„Was ihr einem dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan!“, sagt Jesus Christus. (Matthäus 25,40) An solch einer Frage drohen sich Geister zu scheiden. Denn der Drang, immer etwas Neues zu bieten, ist manchen suspekt, zu anstrengend oder zu riskant, für andere wiederum der einzige Weg, um zu überleben. Zuverlässigkeit und Attraktivität dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden – ebensowenig die Altehrwürdigkeit unserer Heiligen Schrift gegen deren Intentionen! Und das Wort Gottes ermöglicht nicht nur Umdenken, sondern es fordert eigentlich jederzeit dazu auf...
Wie unkonventionell seine Art zu handeln und zu sprechen für die Mitmenschen war, dessen ist sich Jesus wohl bewusst gewesen: Er verblüffte mal durch Gleichnisse, mal durch die Verknüpfung von körperlicher Heilung mit innerlicher Befreiung zur Umkehr; er verhielt sich zu 5000 Menschen so, als wären es 50 – und hatte Erfolg; er stellte sich vor mörderische Steine mit einem simplen Satz auf den Lippen.
Irdisches Bestreben andererseits zielt meist auf: Vorhersehbarkeit, Absicherung, Wohlstand und Schonung. Werden solche Ziele wirklich erreicht, so entwickeln sich daraus ganz leicht Gleichgültigkeit, Desinteresse an Details und letztlich Langeweile.
Gleichzeitig weisen so viele Dinge im Alltag da-rauf hin, wie stark und stetig der Bedarf an Änderung ist… man möge nur mal auf „die Geringsten“ Acht geben, Benachteiligte in ihrer Ohnmacht wahrnehmen oder Heranwachsende in ihrer jugendlichen Ungeduld. Dass zu einem großen, regelmäßig stattfindenden Gemeindefest gewöhnlich nicht der eigene Pfarrer, sondern Gastprediger das Wort verkünden, zeugt auch von dem Bedürfnis nach Abwechslung.
Bartholomäus, der Heilige, der Anfang dieser Woche gefeiert wurde, war nicht bereit nachzugeben, als Ungläubige ihn zur Anpassung zwingen wollten; er hatte allerdings auch keineswegs die primäre Absicht, andere zu beeindrucken. Paulus plante nicht, die Klugen Athens mit hohen Worten zu überzeugen (siehe Losung 24. August d.J.). Durch beide geschahen jedoch Wunder, die ihrem ungezwungenen, ehrlichen Zeugnis des Glaubens entsprangen. Aus dem gleichen Antrieb heraus war auch Augustinus (gest. 28. August 430 n.Chr.) bereit, so manche Überzeugungen der Kirche auf den Kopf zu stellen, die schon damals verknöchert waren.
Erst recht hat aber wieder und wieder der Regeln vorschreibende Charakter sich etabliert und das juristische Element der Kirche die Leute dominiert. Allzu leicht übersehen wir, dass Christi „Gesetze“ immer das Zurecht-Richten und kein Verurteilen beabsichtigen. Wozu die Regeln der Kirche also vor allem gut sein müssten, ist dies: der Vernachlässigung und der Benachteiligung und der Lieblosigkeit zuvorzukommen. Das würde Bescheidenheit und Demut fördern; das würde den Menschen gerecht werden, bevor sie anfangen, ihr Recht einzufordern.
Insofern muss die Kirche durchaus überraschen – im Sprechen und im Handeln, in ihrer Art zu feiern und sich öffentlich zu äußern, in ihrer eigenen täglichen Umkehr und ständigen Reformation.
Vielleicht ist auch das Subjekt ungenau: nicht die Kirche, sondern ihre einzelnen Glieder, die Gläubigen, die ernsthaften Christus-Nachfolger können gar nicht anders in dieser Welt als immer wieder zu überraschen – etwa durch die Natürlichkeit in ihrem Umgang mit Ausgestoßenen, durch ihren Idealismus beim Anpacken festgefahrener Verhältnisse, durch ihren Ausstieg aus der Spirale des selbstverständlichen Konsums usw.
Dahinter steckt nicht die Absicht, zu frappieren oder gar zu schockieren (obzwar das manchmal der Effekt sein wird), sondern allein die Absicht, Gutes zu tun den Geringsten. Daran hat sich die Welt nämlich – zu ihrem Leidwesen – immer noch nicht gewöhnt.





