„Aus einer Wüste ward ein blühend Eden. Aus Sümpfen hob sich eine neue Welt.“
So las ich unlängst die in Stein gemeißelten Worte des bekannten Banater Schriftstellers Adam Müller Guttenbrunn im Sockel des Denkmals der Gedenkstätte über den Massengräbern in Rudolfsgnad, im serbischen Teil des Banats. Da habe ich meinen Begleiter gefragt, woran wohl der Schriftsteller gedacht haben mag, als er diese Worte niederschrieb. Mein Begleiter war der emeritierte Bischof von Temeswar, Martin Roos, mit dem ich in den vergangenen Tagen in der Absicht nach Rudolfsgnad gepilgert bin, mich in der Stille der Gedenkstätte der Botschaft derer zu stellen, die in den Massengräbern oder sonstwo im serbischen Teil des Banats, der Batschka und anderswo im ehemaligen Jugoslawien zu Tausenden und Abertausenden verscharrt, ruhen.
Der Ort und vor allem die berichteten Umstände, die zu dem Gelübde von Rudolfsgnad führten, das uns bis zum heutigen Tag hier in Altötting zur Wallfahrt vereint, bewahrheiten die Worte des Dichters, indem sie uns zeigen, dass selbst in den aussichtslosesten Lagen des Lebens todgeweihte Menschen, Kinder, Kranke und Alte, wie die drei Jünglinge im Feuerofen im Buche Daniel des Alten Testamentes (vgl. Dan 3, 1-97), sich selbst und ihr Leben in die Hand Gottes legen, und uns so die Würde des unbesiegbaren göttlichen Lebens und dessen Kraft im Schicksal von Menschen bezeugen.
Dunkle, schwere Gewitterwolken lagen über der Gedenkstätte, als wir in Rudolfsgnad ankamen, so als ob man uns augenfällig daran erinnern wollte, dass wir uns an der grauenvollen Stätte befinden, wo die Holzkreuze aus den fünfziger und sechziger Jahren in den Weizenfeldern an die Anfänge der Gedenkstätte erinnern und die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnen. Das marmorne Dreifaltigkeitsdenkmal ist von vielen weißen Täfelchen umgeben, die den Besucher mit den Einzelschicksalen aus Familien wie auch mit den Zahlen der Toten ganzer Gemeinden aus den Jahren 1944 bis 1948 konfrontieren.
An der Gedenkstätte, wo viele Tausende unserer Schwestern und Brüder, Kinder und Alten ruhen, erlebt man die Spannungen, die das Leben „aus der Wüste und aus dem Sumpf zum blühend Eden“ erstehen lässt. Es lenkt Sinn und Blick zu der Frau hin, deren Haupt gekrönt und von zwölf Sternen umgeben, im neuen, himmlischen Jerusalem als das Große Zeichen erscheint, zu dem wir auch noch hoffnungsvoll aufschauen dürfen. Nicht vergebens hat man die blaue Fahne des neuen, vereinten Europa mit den zwölf Sternen dekoriert, auch wenn wir noch weit von einem befriedeten geeinten Europa in Sicherheit und christlicher Ordnung entfernt sind.
Auch wenn wieder einmal Krieg und Unfrieden Europa heimsuchen, und die menschliche Würde und die daraus sich ergebenden menschlichen Selbstverständlichkeiten mit Füßen getreten werden, entstehen Massengräber – sei es im Osten, sei es im Westen! Daher ist es wichtig, ja lebensnotwendig, dass das Evangelium Christi unsere ganze Lebensexistenz durchdringe. Ein Evangelium, eine Frohbotschaft, die Heilung für die Wunden bedeutet, Kraft in den Prüfungen verleiht und unserem irdischen Lebensweg die Richtung vorgibt.
Schwestern und Brüder in Christus, liebe Wallfahrer, in diesem Sinne möchte ich, dass wir uns, wie Maria, die Schwester des Lazarus, im heutigen Evangelium (Lk 10, 39), Jesus zu Füßen setzen und uns darüber klarer werden, was Sinn und Ziel unseres eigenen Lebens ausmachen. Begeben wir uns an jene Stellen, wo Christi Kreuz auf unserem eigenen Lebensweg uns besonders deutlich begegnet ist, damit wir besser erkennen und bereitwilliger das Kreuz des Herrn annehmen können, wo Er es uns in Zukunft noch auf den Weg stellen wird.
(Auszug aus der Predigt bei der 65. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben am 12.7.2026 in Altötting; Deutschland)





