Zugebissen: Der Mathematiker und der Königsmacher


Es gibt politische Tage, die beginnen wie ein Clown, der mit brennender Perücke in die Manege taumelt, und enden wie ein antikes Drama, bei dem selbst der Chor angewidert die Bühne verlässt. Der Montag dieser Woche war so einer. Dass Hunor Kelemen, der ewige Vermittler im rumänischen Parteienzoo, von der Parlamentskanzel aus George Simion zum „Schach-Matt-Spieler“ erklärte, hätte man vor wenigen Wochen noch für eine Absurdität gehalten. Doch Rumänien ist längst an dem Punkt, an dem das Absurde nicht mehr überrascht, sondern den Alltag bestimmt.

Der Mathematiker im Cotroceni-Palast, der Mann mit dem diminutiven Vornamen und der übergroßen Selbstüberschätzung, hat sich diesmal selbst übertroffen. Seine politische Milchmädchenrechnung ging nicht nur nicht auf – sie explodierte ihm ins Gesicht. Er überschätzte die Opportunistenfraktion in den Reihen der Liberalen, überschätzte die Leidensfähigkeit der PSD und verwechselte politische Arithmetik mit Wunschdenken. Das Ergebnis: Er hat die Extremisten legitimiert und Simion zum Königsmacher geadelt. Ein Titel, den dieser mit der Eleganz eines Marktschreiers trägt.

Als Simion am Montagvormittag verkündete, dass AUR gegen die Regierung stimmen werde, dämmerte es selbst dem Präsidenten, dass seine Pläne auf der Dâmbovi]a davonschwimmen wie leere Bier-PET-Flaschen. Doch Simion wäre nicht Simion, wenn er nicht eine kleine, schmierige Hintertür offen ließe. Und durch diese kroch der ernannte Premier Ve{tea – Mütze in der Hand, Kopf gesenkt, bereit zum Ringkuss. Ein Bild, das man sich nicht ausdenken muss, weil es die Realität bereits getan hat.

Dabei hatte Dan noch vor wenigen Wochen großspurig verkündet, er würde niemals eine Regierung einsetzen, die auch nur eine einzige AUR-Stimme in Anspruch nimmt. Jetzt schickte er seinen Premierkandidaten wie ein bettelndes Kind in Simions Parteizentrale. Dort saß die gesamte AUR-Führung in der Ehrenloge der Arena. Sie hatten nun die Macht erhalten, über die Demütigung des Präsidenten den Daumen zu heben oder zu senken. Nach dem Treffen war genauso wenig klar wie davor – mit einer entscheidenden Ausnahme: Simion war endgültig als Königsmacher bestätigt. Und weil Macht bekanntlich Appetit macht, verlangte er gleich noch eine öffentliche Entschuldigung des Präsidenten. Den Gang nach Canossa wollte er dem Präsidenten nicht ersparen. 
Kelemen brachte es in seiner Rede auf den Punkt: „Die Verharmlosung des Bösen beginnt immer mit einem kleinen Schritt. Ein Schritt, der harmlos erscheint, ein Schritt, der sich rational erklären lässt, der Werte und Prinzipien außer Acht lässt – ohne die eine auf Vertrauen basierende Gesellschaft nicht entstehen kann!“ Eine Aussage, die im Parlament wie eine ernüchternde Diagnose klang. 

Noch vor der Abstimmung verließ AUR den Saal. Warum auch nicht? Der Königsmacher muss nicht mitspielen, um zu gewinnen. Ein Lächeln, ein Achselzucken – und schon fegte Simion mit einem einzigen Zug alle Figuren vom Brett des Präsidenten. Ve{tea und Grindeanu blieben zurück, starrten in das politische Nichts, das sich vor ihnen auftat, und suchten nach einem Ausweg, den es nicht gab.

Für Grindeanu beginnt nun die Nacht der langen Messer. Die PSD steht an einem historischen Tiefpunkt, und eine Option ist schlechter als die andere: Allein regieren und die unpopulären Maßnahmen schlucken wie bittere Medizin? Eine Regierung dulden, an der man nicht beteiligt ist, und damit freiwillig Macht abgeben? Vorgezogene Neuwahlen, die nur bestätigen würden, dass die einstige Volkspartei zur politischen Restmenge geschrumpft ist?

Präsident Dan hat sich in eine Lage manövriert, in der der Kompromiss nicht mehr als Tugend erscheint, sondern als Kapitulation. Und der Königsmacher? Der sitzt am Rand des Schachbretts, spielt nicht einmal mit – und gewinnt trotzdem.