Wo die Geschichten schlummern

Die Untiefen von Hermannstadt halten Überraschungen bereit

Irina, die jüngste Besucherin, assistiert bei der Führung. Foto: Aurelia Brecht

Schattenspiele in der Krypta

Theatralischer Auftritt: Adela Dadu beginnt ihre Führung in den Gängen des Ursulinenklosters.

Grabplatten Fotos (3): Laura Micu

Das Ursulinenkloster und seine Krypta: Viele Hermannstädterinnen und Hermannstädter erinnern sich wehmütig an das Gebäude in der Sporergasse/Strada General Magheru – denn viele haben hier ihre Schulzeit verbracht. Noch bis 2010 hatte an diesem Ort das „Päda“, das Liceul Pedagogic Andrei Șaguna, seinen Sitz. Ehemalige Schülerinnen und Schüler schlichen in den Pausen in die Tiefen, um sich, unbeobachtet von den Blicken des Lehrpersonals, trefflich zu gruseln. Heute kann man das legal und unter Anleitung tun. Denn eine spezielle Führung vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch besondere Erinnerungen.

Bereits seit 2024 gab es klassische Führungen durch die geheimnisvolle Unterwelt von Hermannstadt. Mit dem Festival für zeitgenössische Kunst/Sibiu Contemporary Art Festival (SCAF) wurde die Krypta erstmals für das Publikum geöffnet. Damals initiierten Mitarbeiter des Brukenthalmuseums die ersten Besichtigungen durch die unterirdischen Gänge des Ursulinenklosters (Anm. Red.:Kurz nach Entstehen dieser Reportage wurde bekannt, dass das Erzbistum Alba Iulia/Karlsburg das Ursulinenkloster in Hermannstadt zum Verkauf stellt; die ADZ wird berichten). Dieses Jahr hat der Verein „Brukenthal von Studio“/Asociația „Bruken-thal von Studio“ die Führungen auf ein neues Level gehoben: Unter dem Titel „Geschichten jenseits der Mauern. Schritte in der Krypta“/„Povești dincolo de ziduri. Pași în criptă“ kann man die Krypta nun auf eine neue Weise erleben. Rund 800 Interessierte sind seit Mai hinabgestiegen, um deren Geheimnisse zu erkunden.

In die unterirdischen Gänge entführt regelmäßig Gästeführerin Adela Dadu. Seit zwanzig Jahren ist sie im Tourismus aktiv. Mit ihren Touren möchte die Hermannstädterin einen anderen Zugang zum Ort und dessen Geschichte schaffen: „Die Führungen bewegen sich zwischen einer klassischen Führung und einem kleinen Theaterstück.“ Für sie war von Anfang an klar, dass ein besonderer Ort wie die Krypta des Ursulinenklosters mehr erfordert als eine typische Führung. Die Menschen sollten in eine Geschichte einbezogen, die Historie fühlbar und die unmittelbare Erfahrung erlebbar gemacht werden.

Stimmungsvoller Ritt durch die Geschichte

Es ist Abend, kurz vor der Dämmerung. Die Besuchergruppe hat sich im Eingangsbereich des Ursulinenklosters versammelt. Den Flur entlang wandelt eine Gestalt der Gruppe entgegen: Schwarzer Hut, dunkler Gehrock, eine große Laterne in der Hand. Der Himmel verfinstert sich, passend dazu beginnt es zu gewittern.

Aus der Zeit gefallen und doch nahbar ist die Performance, heiter und konzen-triert die Stimmung in der Besuchergruppe. „Eine Sache ist sicher, hebt Adela Dadu, an: Dieser Ort hat fünf Jahrhunderte Geschichte gesehen, er hat Kriege erlebt, Brände, er hat Menschen Zuflucht geschenkt, die vor dem Tod flohen, er hat verzweifelte Gebete gehört und das eine oder andere Geheimnis bewahrt. Denn die Mauern sprechen nicht, aber sie sehen und hören.“

Dann beginnt der Streifzug durch die Geschichte, nicht nur die des Klosters und der Krypta, sondern auch der Siebenbürgens: Im 15. Jahrhundert befand sich an Ort und Stelle ein Dominikanerkloster, auch der Orden hatte bereits eine Krypta angelegt. Als sich die Reformation ausbreitet, steht hier lange eine lutherische Kirche. Die von den Mönchen erbaute Bibliothek wird schließlich in eine kleine Schule umgewandelt. Mit dem Habsburgerreich breitet sich erneut der Katholizismus aus. Im Jahr 1733 kommen nach einer einmonatigen Reise sieben Nonnen aus Pressburg in Hermannstadt an. Sie fahren auf dem Großen Ring in einer Kutsche vor, ein feierlicher Gottesdienst findet ihnen zu Ehren statt. Sie sollen das Kloster übernehmen, das von nun an eine der bekanntesten Mädchenschulen des Habsburgerreichs beherbergt. Kaiserin Maria Theresia lässt den Ursulinen 40.000 Gulden zukommen, mit denen der Wiederaufbau des Klosters finanziert wird. Die Mädchen, die hier unterrichtet wurden, entstammten meist dem Adel und kamen aus allen Ecken des Reiches. Der Unterricht fand auf Deutsch, Französisch oder Ungarisch statt.

