Rumänien zählt zu den Ländern in der EU, in denen die neu bebaute Fläche am stärksten ansteigt. Unzählige neue Wohnhäuser, Gewerbegebiete und Verkehrsachsen sind in den vergangenen Jahren hinzugekommen. Dadurch wird auch immer mehr Beleuchtung installiert – was Risiken für Artenschutz und menschliche Gesundheit mit sich bringt. Wissenschaftler fordern, dem Licht Grenzen zu setzen und moderne Technologien zu nutzen.
Bald ist es wieder soweit, dann schwärmen Szilárd-Lehel Bücs und sein Team zu den Höhlen in den Bergen Rumäniens aus. Er ist Präsident des Zentrums für Fledermausforschung und -schutz (Centrul pentru Cercetarea și Conservarea Liliecilor, CCCL), ein gemeinnütziger Verein von Fledermauskundlern und -interessierten aus ganz Rumänien. Bücs befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit den Tieren. Einige Arten halten sich im Juli in Höhlen auf, gebären dort ihre Nachkommen und ziehen sie auf. Dann schießen Szilárd-Lehel Bücs und seine Kollegen Fotos von ihnen, um zu Hause in Ruhe nachzuzählen, wie viele Tiere es dieses Jahr sind – oder ob überhaupt noch eine Population vorhanden ist.
Die Fledermaus-Kolonien siedeln meist Jahrhunderte lang in einer Höhle. Trotzdem haben sie in den vergangenen Jahren mehrere Höhlen aufgegeben, sagt Bücs. Sie seien geflohen vor Besuchern und dem Licht. Diese Höhlen seien für den Tourismus dauerhaft mit Scheinwerfern ausgestattet worden. Kein Ort zum Leben für die lichtscheuen Wesen. Dabei sei der Schaden für die Gesamtpopulation überschaubar, meint Bücs: Da es tausende Höhlen in den rumänischen Wäldern gibt, hätten sich die Fledermäuse vermutlich neue Quartiere gesucht.
Mehr Sorgen bereitet ihm die Situation in den Dörfern: Andere Fledermausarten siedeln sich in den Sommermonaten in Kirchen oder anderen historischen Gebäuden nah am Wald an. An ungestörten Stellen im Turm oder unter dem Dach bieten Temperaturen von teils 45 Grad Celsius optimale Bedingungen für die Fortpflanzung. In etwa 200 Kirchen in Rumänien seien Kolonien ansässig, sagt der Experte. Zum Verhängnis werden ihnen immer wieder Renovierungsarbeiten: Giftige Holzschutzfarbe wird aufgetragen, Schlupflöcher versiegelt – und Scheinwerfer aufgestellt.
No-Go-Areas für Fledermäuse
Es ist nicht so, dass Fledermäuse bei Lichteinfall keine Überlebenschance haben, weiß Szilárd-Lehel Bücs. Doch das Licht stört den Orientierungssinn vieler Arten, wodurch sie irrtümlicherweise teils sogar in das Licht fliegen. Dort werden sie zu leichter Beute für ihre Fressfeinde. Oder sie lassen sich von den Scheinwerfern von Autos irritieren und kollidieren mit ihnen.
Eine einzelne beleuchtete Straße muss kein Problem sein. Doch je mehr es werden, desto mehr Bereiche versuchen die Fledermäuse zu umgehen. Sie ziehen ins nächste Dorf oder tiefer in den Wald hinein, sagt Experte Bücs. Ihr Lebensraum schrumpft.
Wieviel geleuchtet wird, ist von Bedeutung. Zwar ist wissenschaftlich belegt, dass gut durchdachte Beleuchtung im öffentlichen Raum Menschen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und ihre Lebensqualität erhöhen kann. Zudem zeigte eine Studie der TU Berlin, dass Unfälle im Straßenverkehr besonders häufig dort auftraten, wo die Sicht schlecht war. Insbesondere Fußgänger waren oft kaum zu sehen.
Auf der anderen Seite bedroht Lichtverschmutzung die Artenvielfalt in verschiedenen Ökosystemen, wenn auch nicht als alleiniger Faktor. Kunstlicht stört insbesondere nachtaktive Tiere bei der Nahrungssuche und der Fortpflanzung. Da tagaktive Arten nicht betroffen sind, können Biotope aus dem Gleichgewicht geraten. Bei Menschen kann nächtliches Licht die Schlafqualität beeinträchtigen und den Tag-Nacht-Rhythmus stören.
Wo Menschen sind, ist Licht
Diese Risiken haben sich in den vergangenen Jahren drastisch erhöht, wie eine Studie der Technischen Universität für Bauwesen Bukarest (Universitatea Tehnic˛ de Construc]ii) vom November vergangenen Jahres zeigt. Die Forscher haben sich Satellitendaten für Rumänien aus den Jahren 2012 bis 2023 angeschaut. Ihr Ergebnis: Nachdem die insgesamt gemessene Strahlung bis 2021 leicht abgenommen hat, ist sie seitdem rapide angestiegen. Über den gesamten Zeitraum haben die Lichtemissionen um 30 Prozent zugenommen.
