Wo die Grenze nach Erde riecht

EuroVelo 13 und „Stories on Wheels“ erzählen das westliche Banat neu – langsam, sinnlich, auf zwei Rädern

Ein Rastplatz für Radfahrer in Lunga, von der Banater Gemeinschaft geschaffen Fotos: Constantin Duma/Colț de Banat

Auf BOHN-Ziegeln gebaut – die Stationen durch Raum und Zeit am Iron Curtain Trail im Banat.

24 Sehenswürdigkeiten sind auf der EuroVelo-13-Route durch den Kreis Temesch vermerkt.

Am Anfang ist es still. Nicht leer, sondern gespannt, wie es an Grenzen still ist. Bei Lunga, nahe dem westlichen Rand Rumäniens, liegt die Ebene offen unter dem Himmel. Der Wind fährt durch das Gras, Reifen knirschen im Staub, eine Fahrradkette klickt, Stimmen kommen näher und verlieren sich wieder. Dann erst begreift man, dass dieser Ort nicht nur eine Wegmarke ist. Hier beginnt auf rumänischem Gebiet die EuroVelo-13-Route, der sogenannte Iron Curtain Trail. Die europäische Fernradroute folgt jener Trennlinie, die den Kontinent jahrzehntelang in Ost und West teilte. Doch bei Lunga wird aus der großen europäischen Erzählung eine sehr konkrete Erinnerung. Der Eiserne Vorhang war hier kein Begriff aus Geschichtsbüchern. Er war Stacheldraht, Grenzposten, Nacht, Angst, Schüsse – und zugleich die Hoffnung auf ein anderes Leben.

Am 23. Mai wurde bei Lunga ein neuer Rast- und Erinnerungsort eingeweiht. Blumen wurden gepflanzt, aromatische Kräuter in die Erde gesetzt, zwei Bäume kamen hinzu. Kinderhände griffen in dunkle Erde, Wasser floss aus Gießkannen, Spaten durchborten den Boden. Es roch nach frischem Grün, nach Sommerbeginn, nach Erde. Was äußerlich wie eine kleine Verschönerung des öffentlichen Raums wirkte, war in Wahrheit eine symbolische Handlung. Die Initiatoren suchten nach einem Wort, um sie zu beschreiben, und fanden eines: Baum. „Das passendste Wort für diese Aktion wäre Baum“, heißt es in der Mitteilung von Colț de Banat.

Der Baum ist hier keine gefällige Metapher, sondern eine Ordnung des Erinnerns. Die Wurzeln reichen hinab in die Geschichte der Grenzdörfer: in die Zeit der gezogenen und geschlossenen Grenzen, der gelungenen und gescheiterten Fluchtversuche, der Zwangsumsiedlungen, der kontrollierten Freiheit und der gebrochenen Lebensläufe. In den Erinnerungen jener, die anderswo Freiheit fanden, blieb, so schreiben die Organisatoren, der „Geruch der Erde“ zurück – jener Erde, über die Menschen nachts auf den Ellbogen krochen, in der Hoffnung, den Grenzsoldaten zu entkommen.

Der Stamm dieses Baumes sind die Menschen, die diese Geschichte noch tragen. Einer von ihnen ist Alexandru Contrea. Er erzählt von Fluchtversuchen und Grenzerfahrungen dort, wo sie sich ereignet haben. Kein Museumsglas trennt seine Erinnerungen von der Landschaft. Auch Sergiu und Cristina Dema gehören zu jenen, die seit Jahren Geschichten aus diesem westlichen Winkel des Banats sammeln und weitergeben. Sie bewahren keine abstrakte Vergangenheit, sondern Stimmen, Namen und Ortsgedächtnisse.

Die Äste führen weiter. Genau hier beginnt die Idee, aus Radwegen Erzählwege zu machen. Routen verbinden Europa wie Zweige eine Baumkrone. Wer mit dem Fahrrad kommt, bleibt nicht Zuschauer aus sicherer Entfernung. Er bewegt sich durch die Landschaft, mit Sonne auf der Haut, Wind im Gesicht und dem Rhythmus der Pedale in den Beinen. Er ist langsam genug, um Übergänge zu bemerken: den Schatten einer Kirche, den Wechsel der Dorfstraße, die Nähe der Grenze, die äußerlich verschwunden ist und doch in Biografien fortbesteht.

