„Wir müssen unsere Geschichte erzählen – aber so, dass sie auch junge Menschen erreicht“

Ein Gespräch mit Thomas Erös über Herkunft, Tradition und die Zukunft der Sathmarer Schwaben

Thomas Erös, 1976 in Großwardein/Oradea geboren, entstammt einer sathmarschwäbischen Familie aus Beschened/Dindeștiu Mic im Kreis Sathmar/Satu Mare. Am 2. Januar 1990 floh er nach Ungarn und kam von dort nach Deutschland. In seiner neuen Heimat baute er sich beruflich als Bankkaufmann und Dipl. Bankbetriebswirt (BA) eine erfolgreiche Zukunft auf. Er spricht zudem vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Rumänisch und Ungarisch). Sprachen sind für ihn dabei mehr als nur ein Mittel zur Verständigung – sie helfen, Menschen zu erreichen, Brücken zu bauen und ein echtes Miteinander zu schaffen. Seine Wurzeln hat er dabei nie aus den Augen verloren. Heute engagiert sich Erös in zahlreichen ehrenamtlichen Funktionen für die Sathmarer Schwaben. Er ist Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben e. V., Beiratsmitglied DZM Ulm, Beisitzer Landesvorstand BdV Bayern; Kassenprüfer beim Weltdachverband der Donauschwaben sowie Vorsitzender der Stiftung Kulturverband Sathmarense in Sathmar. Sein Leitspruch „Stolz auf meine Herkunft“ steht dabei für seine enge Verbundenheit mit seiner Geschichte und seiner Kultur.

Im Gespräch mit ADZ-Redakteur Arthur Glaser erzählte Thomas Erös über die Bedeutung von Herkunft und Identität, den Zusammenhalt der Sathmarer Schwaben und die Herausforderungen, vor denen die Landsmannschaft heute und in Zukunft steht. Dabei geht es auch um die Frage, wie Tradition bewahrt und zugleich für kommende Generationen lebendig gehalten werden kann.

Sie haben Rumänien im Alter von knapp 14 Jahren verlassen. Wenn Sie heute an diesen 2. Januar 1990 zurückdenken: Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben – und wie hat dieses Erlebnis Ihren späteren Blick auf Heimat geprägt?

Wenn ich heute an den 2. Januar 1990 zurückdenke, dann spüre ich noch immer die Mischung aus Aufregung, Angst und Traurigkeit, die mich damals begleitet hat. Mit 14 Jahren versteht man zwar, dass etwas Großes passiert, aber man kann die Tragweite einer solchen Entscheidung noch nicht wirklich erfassen. Ich musste Abschied nehmen von meiner Familie, meinen Freunden, meiner vertrauten Umgebung, von allem, was für mich bis dahin selbstverständlich war.

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die vielen kleinen Momente: die letzten Begegnungen mit den Großeltern in Beschened, die Blicke der Menschen, die zurückblieben, und das Gefühl, nicht zu wissen, wann oder ob man sich wiedersehen würde. Das war für einen Jugendlichen eine sehr emotionale Erfahrung und einer der prägendsten Momente in meinem Leben.

Heute weiß ich, dass diese Zeit mich stark geprägt hat. Sie hat mir gezeigt, dass Heimat weit mehr ist als ein Ort auf der Landkarte. Heimat sind Menschen, Erinnerungen, Werte und das Gefühl, angenommen zu sein. Ich habe gelernt, dass man seine Wurzeln nie verliert, auch wenn man sein Leben an einem anderen Ort aufbaut. Meine sathmarschwäbische Heimat in Rumänien bleibt ein wichtiger Teil meiner Identität, und gleichzeitig habe ich in meiner neuen Heimat neue Wurzeln geschlagen, wo ich angekommen bin und zuhause bin. Gerade diese Erfahrung hat mich offen für andere Menschen, Kulturen und Lebenswege gemacht.

