Nicușor Dan hat geredet. Stotternd wie immer. Wie ein Schüler, welchem der Hund die Hausaufgabe gefressen hat. Jetzt aber schweigt er. Ein Schweigen, das schwerer ist als jede Rede. Warum schweigt der Mathematiker? Rumänien kennt die Antwort längst, müde und übersatt: Weil die Parteien böse sind. Auf seinem Tisch liegen zwei Vorschläge für einen neuen Premierminister, zwei Namen, die wie tickende Zeitbomben wirken. Doch Dan schweigt. Er schweigt mit der Verzweiflung eines Mannes, der seine Formeln gegen eine politische Realität gesetzt hat, die sich nicht berechnen lassen will.
Vor seinen Augen flimmern die Gespenster seiner letzten beiden Ernennungen. Die misslungenen Versuche, eine Regierung zu formen, der Sturz der Regierung, in dem er seine zarten Mathematikerhände mehr im Spiel hatte, als ihm lieb ist, zuzugeben. Er rechnete euklidisch, doch die rumänische Politik antwortete nichteuklidisch, verzerrte seine Gleichungen wie ein Spiegelkabinett. Die politische Geometrie des Landes ist ein Labyrinth, und Dan steht darin wie ein Mann, der mit einem Lineal die Krümmung der Raumzeit messen will. Also schweigt er.
Er schweigt und wartet, dass die internationalen Agenturen ihr Urteil über das Donau-Karpatenland fällen. Sollte dieses negativ ausfallen, darf man getrost erwarten, dass er dem liberalen Lager den stinkenden Haufen auf den Tisch legt und stotternd sagt: „Bringt das in Ordnung.“ Sollte das Urteil milder ausfallen, wird er wohl eine sozialdemokratische Regierung ernennen, die erneut auf der populistischen Welle reitend das tut, was sie immer getan hat: kopflos mit Geld, das sie nicht haben, in alle Richtungen werfen. Doch bis es soweit kommt, schweigt Dan — wie ein Schüler, der weiß, dass jede Antwort falsch ist. So entpuppt sich der Präsident als Zyniker, der sich jetzt schon, nach einem Jahr, seine politische Zukunft sichern will.
Währenddessen, dank einer Justiz, die sich zunehmend in interne parteipolitische Gefechte einmischt, erscheint im liberalen Lager ein neues Fabelwesen: der konservative Liberalismus. Die Urheber? PSD-rote Unterhosen tragende Parteidissidenten, die zwar laut verkünden, sie würden liberale Werte vertreten, diese aber noch nie gelesen haben. So können unglaubwürdige Gestalten wie Rare{ Bogdan in die Welt hinausposaunen, dass ein „wahrer Liberaler“ nur aus der judäo-christlichen Tradition des jahrtausendealten Volkes schöpfen dürfe, an die traditionelle Familie glaube und gegen die „sexo-marxistischen-progressistischen Teufelsbruten“ ins Feld ziehe — und im Allgemeinen für die „wahren Werte des von Gott erwählten rumänischen Volkes“ kämpfe, die vom „satanischen Globalismus aus Brüssel“ bedroht seien.
Rumänien gleicht in diesen Tagen einem WM-Finale, bei dem jeder Politiker versucht, ins Siegerfoto zu springen, ohne je den Ball berührt zu haben. Wie der Rotschopf in Washington, der sich beim WM-Finale wie ein kopfloses Huhn neben die spanischen Weltmeister stellte und sich nicht von Infantino aus dem Siegerbild, in welchem er nichts verloren hatte, wegziehen lassen wollte. Die rumänischen, politischen Frontleiter sehen sich im Bild auf dem Siegertreppchen, während Konfetti um ihren Kopf fliegt — und gleichzeitig versuchten sie, dem Spiel fernzubleiben. Denn das Spielfeld zu betreten würde bedeuten, dass man auch spielen müsste.
So bleiben sie lieber im Publikum, organisieren buhende Chöre und erklären der Welt, wie schlecht die wenigen seien, die den Schritt auf den Rasen gewagt haben. Noch vertraut die allgemeine Zuschauerschaft dem kleinen Team, das versucht, am Ball zu bleiben. Doch auch dieses Vertrauen ist nur geliehen. Mit gebundenen Händen versucht Bolojan das Feld zu halten. Ob die Eigentore, die ihm seine Politikkollegen immer wieder einlochen wollen, noch lange abgewehrt werden können, bleibt fraglich. Und Dan schweigt.





