Zugebissen: Der Bär im Päda


Ein Bär wollte in die Schule. An einem Sommersonntag verließ er seinen vertrauten Wald, stapfte über Wiesen und Flure, zielstrebig auf jene Stadt zu, von der er genau wusste, dass sie existierte. Kurze Zeit später stand er mitten im Hermannstädter Betondschungel. Das Ereignis war so unerhört, dass die Behörden noch vor Morgengrauen die Bevölkerung warnten, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Der letzte Besuch eines großen braunen Allesfressers lag zehn Jahre zurück – und endete bekanntlich schlecht: Der kulturinteressierte Bär wurde damals ins Jenseits befördert, bevor er überhaupt die Chance hatte, ein urbanes Leben zu beginnen.

Diesmal jedoch erkannte man rasch, dass der Neuankömmling eine nachhaltige Bildungsagenda verfolgte. Sein Ziel war das Pädagogische Lyzeum. Wahrscheinlich hatte die Bärin von der rumänischen Bildungskrise noch nichts gehört. Man stelle sich ihre Überraschung vor, als sie im Hof der Bildungseinrichtung vor verschlossenen Toren stand: Ferien. Die Unbildung ihrer gesamten rumänischen Bärengattung, die sie als erste Braunbärpädagogin zu überwinden gedachte, blieb damit weiterhin ungebrochen. Verzweifelt drehte sie sich im Kreis, ignorierte Blaulichter, Sirenen, Gendarmen, Polizisten, Feuerwehrleute – ja sogar den Jäger und den Tierarzt. Als ihre Verzweiflung in berechtigten Protest umzuschlagen drohte, wurde sie gnadenlos betäubt und zurück in den Wald verfrachtet. Das böse Erwachen kann man sich ausmalen: Die Bären blieben weiterhin zur Unbildung verdammt, und die Bärin musste begreifen, dass selbst der Wille zur Veränderung an den geschlossenen Türen einer lethargischen Gesellschaft zerschellen kann.

Ähnlich wie unsere Bärin, die tatsächlich bis in den Hof des Päda gelangte, fühlt sich heute so mancher rumänische Mitbürger angesichts der anscheinend endlosen Regierungskrise: ein Cocktail aus Wut, Verzweiflung und wachsender Gleichgültigkeit. Man hat sich inzwischen an das Dauerprovisorium gewöhnt und verfällt in das typische resignierte Schulterzucken. Die Krise ist längst kein Ausnahmezustand mehr, sondern der Normalzustand, den alle mit erstaunlicher Disziplin ertragen. Allianzen zur Mehrheitsbildung bleiben Zukunftsmusik, eine handlungsfähige Regierung ebenso. In der Zwischenzeit scheint der Mathematiker im Cotroceni-Palast vergessen zu haben, welche verfassungsmäßigen Möglichkeiten ihm zur Verfügung stehen. Stattdessen zählt er abgeschossene Drohnen und trägt sie gewissenhaft in Excel-Tabellen ein – ein mathematischer Analyst des Stillstands. Währenddessen wartet er darauf, dass sich ein anderer der Krise annimmt, die er selbst mitverursacht hat. 

Vielleicht sollte man die Regierungskrise endlich als das erkennen, was sie ist: ein Symptom einer Demokratie, die schon in der Wiege gezwungen wurde, erwachsen zu sein. Eine Demokratie, getragen von einer Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit erwartet, dass immer ein anderer die Dinge anpackt. Dass ein anderer sagt, wo es langgeht. Dass ein anderer entscheidet, wie und was zu tun ist. Bis dahin wartet man geduldig, dass sich alles irgendwie von selbst ordnet. Ab und zu regt sich dennoch das Gefühl, dass sich etwas ändern müsste. Dann macht man sich auf den Weg – und steht vor verschlossenen Türen. Dreht sich verzweifelt im Kreis. Und wird schließlich zurückbefördert: in den Schlaf, in den Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht.

Und so bleibt die Bärin, wie der Bürger, wie die ganze Nation in einem Zustand des Wartens gefangen: wartend auf Einsicht, auf Mut, auf Verantwortung. Doch solange man lieber die Sirenen ignoriert und hofft, dass ein anderer die Richtung vorgibt, bleibt die Schule geschlossen, die Demokratie nicht wirklich mündig – und der Wald das einzige Zuhause, in das man zurückbefördert wird, wenn man es wagt, Bildung, Veränderung oder schlicht Bewegung einzufordern.