Sie engagieren sich heute intensiv in diversen Verbänden und Organisationen. Was treibt Sie persönlich an, so viel Zeit und Energie in die Ehrenämter zu investieren – und was gibt Ihnen dieses Engagement zurück?

Mein ehrenamtliches Engagement hat viel mit Dankbarkeit zu tun. Ich habe in meinem Leben selbst erfahren, wie wertvoll Menschen sind, die Zeit, Unterstützung und Vertrauen schenken. Ohne solche Menschen wären viele Wege für mich vermutlich schwieriger gewesen. Deshalb empfinde ich es als selbstverständlich, etwas zurückzugeben. Zugleich steht mir das gesamte Vorstandsteam der Landsmannschaft sathmarschwäbischer Landsleute zur Seite, die unterstützen. Diesen Zusammenhalt kenne ich noch aus meiner Kindheit, als ich meine Ferien auf dem Land verbrachte und erleben durfte, was ein Miteinander in der sathmarschwäbische Gemeinschaft heißt.

Was mich antreibt, ist die Überzeugung, dass jeder Einzelne etwas bewegen kann. Ich möchte nicht nur zuschauen, sondern mitgestalten. Besonders wichtig sind mir Begegnungen mit Menschen. Es berührt mich immer wieder, zu sehen, was entstehen kann, wenn Menschen gemeinsam an einer Idee arbeiten oder sich für eine gute Sache einsetzen.

Natürlich kostet Ehrenamt Zeit und manchmal auch Kraft. Aber mein Team und ich bekommen unendlich viel zurück: Freundschaften, Vertrauen, inspirierende Gespräche und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Die schönsten Momente sind für mich jene, in denen ich sehe, dass ein Projekt gelungen ist oder dass man einem Menschen helfen, Mut machen oder eine Perspektive geben konnte. Das erfüllt mich mit Freude und gibt meinem Engagement immer wieder einen tieferen Sinn.

Herr Erös, Sie stehen seit 2018 an der Spitze einer Gemeinschaft, deren Geschichte inzwischen über drei Jahrhunderte zurückreicht. Was bedeutet es für Sie persönlich, heute Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben e.V. zu sein? 

Es ist für mich vor allem eine große Ehre und zugleich eine Verantwortung. Die Landsmannschaft steht für die Geschichte, die Kultur und die Werte vieler Generationen von Sathmarer Schwaben. Als Bundesvorsitzender sehe ich mich nicht nur als Bewahrer dieser Tradition, sondern auch als Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mir ist wichtig, dass wir das Erbe unserer Vorfahren würdigen und gleichzeitig die Gemeinschaft so gestalten, dass sich auch die jüngeren Generationen darin wiederfinden.

Die Sathmarer Schwaben leben heute längst nicht mehr nur in ihren traditionellen Herkunftsgebieten, sondern in ganz Deutschland und darüber hinaus. Was hält diese Gemeinschaft Ihrer Meinung nach auch über Generationen hinweg zusammen? 

Zusammenhalt entsteht durch gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Erinnerungen und gemeinsame Werte. Viele Familien haben ähnliche Erfahrungen von Heimatverlust, Neubeginn und Integration gemacht. Gleichzeitig verbindet uns bis heute eine besondere Kultur mit ihren Traditionen, Festen, Liedern und der Mundart. Entscheidend ist aber, dass Gemeinschaft nicht nur auf Geschichte beruht. Sie lebt davon, dass Menschen einander begegnen, sich austauschen und Verantwortung füreinander übernehmen. Genau das schafft die Landsmannschaft.

Tradition und Moderne stehen bei vielen Landsmannschaften häufig in einem Spannungsverhältnis. Wie kann es gelingen, die sathmarschwäbische Identität, Sprache und Kultur zu bewahren, ohne dass die Landsmannschaft zu einem reinen Erinnerungsverein wird? 