Die Wissenschaftler begründen das mit Geschäften, die länger geöffnet und dadurch länger beleuchtet sind sowie mehr Straßenlaternen, die ein Gefühl von Sicherheit bewirken sollen. Der Hauptgrund sei aber, dass sich die besiedelte Fläche in Rumänien ausgedehnt habe – vor allem rund um Städte.
In der Tat: Eine Studie der Universität Bukarest zeichnet nach, wie über Jahrzehnte immer mehr Agrarland und Wiesen zu Wohnvierteln, Industriegebieten und Verkehrswegen wurden. Insbeson-dere der EU-Beitritt habe einen Boom ausgelöst. In manchen Städten wie Arad oder Oradea fand die Entwicklung hauptsächlich innerhalb der bestehenden Stadtgrenzen statt, in anderen wie Ploie{ti oder Gala]i vor allem in den umliegenden Gemeinden. In ländlichen Gebieten expandierten die Siedlungen vor allem vor dem EU-Beitritt und nach der Finanzkrise.
Und damit gehe eben auch eine dauerhafte Zunahme der Beleuchtung einher, sagt Mitautor und Geografie-Professor Christian Ioja. Insbesondere, weil ihr Ausbau an Straßen oder in Parks mit europäischen Geldern gefördert wird. Die Anlagen seien in vielen Fällen Photovoltaik-betrieben und leuchteten mit LED-Lampen.
Lösungen gibt es bereits
Moderne Systeme könnten aber nicht nur Teil des Problems, sondern auch der Lösung sein, regen die beiden Experten der Technischen Universität an. Anca Manolescu ist Ingenieurswissenschaftlerin unter anderem für Energieeffizienz, Ionu] Stănescu Doktorand im Bereich Erneuerbare Energien. Sie fordern adaptive „intelligente Beleuchtungssysteme“, die sich beispielsweise mithilfe von Bewegungssensoren nur dann einschalten, wenn auch tatsächlich jemand in der Nähe ist. Der niedrigere Energieverbrauch wäre ein willkommener Nebeneffekt. Oder Lampenschirme, die verhindern, dass Licht über den erwünschten Kegel hinaus zur Seite oder nach oben strahlt. So ließe sich das Leuchten am Himmel reduzieren, das Tiere stören kann.
Darüber hinaus brauche es aber auch klare rechtliche Grenzen für nächtliche Beleuchtung, finden die Wissenschaftler – und bemängeln, dass eine EU-weite Regelung fehle. Dementsprechend haben sich manche Länder eigene Regeln gesetzt. In Frankreich gibt es etwa ein umfangreiches Gesetz, das Lichtintensitäten, Sperrzeiten und Strafen bei Verstößen festschreibt. Unter anderem dürfen Werbetafeln zwischen ein Uhr nachts und sechs Uhr morgens nicht beleuchtet werden. Sperrzeiten und Lampenschirme hätten dazu geführt, dass der Lichtschimmer am Himmel zwischen 2012 und 2019 um sieben Prozent zurückgegangen sei.
Studie: Rumänien hat Nachholbedarf
Rumänien ist laut der Studie ein Negativbeispiel. So gebe es hier weder ein Gesetz explizit gegen Lichtverschmutzung, noch ließen sich aus anderen Gesetzen Vorgaben heranziehen. Auch gebe es kein Handbuch, an dem sich Kommunen orientieren könnten. Nach Kenntnisstand der Autoren ist nichts davon in Planung. Sie schreiben, Lichtverschmutzung dürfe „nicht nur als Energie- oder ästhetisches Problem behandelt werden, sondern auch als messbare Umweltbelastung“. Damit stimmt Fledermausexperte Szilárd-Lehel Bücs überein. Insgesamt 32 Arten gebe es in Rumänien. Manche der in Städten lebenden könnten gut mit dem Kunstlicht umgehen, jagten im Lichtkegel teils sogar Insekten – auf dem Land gehe die Population mancher Spezies hingegen zurück. Wimperfledermaus, Große und Kleine Hufeisennase sowie Großes und Kleines Mausohr seien solche Arten, die sich in historischen Gemäuern fortpflanzen. Dabei seien Fledermäuse für den Menschen sogar hilfreich: Als Insektenfresser kann ein einzelnes Tier bis zu 2000 Mücken in einer Nacht vertilgen. Bücs will niemanden davon abbringen, eine Kirche zu renovieren. Nur solle das besser nicht im Sommer geschehen, und wenn, dann behutsam von der Außenseite oder wenigstens nur einen Teil der Kirche beleuchten. Beim Licht kommt es auf das Wo an, aber auch auf das Wie.