Der Rastplatz bei Lunga entstand im Zusammenhang zweier Projekte: „Inclusive Border Cycling“, das vom Temescher Kreisrat mit nationalen und internationalen Partnern im Rahmen des Interreg-Donauraumprogramms umgesetzt wird, und „Stories on Wheels“ des Vereins Col] de Banat. Beide verfolgen ein ähnliches Ziel: Der Temescher Abschnitt von EuroVelo 13 soll nicht nur Infrastruktur erhalten, sondern auch Erzählungen, Markierungen und künstlerische Zeichen. Es geht nicht allein um Beschilderung, Asphalt und touristische Karten, sondern um die Frage, was eine Landschaft erzählt, wenn man ihr zuhört.

Die Grenzregion wird dadurch nicht musealisiert, sondern befahrbar und erfahrbar gemacht. In Lunga, Großkomlosch/Comloșu Mare und Ostern/Comloșu Mic wurden Informationspunkte an wichtigen Stellen eingerichtet. Bei Lunga erfährt man vom sogenannten kleinen Grenzverkehr mit Jugoslawien während des Kommunismus. Zwischen Lunga und Großkomlosch stehen Flucht, Angst und Freiheitssehnsucht im Mittelpunkt. In Großkomlosch wird an die Deportation in die Bărăgan-Steppe im Sommer 1951 erinnert, in Ostern an die Verschleppung der deutschen Bevölkerung in die Sowjetunion.

Diese Stationen sind keine lauten Denkmäler. Sie arbeiten mit Text, Ort und Material. Besonders die Verwendung historisch aufgeladener BOHN-Ziegel fügt eine sinnliche Schicht hinzu. Wer die Ziegel sieht, berührt mit dem Blick auch ein Stück industrieller und baulicher Geschichte des Banats. Erinnerung bekommt Gewicht, Oberfläche und Temperatur. Sie steht in der Sonne, wird nass im Regen, sammelt Staub an – und gehört damit wieder zur Landschaft, aus der sie stammt.

Auch die neue Ausgabe von „Stories on Wheels 2.0“ nimmt diesen Faden auf. Am 13. Juni führte die erste Velotour des Jahres von Hatzfeld/Jimbolia über Ostern und Großkomlosch nach Gottlob und Grabatz und am Ende zurück nach Hatzfeld: rund 40 Kilometer, in freundlichem Tempo, mit Pausen und einer längeren Geschichtenrunde in Gottlob. Das Thema lautet „Geschichte des Bodens“ – die Versuchung der Nationalisierung und die Tragödie des Verlusts privaten Eigentums. Schon der Titel zeigt, dass es nicht nur um Besitz als juristische Kategorie geht, sondern um Felder, Häuser, Gärten, vererbte Arbeit und das Gefühl, dass ein Stück Erde zu einem Leben gehört.

„Wir wollen nicht nur Kilometer abhaken“, schrieben die Organisatoren in der Einladung. Der Satz widerspricht einer Gegenwart, die auch Reisen oft in Zahlen misst: Distanz, Geschwindigkeit, Höhenmeter. Hier sollen die Kilometer nur das Medium sein. Das Ziel liegt in den Pausen, im Gespräch, im Blick auf Orte, die man sonst durchqueren würde, ohne sie zu sehen. In Gottlob sollen Fragmente der Ortsgeschichte, Menschen aus der Gemeinschaft und Einzelheiten aus dem Leben der Pusztadörfer sichtbar werden. Die Banater Ebene wird damit nicht Kulisse, sondern Erzählerin.

Am Morgen in Hatzfeld werden bei kühler Luft in den Straßen die Fahrräder geprüft, Helme gerichtet, Trinkflaschen verstaut. Dann hinaus aus der Stadt, über Straßen, die durch die offene Landschaft führen. Es ist wechselhaft bis wolkig, angenehm, die Felder liegen weit und flach. In den Dörfern werden die Räder langsamer. Man hält an, trinkt Wasser, hört zu, fotografiert die Infotafeln. Das Banat offenbart sich unterwegs nicht als Postkartenlandschaft, sondern als vielschichtiger Erfahrungsraum. In Gottlob bringen Adrian Banciu, Anneliese Wambach und Mihaela Nastor im Rathaus gemeinsam mit Magdalena Nastor den Teilnehmenden wertvolle Informationen über historische und soziologische Ereignisse näher, die die Region geprägt haben. Es sind Geschichten und Zeitzeugenberichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden – der Großteil davon handelt von den Banater Schwaben.