Tradition und Moderne dürfen kein Widerspruch sein. Wir müssen unsere Geschichte erzählen, aber in einer Form, die auch jüngere Menschen anspricht. Neben Heimatbüchern und kulturellen Veranstaltungen gehören heute digitale Angebote, soziale Medien und moderne Veranstaltungsformate dazu. Kultur bleibt nur lebendig, wenn sie gelebt wird. Deshalb ist es wichtig, jungen Menschen Möglichkeiten zu geben, sich mit ihren eigenen Ideen einzubringen und die Gemeinschaft aktiv mitzugestalten.

Wie beurteilen Sie die heutige Verbindung zwischen den  Sathmarer Schwaben in Deutschland und den Schwaben in der Region Sathmar? 

Die Verbindung ist heute enger und vielfältiger als viele vielleicht vermuten. Regelmäßige Besuche, kulturelle Begegnungen, Partnerschaften und persönliche Kontakte sorgen dafür, dass die Beziehungen lebendig bleiben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Pflege von Erinnerungen, sondern um einen gegenseitigen Austausch auf Augenhöhe. Die Region Sathmar bleibt für viele ein wichtiger Teil ihrer Identität, während gleichzeitig neue Generationen die Beziehungen in einem europäischen Kontext weiterentwickeln.

2027 feiert die Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben ihr 80-jähriges Bestehen. Was bedeutet dieses Jubiläum für die Landsmannschaft – und welche Botschaft möchten Sie mit den Feierlichkeiten an die nächste Generation weitergeben? 

Das Jubiläum ist ein Anlass, dankbar auf das Erreichte zurückzublicken. Acht Jahrzehnte lang haben engagierte Menschen dazu beigetragen, unsere Gemeinschaft zusammenzuhalten und unsere Kultur zu bewahren. Gleichzeitig sollte das Jubiläum kein Schlussstrich sein, sondern ein Aufbruch. Meine Botschaft an die jüngere Generation lautet: Die Zukunft der Landsmannschaft liegt in euren Händen. Nutzt die Chancen, eure Herkunft kennenzulernen, eigene Akzente zu setzen und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Tradition lebt von Menschen, die sie weitertragen.

80 Jahre Landsmannschaft sind auch 80 Jahre Nachkriegsgeschichte: Flucht, Vertreibung, Deportation, Integration und schließlich ein neues Verhältnis zu Rumänien. Wenn Sie auf diese acht Jahrzehnte zurückblicken – worauf können die Sathmarer Schwaben besonders stolz sein? 

Die Sathmarer Schwaben können stolz darauf sein, trotz großer historischer Herausforderungen ihre Identität bewahrt zu haben. Flucht, Vertreibung, Deportation und der Aufbau einer neuen Existenz in Deutschland haben viele Familien geprägt. Dennoch ist es gelungen, sich erfolgreich zu integrieren, ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen. Ebenso stolz können wir auf die Versöhnung und die heutigen guten Beziehungen zur alten Heimat sein. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit ist eine Gemeinschaft entstanden, die Brücken baut und den europäischen Gedanken lebt.

Und wenn wir 20 Jahre nach vorne blicken: Wie soll die Landsmannschaft im Jahr 2047 aussehen? Was muss heute passieren, damit die Sathmarer Schwaben auch dann noch eine lebendige und selbstbewusste Gemeinschaft sind?

Ich wünsche mir eine moderne, offene und selbstbewusste Landsmannschaft, die Menschen aller Generationen miteinander verbindet. Im Jahr 2047 sollte sie nicht nur ein Ort der Erinnerung sein, sondern ein lebendiges Netzwerk, das Kultur vermittelt, Begegnungen ermöglicht und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Dazu müssen wir heute junge Menschen fördern, digitale Wege der Kommunikation nutzen und die internationale Vernetzung ausbauen. Wenn es uns gelingt, Tradition als Grundlage und nicht als Grenze zu verstehen, wird die Gemeinschaft auch in zwanzig Jahren lebendig und attraktiv sein.
Die Sathmarer Schwaben haben in ihrer Geschichte oft bewiesen, dass sie Herausforderungen meistern und dabei ihre Identität bewahren können. Mit diesem Selbstbewusstsein sollten wir auch in die Zukunft gehen.