Kurz vor dem Abstieg in das Gewölbe hält Adela Dadu inne. Die kleinste Besucherin wird in die Führung eingebunden, sie erhält die Aufgabe, die Laterne zu tragen und voranzugehen. Zugig und feucht ist es in den Gängen. Unter der Ursulinenkirche befinden sich 250 Gräber auf drei Niveaus. Die Nonnen, die hier bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wirkten, sind hier zur Ruhe gebettet, aber auch Personen, die für das Kloster eintraten oder ihm nahe standen. Durch die Mauerritzen pfeift der Wind – eine Nonne sitzt bei Kerzenschein am Schreibtisch. Nicht nur durch die Überraschungsdarbietung im Gewölbe lassen sich das Klosterleben und der Geist vergangener Jahrhunderte nachspüren. Die Krypta atmet Geschichte und die Besuchergruppe ist mitten-drin. Angekommen im Klosterhof, erwacht man wie aus einem fernen Traum.

Ein Ort der Bildung und der Gemeinschaft

Viele Besucher kämen schon allein aus nostalgischen Gründen hierher und teilten im Anschluss an die Führungen ihre Erinnerungen, erzählt Adela Dadu nach der Führung. Einige kämen sogar mehrmals zu den Touren. Die Zeit habe ihre Spuren am Gebäude hinterlassen – für viele sei der Besuch auch deswegen sehr emotional.

Sie verwende den Ort der Krypta gerne, um die Hintergrundgeschichte zu erzählen und um zu verdeutlichen, was hier 500 Jahre lang existiert habe, betont Dadu. Wichtig ist ihr in den Führungen vor allem, den Akzent auf die Rolle der Bildung zu legen, die über die Jahrhunderte immer von hier ausgegangen ist : „Von den Dominikanern mit einer Bibliothek voller Inkunabeln über die lutherische Zeit, in der hier eine Schule war und schließlich zu den Ursulinen, die Generationen von Mädchen unterrichtet haben. Das ist ein Ort, der über die Zeit hinweg immer der Bildung gewidmet war.“

Ein Ort, von dem Bildung ausgeht, ist es noch immer: Der historische Gebäudekomplex befindet sich derzeit im Besitz des Erzbistums von Karlsburg/Alba Iulia. Mit dem Konzept „Ursuline Art Hub“ möchte der Verein „Brukenthal von Studio“ Interessierte durch Workshops, Ausstellungen und Führungen für Kunst begeistern. Erst vor Kurzem fand in den Räumlichkeiten die Ausstellung des siebenbürgischen Künstlers Stefan Câlția statt, der mit seinen Phantasiewesen die Herzen des Publikums eroberte. So ist das Kloster auch heute noch ein Ort für Vermittlung von Kunst und Kultur.

„Wir nähren uns von Geschichten und vom Austausch“

Die Performance-Führungen jedenfalls werden angeboten, solange es dafür interessierte Besucherinnen und Besucher gibt, erzählt Adela Dadu. Mit dem Festival für zeitgenössische Kunst/Sibiu Contemporary Art Festival (SCAF), das Anfang September beginnt, sollen weitere Räumlichkeiten des Ursulinenkomplexes für das Publikum geöffnet sein. Ein Teil des Erlöses aus den Eintrittskarten der Führungen kommt dem Erhalt des Gebäudes zugute.

Oftmals gehe man an den historischen Gebäuden der Stadt im Alltag achtlos vorbei, man gewöhne sich an sie: „Das führt dazu, dass wir denken, wir wüssten alles über sie, aber in Wirklichkeit wissen wir meist nichts Genaues. Mit den Führungen möchte sie die Besucher einladen, sich Zeit zu nehmen, inne zu halten, zuzuhören, und die Geschichten weiter zu tragen, denn: „Wir leben und nähren uns von Geschichten und vom Austausch miteinander“, meint die Gästeführerin.

Auch über neue Erfahrungen und Überraschungen im Stil der Krypta-Führungen an anderen historischen Orten in Hermannstadt, denkt Adela Dadu nach. Denn vieles ist noch unentdeckt. Überall schlummern Geschichten. Um sie wieder zum Leben zu erwecken, müssen sie erzählt werden.


Die 45-minütigen Erlebnis-Führungen finden in unregelmäßigen Abständen statt. Anmeldungen sind möglich unter apropo.app