Am Ende der Tour diesmal noch ein besonderes Erlebnis in der alten deutschen Schule in Hatzfeld, bei NomadAKtiv: Beim „Târgul Creatorilor“ sind lokale Produzenten, Kunsthandwerker und kreative Initiativen kennenzulernen und zu unterstützen.  Gegen Bezahlung wird außerdem ein Gulasch angeboten. Den Abschluss bilden ein Workshop von Craftăria Print Boutique sowie Geschichten von Sergiu Dema für die Teilnehmenden der Radtour.

Der Blick reicht inzwischen über einzelne Touren hinaus. Der Temescher Kreisrat arbeitet am Projekt „Cycling to the West – Ruta Cicloturistic˛“, das nach Angaben des stellvertretenden Kreisratsvorsitzenden Alexandru Iovescu über 1800 Kilometer Radwege vorsieht, davon rund 400 Kilometer im Kreis Temesch. Die Strecke soll unter anderem die Grenzpunkte Lunga und Stamora-Moravița verbinden und in das EuroVelo-13-Netz integriert werden. „Inclusive Border Cycling“ nennt sich die Initiative, die nachhaltige Mobilität unterstützen und Gemeinschaften durch Radfahren verbinden soll. „Dieses Projekt handelt von Menschen, Geschichten und nachhaltiger Entwicklung“, sagte er. Fahrradinfrastruktur ist notwendig, doch sie bleibt stumm, wenn sie keine Beziehung zu den Orten aufnimmt. Im westlichen Banat kann ein Radweg mehr sein als ein Band aus Asphalt. Er kann zum Faden werden, der verstreute Erinnerungen zusammenzieht: Deportationen, Nationalisierung, Grenzangst, kleine Freiheiten, Neubeginn nach 1989. Er kann Dörfer nicht nur verbinden, sondern lesbar machen.

Dass diese Arbeit bereits begonnen hat, zeigte im vergangenen Herbst auch die Velotour „Zorii democrației“ – „Morgenröte der Demokratie“, die von den Anfängen der 1990er Jahre, von Mut und der Zerbrechlichkeit des Wandels handelte. „Demokratie beginnt mit einem Schritt oder mit einem Pedaltritt“, heißt es sinngemäß in der Rückschau der Organisatoren, die dafür dieselbe Strecke wie diesmal wählten.

Vielleicht ist dies die eigentliche Stärke des Projekts: Es macht Geschichte langsamer. Es zwingt nicht zur großen Geste, sondern zur Aufmerksamkeit. Die Teilnehmer müssen treten, schwitzen, anhalten, trinken, wieder losfahren. Geschichte kommt nicht als fertiger Vortrag zu ihnen, sondern als Stimme am Wegrand, als Ziegelstein, als Dorfname, als Familienerzählung, als Wind aus der Ebene. Bei Lunga wird diese Verbindung besonders sichtbar. Dort, wo einst Menschen im Dunkeln auf Freiheit hofften, wurden Pflanzen gesetzt. Dort, wo die Grenze Tod bedeuten konnte, halten Fahrräder. Dort, wo Geschichten lange geflüstert wurden, stehen nun Zeichen im öffentlichen Raum. Der Ort beschönigt nichts. Aber er lässt zu, dass aus Erinnerung etwas Lebendiges wächst.

Wer hier fährt, bewegt sich nicht nur durch Raum. Er fährt durch Schichten von Zeit. Und wenn am Ende Staub an den Schuhen klebt und die Hände nach Metall, Erde und Sonne riechen, bleibt mehr zurück als die angenehme Müdigkeit eines Tages auf zwei Rädern. Es bleibt das Gefühl, dass ein Stück Banat neu auf der Karte erschienen ist.