anders?
Viele Bücher hatten „bits and pieces“, aber nicht das Ganze, was man heute hat. Ich beschreibe viele Einzelheiten, die bisher nicht bekannt waren.
Eines der ersten Dinge, die ich getan habe, war eine Anfrage bei der CIA einzureichen. Denn mit dieser hatte Pacepa nach seiner Flucht drei Jahre lang zusammengearbeitet – das bedeutete, jeden Tag Interviews, dazu hat er sich verpflichtet und später auch eine Rente dafür bekommen. Es sind die längsten Interviews, die ein Ostblock-Offizier jemals dort gegeben hat.
Die Interviews fanden übrigens in sehr legerer Atmosphäre statt, das hat mich überrascht. Na ja, drei Jahre sind eine lange Zeit. Am Ende des Tages haben sie auch oft miteinander Tennis gespielt. Und: Pacepa hat später sogar eine Frau aus diesem Interview-Team geheiratet. Er erwähnte sie in seinen Büchern, Mary Lou hat er sie genannt. In einem seiner fünf Bücher schreibt er: „Ich danke meiner Frau Mary Lou, die mir ihre amerikanischen Augen geliehen hat, um Amerika zu verstehen.“ Aber sie hieß gar nicht Mary Lou, das weiß auch noch niemand. Sie hieß mit wirklichem Namen Cynthia.
Sie ist letzten Dezember gestorben. Er starb ja schon 2021 mit 92 Jahren an Covid. Bis zum Schluss war er 100prozentig fit.
Was gibt es noch, was man vorher nicht wusste?
Bisher hatte man immer angenommen, dass er versteckt gehalten wurde, aber das war nicht der Fall. Denn es kam schnell heraus, dass die Securitate von Anfang an wusste, wo er war, und sogar seinen neuen Namen kannte! Ich war darüber sehr überrascht – und auch die CIA war damals überrascht. Ich behandle das im Buch und erkläre, wie es dazu kam, und zwar durch eine Putzfrau aus Jugoslawien, die in seiner Wohnung sauber gemacht hat, und die nach ihrer Heimreise natürlich von den Diensten befragt wurde...
Und dann hat er mit der CIA eine ganz andere Strategie entwickelt: Du versteckst dich nicht mehr, entschieden sie, denn das beste Versteck ist, so zu sein wie jeder andere! Er sollte in der Masse der Amerikaner untertauchen und Gegenden meiden, wo viele Rumänen oder Siebenbürger Sachsen leben, etwa Michigan oder New York, aber natürlich auch Washington DC mit all seinen Geheimdiensten. Zuletzt hatte er in Baltimore eine Adresse gehabt und ein Ferienhaus in Florida. Beides war aus diesen Gesichtspunkten heraus geeignet. Außerdem haben die meisten Amerikaner zwei Häuser, eins für den Sommer und eins für den Winter, da passte er perfekt ins Bild.
Wie kam Pacepa nach Amerika und konnte er überhaupt Englisch?
Er konnte kein Englisch, oder vielleicht das Wenige, das man in seinem Fach nötig hatte, aber gutes Englisch, das hat er erst dort gelernt. Er sprach Französisch und perfekt Deutsch, denn davor hatte er ein Jahr in Frankfurt als Handelsvertreter gelebt. Später hat er in Deutschland mit Fokker über den Bau eines Flugzeugs in Rumänien verhandelt.
Aber gleich am Anfang seines Aufenthaltes im Sommer 1978 ist er in Bonn in die amerikanische Botschaft gegangen und hat gesagt, ich will nach Amerika. Das muss er also vorher schon entschieden haben. Und die haben ihn schnell wieder weggeschickt, er solle ins Hotel gehen und warten, denn wenn er zu lang bliebe, wäre das verdächtig. Und dann haben sie ihn am nächsten Tag mit zweimal Flugzeugwechsel nach Washington ausgeflogen...
Es gab Spekulationen, er habe schon vorher für die CIA gearbeitet, aber die halte ich für unbegründet, es gibt kein einziges Indiz dafür. Ich habe darüber auch mit dem Autor Ronald Rychlack gesprochen, er teilte diese Ansicht.
Wer ist Ronald Rychlack?
Einer von Pacepas Vertrauten, mit dem er auch ein Buch geschrieben hat. Es gab nur fünf bis sechs Leute, die die Wahrheit über Pacepa wussten. Einer davon war Ron, Professor für Recht an der University von Mississippi. Sie haben sich angefreundet – und da hat er ihm irgendwann die Wahrheit gesagt. Ron bestätigte auch, was ich geschrieben habe, nämlich dass die Idee, dass Pacepa mit seinen Büchern Millionär geworden ist, völlig falsch ist. Das einzige Buch, das ihm wirklich Geld eingebracht hatte, war „Red Horizons“. Da schreibt er viel aus dem Leben von Ceau{escu und dessen Familie. Er war ja persönlicher Berater von Ceau{escu und stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes.
Er hat auch viele Artikel geschrieben auf Basis seiner Erfahrungen in Rumänien. Aber die wirklich panoramische Sicht der Elite hatte Pacepa nicht, der einzige der die gehabt hätte, war Ceau{escu gewesen.
Wovon hat Pacepa gelebt – vom Schreiben?
