Warum wählen immer mehr Menschen in Rumänien die sogenannten „Souveränisten“? Mit dieser Frage setzt sich eine aktuell bei Humanitas als Buch erschienene Studie dreier Soziologen auseinander, die am vergangenen Donnerstag von der Friedrich Naumann Stiftung für Freiheit vorgestellt wurde. Darin befassen sich Alina Pop, Filip Alexandrescu und Ionuț-Marian Anghel mit der Frage, was die Menschen in Rumänien bewegt hat, bei den letzten Präsidentschaftswahlen überraschend und massiv für russlandfreundliche Extremisten wie Călin Georgescu oder George Simion zu stimmen. Dabei haben sich die Autoren vorgenommen, Antworten zu finden fern von Stereotypen und Stigmatisierung – zum einen durch die Analyse der Wählerschaft im geografischen und sozialen Kontext, zum anderen durch Interviews auf dem Land, bei denen man den Menschen einfach empathisch zuhörte.
Fragt man, „Wer wählt die Souveränisten?“, so lautet die Antwort häufig genervt „ungebildete Leute“, leitet Alina Pop ein. „Für uns aber zeigte sich, dass es meist Menschen sind, die von den wirtschaftlichen Vorteilen durch die EU-Mitgliedschaft Rumäniens ausgeschlossen sind“. Diese Vorteile manifestierten sich zudem eher in den Städten. Das Gefühl der Ungleichheit, zunehmender Unsicherheit und mangelndes Vertrauen in Institutionen spielen ebenfalls hinein. Die Finanzkrise 2008, die Gesundheitskrise durch die Pandemie 2020 und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 akzentuierten das Problem weiter. Die Menschen revoltieren vor allem gegen „strukturelle“ Ungleichheit: eine systemisch ungerechte Verteilung der Ressourcen. Während „Magnet-Städte“ wie Bukarest-Ilfov zu den reichsten Europas gehören und Ziele vieler Pendler sind, bleiben ländliche Regionen völlig außen vor. Dies reflektiert sich auch geografisch in den Wählerstimmen für die Souveränisten, wie eine Serie farbcodierter Rumänienkarten zu den Präsidentschaftswahlen 2024 und 2025 zeigt.
Extensive Souveränisierung
Betrachtet man die Karte für die Wahlen vom November 2024 und jene vom Mai 2025, mit gelben Flecken für die wenigsten und dunkelblauen für die meisten Souveränisten-Wähler an den jeweiligen Orten, so wird diese insgesamt dunkler: In nur sechs Monaten habe die Anzahl der Souveränistenwähler dank starker Mobilisierung massiv zugenommen: Von 1126 Ortschaften, in denen im November 2024 präponderent für Georgescu und Simion gestimmt wurde auf 2700 Orte, die im Mai 2025 dann mehrheitlich für Simion stimmten.
Dabei zeigt sich interessanterweise ein völlig unterschiedliches Profil für die Wählerschaft von Călin Georgescu und die von George Simion (AUR). Georgescu-Wähler fanden sich bei den anullierten Wahlen vom November 2024 vor allem in Ortschaften mit wenig Arbeitslosigkeit, relativ hohem Entwicklungsstand, einer positiven demografischen Entwicklung zwischen 2011 und 2021 und eher regen wirtschaftlichen Aktivitäten. Simion-Wähler hingegen waren eher Menschen aus unterentwickelten Orten mit einem geringeren Anteil an beruflich aktiven Personen, einer negativen demografischen Entwicklung und Abhängigkeit von Umverteilung aus dem Staatshaushalt.
Als Regionen mit ausgeprägter Souveränisten-Wählerschaft zeigten sich: der Nordosten des Landes, der Südosten – vor allem die Dobrudscha, der Westen, teilweise die südliche Große Walachei sowie der Nordwesten der Kleinen Walachei.
Eine extensive Souveränisierung – (Souveränisierung bedeutet, dass die Anzahl der Souveränistenwähler für einen Ort von einer Wahl zur anderen zunimmt) – wurde zwischen den Wahlen vom November 2024 und Mai 2025 festgestellt: In 1574 Orten, in denen in der ersten Wahl kein Souverä-nist gewonnen hatte, gewann Simion die zweite Wahl.
In 1541 Ortschaften ist die Teilnahme an den Wahlen von der ersten zur zweiten Wahl gestiegen, in 1095 Orten (71 Prozent!) davon gingen die zusätzlichen Stimmen an Simion. In 575 Ortschaften hat diese intensive Souveränisierung Simion geholfen, den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen vom Mai 2025 zu gewinnen, wo im November 2024 weder er noch Georgescu gewonnen hatten. Die gesteigerte Mobilisierung zum Urnengang hat die ursprüngliche Minderheit der Souveränistenwähler in eine Mehrheit transformiert, erklären die Soziologen.
Wählerschaft vorwiegend nicht extremistisch
Für die Interviews mit insgesamt 51 Personen wurden drei Ortschaften ausgewählt, zwei davon mit über 50 Prozent Souveränistenwählern und eine mit rund 25 Prozent. Zu Beginn sei es schwierig gewesen, die Leute zum Reden zu bewegen, erklärte Alina Pop. Man wolle sich nicht über Politik äußern, hieß es von allen Seiten. Es bedurfte einer gewissen Überzeugungsarbeit und eines empathischen Ansatzes, um die Menschen zu überzeugen. Statt ein Set an konkreten Fragen abzuarbeiten, konzentrierte man sich eher aufs Zuhören. Dabei habe sich gezeigt, dass nur wenige der Souveränistenwähler selbst eine extremistische Einstellung vertreten. Die meisten wählten die Souveränisten aus Frust oder Mangel an Alternativen. Nur ein Kandidat habe geäußert, es bräuchte eine Art Revolution, bei der man – wie 1989 – auch Blutvergießen in Kauf nehmen müsse.
