„Wir freuen uns auf jede Zusammenarbeit“

Interview mit Ioana Diaconu, Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Kronstadt

Foto: privat

2026 fand ein Führungswechsel beim Deutschen Kulturzentrum in Kronstadt/Brașov statt. In ihrer Eigenschaft als Vorstandsvorsitzende des rumänisch-deutschen Kulturvereins übernahm Dr. Ioana Diaconu die Leitung des Zentrums, nachdem Roxana Florescu, die die Institution mehr als zwei Jahrzehnte geleitet hatte, zurückgetreten ist.  22 Jahre nach seiner Gründung durch den rumänisch-deutschen Kulturverein (der in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert hat) ist das Deutsche Kulturzentrum Kronstadt eine lokal anerkannte und respektierte Einrichtung, die alle Dienstleistungen eines kleinen Kulturinstituts anbietet. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts Bukarest und des Auswärtigen Amts führt das Kulturzentrum in Kooperation mit lokalen und deutschen Partnern Kulturveranstaltungen durch, bietet Sprachkurse und Prüfungen an, verfügt über eine Bibliothek und ein Lehrmittelzentrum und vermittelt aktuelle Informationen über Deutschland.  Davon konnten viele Kronstädter in den letzten Jahren profitieren. Für die einen stand das Interesse für die deutsche Sprache, die sie gelernt haben, im Vordergrund. Für die anderen waren es wichtige Events, die aus dem Kulturkalender Kronstadts nicht wegzudenken sind, oder spannende Bücher, die ihnen Appetit aufs Lesen gemacht haben. Andere sind zusammen mit dem Kulturzentrum aufgewachsen. Das heute von Diaconu koordinierte Team des Deutschen Kulturzentrums besteht aus Deutschlehrern, Kulturmanagern und anderen Fachleuten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die deutsche Sprache und Kultur zu fördern. Über die Kronstädter Kulturlandschaft, aber auch über die Herausforderungen und Zukunftspläne des Kronstädter Kulturzentrums, sprach ADZ-Redakteurin Elise Wilk mit Dr. Ioana Diaconu. 

Frau Diaconu, das Kronstädter Kulturzentrum hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Kulturlandschaft der Stadt unter der Zinne nicht nur bereichert, sondern auch stark geprägt.  Die ehemalige Leiterin Roxana Florescu erzählte mir von dem ersten Event, das das Zentrum vor 22 Jahren veranstaltet hat – ein Jazzkonzert, wo man aus lauter Aufregung vergessen hatte, Eintrittskarten zu verkaufen. Jetzt blickt man zurück auf hunderte von Events – ein langjähriges Theaterfestival (Eurodram), ein Tanzfestival (PerformDance), die deutschen Filmtage, Jazz-Abende, Ausstellungen, Lesungen mit deutschen Schriftstellern, Workshops. Welches ist das Event der letzten Jahre, das Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben ist? 

Auf jeden Fall das Festival für zeitgenössischen Tanz „Performdance“. Das finde ich absolut beeindruckend. Als das Kulturzentrum im Jahr 2012 die erste Tanzperformance aus Deutschland nach Kronstadt brachte, war das etwas komplett Neues für die Stadt. Das begeisterte Feedback hat dazu geführt, dass man den Mut hatte, 2017 ein Festival zu organisieren.

Ja, das war eine sehr mutige Initiative. Hatte man keine Angst, dass nicht genug Publikum kommt? 

Von Anfang an gab es ganz viel Publikum. Das bedeutete: zeitgenössischer Tanz ist etwas, was der Stadt fehlte. Während der drei Jahre kamen immer mehr Zuschauer, das Publikum wurde also in diese Richtung „erzogen“. Zeitgenössischer Tanz ist eine Nische, die in Kronstadt überhaupt nicht abgedeckt war. Und das Publikum ist schon gierig, Sachen zu bekommen, die nicht vorhanden sind. 

Doch das Schönste, was dieses Festival bewirkt hat, ist, dass danach auch andere Vereine in der Stadt entstanden sind, die zeitgenössischen Tanz gefördert haben. 2018 und 2019 folgten dann zwei andere Editionen des Festivals. Seit der Corona-Pandemie 2020 hat man es leider nicht mehr organisiert. 

Warum geschah das? 

Es braucht sehr viel Herzblut und sehr viele Mitarbeiter, um so ein großes Festival über die Bühne zu bringen. Der Aufwand war enorm. Außerdem kam ein guter Teil des Geldes aus dem Stadthaushalt. Jetzt stellt die Stadt immer weniger beziehungsweise gar keine Fonds mehr für Kulturprojekte zur Verfügung. Es wird überall gekürzt und die Kultur ist leider der erste Bereich, der von diesen Sparmaßnahmen betroffen ist. Große Kulturveranstaltungen können leider in der nahen Zukunft in Kronstadt nicht zustande kommen. 

