Wie kann man Geschichten, die seit Generationen weitererzählt werden, für Kinder und Jugendliche heute spannend machen? Wie können alte Sagen zu neuem Leben erwachen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Projekt „KunstLabor: Sagen der Sathmarer Schwaben“, das junge Menschen auf kreative Weise an das kulturelle Erbe ihrer Heimat heranführte.
Sagen gehören zu den ältesten Formen des Erzählens. Sie berichten von geheimnisvollen Ereignissen, besonderen Menschen, wundersamen Begegnungen und den Vorstellungen vergangener Generationen. Auch die Sathmarer Schwaben verfügen über einen reichen Schatz an solchen regionalen Geschichten. Viele dieser Erzählungen sind über Jahrzehnte hinweg von Eltern an Kinder und von Großeltern an Enkel weitergegeben worden. Doch obwohl sie ein wichtiger Teil der regionalen Identität sind, kennen heute immer weniger junge Menschen diese Geschichten.
Genau hier setzte das Projekt „KunstLabor: Sagen der Sathmarer Schwaben“ an. Ziel war es, Kindern die Möglichkeit zu geben, sich kreativ mit den überlieferten Erzählungen auseinanderzusetzen und eigene Zugänge zu den Geschichten zu finden.
Von einer Idee zum Kunstprojekt
Die Idee zum Projekt entstand nach der Konferenz „Lebendiges Erbe“ in Großkarol/Carei. Dort kam es zu einem Austausch zwischen der jungen sathmarschwäbischen Künstlerin Szilvia Knecht und der ifa-Kulturmanagerin Elisa Vaughan. Gemeinsam stellten sie fest, dass es zwar zahlreiche Sammlungen und Dokumentationen der Sagen gibt, künstlerische Projekte für Kinder und Jugendliche jedoch bisher kaum vorhanden waren. Aus dieser Be-obachtung entwickelte sich die Idee eines Workshops, der kulturelles Erbe und künstlerisches Arbeiten miteinander verbindet.
Für die Durchführung konnte die Künstlerin Szilvia Knecht gewonnen werden. Sie stammt aus der sathmarschwäbischen Gemeinde Fienen/Foieni im Kreis Sathmar/Satu Mare und studiert derzeit Restaurierung im Masterstudiengang in Klausenburg/Cluj-Napoca. Mit viel Geduld, Fachwissen und Kreativität begleitete sie eine Gruppe von 13 Schülerinnen und Schülern des Deutschen Theoretischen Lyzeums „Johann Ettinger“ in Sathmar im Alter zwischen neun und zwölf Jahren durch mehrere intensive Workshoptage.
Sagen als Inspiration
Zu Beginn stand die Frage im Mittelpunkt, was Sagen eigentlich sind und warum sie auch heute noch Bedeutung haben. Gemeinsam beschäftigten sich die Kinder mit verschiedenen Geschichten aus der Tradition der Sathmarer Schwaben. Sie diskutierten darüber, welche Themen in den Erzählungen vorkommen und welche Botschaften sich darin entdecken lassen.
Dabei wurde schnell deutlich, dass viele Motive auch heute noch aktuell sind. Mut, Zusammenhalt, Neugier, Angst vor dem Unbekannten oder die Suche nach Gerechtigkeit sind Erfahrungen, die Menschen seit Jahrhunderten begleiten. Die Kinder erkannten, dass Sagen nicht nur Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, sondern auch Fragen aufwerfen, die bis heute relevant geblieben sind.
Farben wie in früheren Zeiten
Nach der inhaltlichen Auseinandersetzung begann der kreative Teil des Projekts. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten verschiedene künstlerische Techniken kennen und konnten diese direkt ausprobieren. Besonders spannend war für viele die Herstellung eigener Farben. Anstatt auf fertige Materialien zurückzugreifen, erfuhren die Kinder, wie Künstler früher arbeiteten. Aus Pigmenten und Ei entstanden Farben, mit denen anschließend gemalt wurde.