Er hatte zunächst eine staatliche Pension, von der CIA, aufgrund seiner Verpflichtung. Und auch Cynthia hatte eine gute Rente als ehemalige Offizierin. Nach der Revolution bekam er auch noch eine Generalsrente aus Rumänien. Er musste also nicht vom Schreiben leben und ist damit teilweise auch angeeckt. Denn er hatte in verschiedenen Medien politisch rechtsorientierte Artikel publiziert, zum Beispiel im Wall Street Journal, und Präsident Obama hatte ihm sogar gedroht, wenn er nicht aufhört damit, ihm die staatliche Rente zu entziehen. Aber Pacepa war darauf nicht mehr angewiesen und zeigte Obama den Mittelfinger... Das ist auch etwas Neues in meinem Buch: die Rechtsposition von Pacepa in der amerikanischen Politik.
Aber die Zeit nach den drei Jahren CIA-Interviews ist durchaus interessant: Er wollte schon damals „Red Horizons“ schreiben, aber Präsident Carter war strikt dagegen. Ich habe Carter einmal kennengelernt, das war so ein ehrlicher und gottgläubiger Mensch, der fast bis Ende seines Lebens an der Sunday School gelehrt hat. Carter glaubte nur an gute Menschen. Er hat nie verstanden, dass die Kommunisten das nicht hatten und er wollte mit Ceau{escu okay sein. Obwohl er durch Pacepa begonnen hat, die Wahrheit zu begreifen... Aber da hat es ihm nichts mehr genützt, weil er nicht wiedergewählt wurde.
Dann kam Reagan und der war das genaue Gegenteil davon. Der schätzte die Kommunisten viel realistischer ein. Unter ihm durfte Pacepa schreiben, was er wollte. Für Reagan war das Buch „Red Horizons“ keine Neuorientierung, sondern nur ein Beweis dafür, dass er recht hatte. Und ohnehin waren Pacepas Aussagen schon vorher der CIA bekannt.
Was hat Pacepa in den USA mit seinen Aussagen bewirkt?
Er hat vielen in der Gesellschaft und Politik die Augen geöffnet, dass die meisten der Kommunisten nicht wirklich an die Ideologie glaubten. Die „Eingeweide“ des Kommunismus waren in den USA ja nie bekannt gewesen. Und diese Lücke füllte Pacepa, das war sein größter Beitrag. Die ganze Einstellung der Amerikaner begann sich dann zu ändern gegenüber den Kommunisten, egal ob in der Sowjetunion oder in Polen oder in anderen Ländern. Meine Schlussfolgerung ist: Pacepa war die Nummer Eins bei diesem Beitrag im Augenöffnen.
Der Kommunismus als Ideologie war für viele Amerikaner – und nicht nur – überzeugend. Der Brite George Orwell übt zwar in seinem Buch „1984“ scharfe Kritik am Kommunismus, war aber Jahre davor von der Ideologie begeistert. Die Idee war schon attraktiv für die Menschen, dass Ausbeutung nicht funktioniert und dass man etwas für die Ausgebeuteten tun muss, daran habe ich anfangs auch geglaubt. Aber in der Praxis hat man sich dann Rechenschaft gegeben, dass es einfach nicht funktioniert. Einer der größte Fehler der Kommunisten war, dass sie ihre Leute nicht regelmäßig ausgewechselt haben, alle vier Jahre oder so. Macht über lange Zeit korrumpiert in jedem System! Das war der größte Fehler der Kommunisten.
Und weil die Sowjets so viele Fehler gemacht haben, haben auch die Kommunisten in westlichen Ländern das Vertrauen in die Ideo-logie verloren. Pacepa hat entscheidend dazu beigetragen, dass es auch die Amerikaner taten.
Hätte das Wettrüsten ohne Pacepa im Kalten Krieg nicht stattgefunden?
Doch, aber nicht ganz so schnell. Aber da waren auch noch andere Faktoren: der Kollaps des Wirtschaftsmodells der Kommunisten, das hat ja nicht funktioniert, obwohl man anfangs schon argumentieren könnte, in Rumänien und anderen Ländern hat der Kommunismus wirklich Industrie gebracht, enorm im Vergleich zu anderen Ländern. Davor war Rumänien ja immer ein Bauernstaat gewesen. Aber das größte Problem war das Moderne: Schwerindustrie, da braucht man gewaltige Investitionen. Und Rumänien hat sich nie auf das konzen-triert, wovon man etwas verstanden hat, wie zum Beispiel die Schweiz als kleines Land, mit den Uhren oder den Otis-Aufzügen. Das haben die Kommunisten nicht verstanden.
Aber ich glaube, selbst Pacepa hätte in den 80er Jahren nie gedacht, dass der Fall des Eisernen Vorhangs so schnell erfolgen würde. Er kannte die Krankheiten des Kommunismus, aber ich glaube, er war nicht überzeugt davon, dass er so fallen würde, wie es gekommen ist. Auch andere haben das nicht erwartet – die Deutschen haben immer gefürchtet, dass irgendwann die Russen kommen, dabei war es mehr oder weniger umgekehrt.
Welche historische Persönlichkeit möchten Sie nach Malaxa und Pacepa als Studienobjekt in Angriff nehmen?
Wenn ich Teppiche eine Persönlichkeit nennen darf, dann hätten Sie damit die Antwort – ich meine die osmanischen Teppiche, die mit der Schwarzen Kirche in Kronstadt verbunden sind. Es gibt schon den Entwurf für das erste Kapitel. Und ein paar interessante Fragen – zum Beispiel: Warum gelang es gerade dieser ver-gleichsweise kleinen sächsischen Gemeinschaft vor Ort, Hunderte osmanischer Teppiche über Jahrhunderte hinweg zu erhalten, während vergleichbare Bestände andernorts fast vollständig verschwanden? Oder: Wieso duldeten die Christen diese Zeugnisse der muslimischen Kultur in ihren Gotteshäusern? Aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema...