Es gibt leider auch keine finanzielle Unterstützung seitens der deutschen Wirtschaft vor Ort. Man kann in diesen schwierigen Zeiten auch nicht viel von ihnen erwarten. Vermutlich stehen diese Unternehmen auch unter denselben wirtschaftlichen Herausforderungen wie alle anderen und das ist eben die Tendenz - man verzichtet auf die Unterstützung der Kultur. 

Was die Stadt betrifft – als im Januar die Kronstädter Kulturpreise verliehen wurden, waren die Leute sehr unzufrieden und haben die fehlende Unterstützung seitens der Stadt auch zur Sprache gebracht. In jeder zweiten Ansprache wurde dieser Aspekt erwähnt. Und dann hat der Vizebürgermeister gemeint: „Es kann sogar noch schlechter werden“. 

Aber für die Zukunft würde ich mir schon wünschen, dass PerformDance erneut ins Leben gerufen wird. Vielleicht kommen bessere Zeiten. 

Nehmen wir mal an, es gäbe genügend Finanzierung von der Stadt und auch Sponsorengelder. Wen würden Sie nach Kronstadt einladen, wenn Sie genug Geld hätten? 

Den aus Rumänien stammenden Schauspieler Sabin Tambrea auf jeden Fall! Ich stelle mir eine Lesereise durch Rumänien vor, mit seinem Roman „Vaterländer“ über die Geschichte seiner Familie. Und den deutschen Trompeter Till Brönner, eine wichtige Figur der deutschen Jazz-Szene, würde ich natürlich auch sehr gerne nach Kronstadt einladen. Das Publikum wäre mit Sicherheit begeistert. 

Wenn wir schon vom Publikum sprechen – hat das Kulturzentrum schon ein Stammpublikum? 

Es kommt auf das Event an. Jede Veranstaltung hat ihr spezifisches Publikum – Film, Theater, Jazz, Tanz, bildende Kunst, Kinderprojekte. Man hat sich vorgenommen, durch die Events Diversität zu schaffen. Dabei handelt es sich nicht nur um ein deutschsprechendes Publikum. Alle Veranstaltungen, die in deutscher Sprache stattfinden, werden übersetzt.

Zusammenarbeit ist im Kulturbereich sehr wichtig. Das Multikulturelle Zentrum der Transilvania-Uni ist inzwischen Ihr Stammpartner. Die Französische Allianz, das Mureșenilor-Gedenkhaus, die Redoute, die jüdische Gemeinschaft, das Deutsche Forum waren Ihre konstanten Partner. Mit welcher Institution würden Sie außerdem gerne zusammenarbeiten?

Wir freuen uns über jede Anregung. Ich bin momentan sehr froh, dass die Kooperation mit dem Deutschen Forum so gut klappt, bei Veranstaltungen, die das deutschsprachige Publikum betreffen. 

Wir haben bemerkt, dass wir dieselbe Zielgruppe haben. Zum Beispiel bei Veranstaltungen für Kinder. Dann haben wir uns gedacht, anstatt die Interessenten aufzuteilen, sollen wir sie besser zusammenzubringen. Dass nicht nur eine Hälfte etwas bekommt, sondern dass alle Leute zweimal etwas bekommen. 

Das erste große gemeinsame Event waren die Veranstaltungen Anfang 2025 zum Anlass von „80 Jahre Deportation“. Und 2026 wurden wir vom „CinemaUniT“-Filmfestival angesprochen, mit einem Film beizutragen. Wir haben dann den Film „Roter Himmel“ in der Regie von Christian Petzold vom Goethe-Institut in Athen besorgt. Bei der Projektion haben wir bemerkt, dass im Publikum sehr viele Forumsmitglieder saßen. Der Kommunikationskanal durch das Forum ist der beste, wenn wir für deutschsprechendes Publikum etwas organisieren. Wir haben vor, unseren Kulturkalender anzupassen, damit sich unsere Events nicht überschneiden. Für die Bekanntmachung von unseren Ereignissen sind wir dem Forum auch immer dankbar.

Kooperationen sind auch wichtig, wenn man große Events organisiert. Der Stadt fehlt aber ein großes Festival, das Publikum aus anderen Städten und Ländern anzieht. 

Ich würde mir wünschen, dass das AMURAL wieder stattfindet. (Bemerkung der Redaktion: Nach sieben erfolgreichen Auflagen des Festivals für zeitgenössische bildende Kunst „Amural“ wurde das Festival 2022 nicht mehr organisiert). Das Schöne an diesem Festival war die Vielfältigkeit der Events. Dadurch brachte es Leute aus verschiedenen Ecken der Welt zusammen. 