Diese Erfahrung machte Kunstgeschichte unmittelbar erlebbar. Die Kinder konnten nachvollziehen, wie aufwendig die Herstellung von Farben früher war und wie eng handwerkliches Wissen und künstlerisches Schaffen miteinander verbunden sind. Gleichzeitig entstanden dadurch ganz besondere Werke, die nicht nur die Sagen darstellen, sondern auch traditionelle Techniken aufgreifen.
Jede Geschichte wird zum Bild
Im weiteren Verlauf des Workshops wählte jedes Kind jene Geschichten aus, die es besonders faszinierend fand. Aus den ausgewählten Sagen entwickelten die Teilnehmer eigene Bildideen. Manche konzentrierten sich auf geheimnisvolle Figuren, andere auf besondere Ereignisse oder symbolische Motive. So entstanden individuelle Interpretationen, die zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Geschichte wahrgenommen werden kann.
Jedes Kind fertigte mindestens zwei eigene Kunstwerke an. Dabei standen nicht Perfektion oder technische Genauigkeit im Vordergrund, sondern die persönliche Auseinandersetzung mit den Erzählungen. Die Bilder spiegeln die Fantasie, die Gedanken und die Kreativität der jungen Künstlerinnen und Künstler wider.
Eine Bühne für junge Künstler
Doch das Projekt beschränkte sich nicht nur auf das Malen. Die Kinder bereiteten gemeinsam auch Beiträge für eine öffentliche Abschlusspräsentation vor. Sie überlegten, wie sie ihre Arbeiten vorstellen und ihre Gedanken zu den Sagen mit anderen teilen können.
Die im Rahmen der Ende Mai veranstalteten Sathmarer Deutschen Kulturtage erfolgte Präsentation bildete den Höhepunkt des Projekts. Hier hatten die jungen Teilnehmer die Gelegenheit, ihre Werke einem Publikum zu zeigen und sichtbar zu machen, wie lebendig kulturelles Erbe sein kann, wenn es aktiv gestaltet wird. Die Ausstellung machte deutlich, dass Tradition und Gegenwart kein Widerspruch sein muss. Vielmehr können historische Geschichten neue Inspirationen liefern und junge Menschen dazu anregen, eigene kreative Ausdrucksformen zu entwickeln.
Kulturelles Erbe lebendig halten
Das KunstLabor zeigte eindrucksvoll, wie kulturelle Bildung gelingen kann. Anstatt Wissen nur zu vermitteln, wurden die Kinder selbst aktiv. Sie hörten nicht nur Geschichten, sondern setzten sich mit ihnen auseinander, stellten Fragen, entwickelten eigene Ideen und schufen daraus neue Werke. Dadurch entstand eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die weit über den Workshop hinaus wirken kann.
Gerade in einer Zeit, in der viele Traditionen zunehmend in Vergessenheit geraten, sind solche Projekte von besonderer Bedeutung. Sie helfen dabei, kulturelles Erbe nicht nur zu bewahren, sondern lebendig weiterzuentwickeln. Die Sagen der Sathmarer Schwaben bleiben dadurch nicht bloß Erinnerungen an vergangene Zeiten, sondern werden Teil der Lebenswelt einer neuen Generation.
Möglich wurde das Projekt durch die Förderung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Mitteln des Bundesinnenministeriums. Entstanden ist das KunstLabor in Kooperation mit der Maurer Stiftung, deren Unterstützung wesentlich zur erfolgreichen Umsetzung beitrug. Ein besonderer Dank gilt zudem Hanne und Eva Maurer, die das Projekt während seiner gesamten Laufzeit engagiert begleitet haben.
Das „KunstLabor: Sagen der Sathmarer Schwaben“ hat gezeigt, dass kulturelles Erbe nicht im Museum enden muss. Es kann erzählt, hinterfragt, neu interpretiert und kreativ gestaltet werden. Genau darin liegt seine Lebendigkeit – und vielleicht auch seine Zukunft.









