Wort zum Sonntag: Jede Not ruft nach der Mutter!

Es ist heuer achtzig Jahre her, dass Pater Wendelin Gruber in den Todeslagern Serbiens mit den Tausenden von Todgeweihten das Gelübde ablegte, auf das unsere Wallfahrt zur Gottesmutter zurückgeht. In deren Nachfolge stehen wir selber heute hier und bekennen uns zu dem Versprechen, das diese alle zusammen mit Pater Gruber damals abgelegt haben.

Während alle, die damals in Freiheit lebten und selbst keine Möglichkeit sahen, einzugreifen oder doch das Wort gegen die Gräueltaten hätten erheben können, begab sich Pater Gruber mit dem Segen zweier Erzbischöfe in die Lager, um Trost und Sakramente zu spenden. An Mariä Verkündigung war er in Gakowa und am Pfingstsonntag in Rudolfsgnad, dem größten der Todeslager, wo Kinder und Alte zu Tausenden hungerten, um die Eucharistie, die Heilige Messe, zu feiern. Dies war damals, unter den gegebenen Umständen, nicht nur lebensgefährlich, es erforderte eine spitzfindige Intelligenz, die durch jede sich bietende Lücke zu schlüpfen bereit war, und einen schier draufgängerischen, ja sturen Charakter, der keine Gefahr kannte, wenn es galt, den nächsten Schritt zu tun: Denen zu helfen, denen nicht mehr zu helfen war.

Ob einer von denen, die damals in Gakowa oder in Rudolfsgnad dabei waren, tatsächlich mit dem Leben davongekommen ist, wissen wir heute nicht mehr. Wohl kaum! Doch wunderbar bleibt: Wo kaum einer der großen Kirchenmänner von damals zu denken gewagt hatte, da sprang mit beiden Füßen Pater Gruber voll „in die Höhle des Löwen“. Er brachte den Todgeweihten wohl das letzte Mal den Trost des Glaubens und feierte mit ihnen ein einmaliges Pfingstfest in einem Bauernhof mit Pfingstrosen auf dem Altartisch, verhaltenem Messgesang und zum Schluss mit dem altbekannten, gewohntem Marienlied „Meerstern ich dich grüße, o Maria hilf!“ 
Es verbarg sich dahinter wohl die alte Wahrheit und Erfahrung: Jede Not ruft nach der Mutter! Wer hätte dies nicht unzählige Male am eigenen Leib erfahren. In den Krankheiten der Kindestage, in den späteren Lebenslagen, in Gefahren und Nöten… Unwillkürlich wecken solche Situationen im Menschen die Sehnsucht nach der leiblichen Mutter, die doch immer geholfen hat, die doch immer einen Rat wusste, auf die man sich verlassen konnte, die einen wie ein Stern über offenem Meere stets begleitet. Solange man eine Mutter hat, ist man „Kind“, hat man einen Ort der Zuflucht, der nie enttäuscht, zu dem man kommen darf zu jeder Zeit, in jeder Not und Gefahr. 

Aus dem Bewusstsein, dass jede Not nach der Mutter ruft, geht Pater Gruber den Todgeweihten voran und spricht aus, was diese Hungernden Kinder und Alten, zu Tausenden arbeitsunfähigen „Logoraschi“ (serb. Lagerinsassen) aus der Batkschka, aus Syrmien und aus dem Banat, nicht zu denken wagten. Dies zu tun, dazu gehörte mehr als nur Todesmut und Draufgängertum. Dazu gehört ein felsenfester Glaube und schier abgrundtiefes, apokalyptisches Gottvertrauen, das sich angesichts des „großen Zeichens“ aufgerichtet, getragen und berechtigt, ja verpflichtet weiß, den in Not und Todesgefahr befindlichen Mitmenschen beizustehen und, wenn schon nichts anderes, so doch ein Wort des Trostes, die Vergebung im Sakrament der Buße, im Brot des Lebens Mut und Zuversicht zu reichen oder auch nur mit ihnen zu singen „Meerstern, ich dich grüße, o Maria hilf!“.

Auch nach achtzig Jahren bleiben solche Gesten der Nächstenliebe und des Einsatzes, wie sie Pater Gruber in Rudolfsgnad und Gakowa, aber auch mehrere andere unserer Priester uns hinterlassen haben, hochaktuell und wert, dass wir sie beherzigen und uns in Dankbarkeit dieser Helden des Glaubens auch in dieser Feier von Tod und Auferstehung des Herrn, ihrer in Dankbarkeit erinnern. 
(2. Auszug aus der Predigt bei der 65. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben am 12.7.2026 in Altötting; Deutschland)