Ja, ein Großevent kann nur stattfinden, wenn verschiedene Kulturvereine sich zusammentun. Wenn viele zusammenarbeiten, soll es auch für viele sein. 

Wie groß ist das Team des Deutschen Kulturzentrums heute? 

Außer mir besteht das permanente Team aus drei Leuten. Die stellvertretende Direktorin Mihaela Suceav², die auch gelernte Bibliothekarin ist, ist für die Bibliothek, das Tagesgeschäft und die Kursorganisation zuständig. Emil Szenyes, der hauptsächlich Lehrer ist, ist auch in der Verwaltung tätig. Und dann gibt es unsere Mitarbeiter, momentan um die zehn Deutschlehrer. 

Was ist in diesem Jahr die größte Herausforderung des Teams? 

Wir werden womöglich in den nächsten Jahren umziehen müssen, da das Gebäude auf der Langgasse, wo wir unseren Sitz haben, derzeitig ein Erbstreit-Objekt ist. Der Umzug ist also die größte Herausforderung. Dann steht noch gegen Ende des Jahres die neue Akkreditierung durch das Goethe-Institut an. Aber das ist etwas Normales, das findet alle drei Jahre statt. Die letzte war während der Pandemie und war eine große Herausforderung, da vieles online erledigt werden musste. 

Können Sie uns verraten, welche Kulturveranstaltungen im Herbst auf uns warten? 

Das Kulturprogramm ist noch in Arbeit. Wir wissen, dass wir beim Kronstädter Jazz-Festival mitmachen. Wir werden ein Konzert einer deutschen Künstlerin unterstützen. 

Und das nächste Event, wo wir Partner sind, findet am 25. Juni im Schloss Bran/Törzburg statt – Bluesferatu. 

Menschen, die Deutsch sprechen und gerne lesen, finden ein kleines Leseparadies in Ihrer Bibliothek. Kinder-und Sachbücher bis zu spannenden Romanen. Die Bibliothek wird immer reicher. Wer leiht bei Ihnen Bücher aus? 

Zurzeit haben wir über 2000 registrierte Abonnenten an der Bibliothek, davon viele unserer Kursteilnehmer. Natürlich leihen sich nicht alle periodisch Bücher aus. 

Am beliebtesten sind die Kinder- und Jugendbücher. Dort gibt es auch die am meisten aktiven Leser. Die 12er Schule ist in der Nähe und auch aus der Honterusschule kommen viele Kinder. 

Erwachsene leider nicht so oft.
 
Aber für Erwachsene stehen immer die neuesten deutschen Bücher im Angebot, zum Beispiel die Romane, die sich auf der Shortlist und auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises im Vorjahr befanden. Wir machen zu jeder Jahreshälfte eine neue Bestellung - also im Juni 2026 bestellen wir Bücher, die 2025 und im ersten Teil von 2026 erschienen sind. Es lohnt sich also vorbeizukommen. 

Was ist das Besondere an den Deutschkursen im Deutschen Kulturzentrum? 

Die Qualität. Unsere Kurse sind nicht billig, denn in den Kurspreisen ist auch die Ausbildung der Lehrer inbegriffen. Die Lehrer sind verpflichtet, diese Fortbildungen zu absolvieren. Wir arbeiten nach dem Curriculum vom Goethe-Institut, wir arbeiten unter dem Logo vom Goethe-Institut und das haben wir nicht als Geschenk bekommen, sondern wir haben einen ziemlich harten Akkreditierungsprozess durchgemacht. 

Momentan finden sehr viele Kurse online statt. Das ist in jeder Stadt anders – zum Beispiel bevorzugen die Kursteilnehmer in Hermannstadt oder Temeswar Präsenz-Kurse. Hier wollen sie mehr Online. 

Was sind Ihre größten Wünsche für die kommende Zeit? 

Dass die Kurse wenigstens so gut laufen wie bis jetzt. 

Dass wir mehr Sprachprogramme für Jugendliche durchführen und dass wir in dieser Hinsicht mehr mit den Schulen zusammenarbeiten. Wir sind technisch gut ausgestattet, denn wir haben in letzter Zeit die KI und viele Apps als Konkurrenz, was den Deutschunterricht betrifft. Deshalb sind wir immer wieder herausgefordert, Sachen zustande zu bringen. 

Ein sehr wichtiges Projekt ist, dass wir schon seit Jahren den Studenten der Germanistik und des Lehrgangs „Angewandte Fremdsprachen“ die Möglichkeit gegeben haben, bei uns zu hospitieren. 

Und wir sind immer offen für neue Kooperationen. Wir sind auf keinen Fall eine geschlossene Gesellschaft, sondern wir freuen uns auf jeden potenziellen Mitarbeiter. Wer interessiert ist, kann gerne vorbeischauen!