Die häufigsten Klagen der Menschen betrafen mangelnde und schlecht bezahlte Arbeitsplätze, „ererbte“ Chancenungleichheit von Kindheit an, vor allem auf dem Land, oder die Notwendigkeit, aus Armut ins Ausland zu gehen (Zitate: „In der Kindheit waren wir bitterarm und es hat uns ins Haus geregnet“, „es gibt alte Leute, die in den Geschäften nur in die Vitrinen gucken“, „in diesem Land verhungern wir, ja, wir sterben an Hunger“). Beklagt wird auch, dass hierzulande „aus Prinzip“ nur der Mindestlohn gezahlt würde (Zitat: „ja, so wird das praktiziert, Mindestlohn, überall“).
Dabei wirkt Arbeitsmigration auch als Emanzipator: Im Vergleich schnitt Rumänien meist schlechter ab als das Gastland („bei uns ist es nicht so“). Arbeitnehmer würden im Ausland häufig mehr Wertschätzung erfahren als hierzulande; ein Bauarbeiter brachte dazu auf den Punkt: „In Deutschland konsultiert dich der Chef, in Rumänien schafft er an“. Keiner der Befragten hatte mehr Sozialleistungen oder sonstige Zuwendungen seitens des Staats gefordert, betont Pop.
Souveränisten näher am „einfachen Mann“
Die Souveränisten hätten zwar den Praxistest noch nicht bestanden, aber sie profitieren vom mangelnden Vertrauen in die Mainstream-Politik, heißt es seitens der Autoren. Hinzu kommt, dass sie die unmittelbaren Probleme der Menschen konkret ansprechen – wenn auch mit populistischem Diskurs. Statt wie Mainstream-Politiker über abstrakte Konzepte wie den Nationalen Aufbau und Resilienzplan, das Haushaltsloch oder Verteidigungsstrategien zu reden, sind z.B. Billig-Importtomaten ein greifbares Thema, das auch den „einfachen Mann“ bewegt. In den Interviews wurde positiv erwähnt, dass Simion das ganze Land bereist, an lokalen Festen teilgenommen und mit den Leuten geredet habe.
Keinesfalls könne man das Vorurteil bestätigen, die LGBT-Szene und die sie verteidigenden EU-Parteien hätten den Aufwind von Souveränisten in Rumänien begünstigt, eine Ausnahme sei die Partei SOS von Diana Șoșoacă. In den geführten Interviews sei das Thema praktisch nicht präsent gewesen.
Wie die „Dampfwalze“ stoppen?
Aus ihrer Studie ziehen die Autoren folgende Schlussfolgerungen:
• Souveränisten zu wählen sei kein individueller irrationaler Akt, sondern die Spitze eines Eisbergs aus familiären, kommunitären und gesellschaftlichen Bestimmungsfaktoren.
• Die Chancen auf ein besseres Leben haben sich in den letzten Jahrzehnten in zwei Linien aufgegabelt: die „Gewinner“ der Entwicklung und die „Verlierer“.
• Um die „Dampfwalze Souveränismus“ zu stoppen, müssen die Lebensbedingungen und Erwartungen jener, die „zurückgelassen“ wurden, verstanden werden.
• Nicht nur budgetäre Ungleichgewichte zwischen den Haushalten bedrohen die Stabilität der Gesellschaft, sondern auch sozioökonomische Brüche ( drastische Einschnitte, bei denen das Zusammenspiel von sozialen Verhältnissen wie Bildung, Status, Gesundheit und wirtschaftlicher Lage nachhaltig gestört wird, z.B. blockierte Aufstiegschancen, isolierte soziale Milieus, Gefälle zwischen florierenden Städten und strukturschwachen ländlichen Zonen).
• Die Menschen bedienen sich dann Mitteln, die die Ausgangssymptome verschlechtern.
Was sind Souveränisten?
Souveränisten sind politische Akteure, Bewegungen oder Gruppierungen, die die uneingeschränkte Eigenständigkeit des Nationalstaates einfordern und sich direkt gegen die Übertragung von Kompetenzen an z.B. die Europäische Union aussprechen. Im parteipolitischen Spektrum äußert sich dies durch Nationalkonservatismus und Rechtspopulismus. In der Soziologie wird der Begriff „Souveränisten“ aber auch als Oberbegriff für staatsfeindliche Szenen verwendet und reicht in das verschwörungsideologische Spektrum hinein.
Präsidentschaftswahlen 2024/25
24. November 2024: Wahlsieger war der prorussische und EU-kritische Kandidat Călin Georgescu; die Wahl wurde anulliert wegen illegaler Wahlkampffinanzierung und Manipulation
4. Mai 2025: Wiederholter Wahlgang; nachdem Georgescu von der Kandidatur ausgeschlossen wurde, gewann der ultrarechte Kandidat George Simion (AUR) den ersten Durchgang / 18. Mai 2025: Im entscheidenden zweiten Wahlgang wurde der proeuropäische Nicușor Dan zum Präsidenten gewählt






