Auf der allgemeinen Suche nach Schuldigen muss in Rumänien meistens das Bildungssystem herhalten. Zugegeben: Vieles lässt sich darauf zurückführen. Aber nicht alles. Nicht (nur) das Bildungssystem trägt Verantwortung für den jüngsten Vorfall in der Gemeinde Recea-Cristur bei Klausenburg. Die reflexhafte Schuldzuweisung ist bequem, aber sie greift zu kurz – und sie verschleiert, wie tief die Wurzeln des Problems reichen.
Der urbane Mythos des „schwarzen Krankenwagens“, der Kinder stiehlt, ist nicht neu. Über Jahrhunderte wurde einem halbnomadisch lebenden Volk das Entwenden und Verkaufen von Kindern zugeschrieben. So fest saß dieser Mythos im kollektiven Bewusstsein, dass viele von uns mit dem Damoklesschwert der Drohung „Wenn du nicht brav bist, verkaufe ich dich den Zigeunern“ groß geworden sind. Ein Erziehungsstil aus der Steinzeit der Pädagogik, gesellschaftlich aber akzeptiert – vermutlich, weil niemand Lust hatte, den pädagogischen Hausdrachen zu verärgern.
Das Kinder entwendende schwarze Auto dreht seine Runden schon seit den Jahren der kommunistischen Diktatur. Es hat die Wende überlebt, die frühen Neunziger ebenso, und damals stahl es angeblich Kinder, um sie als Organspender zu verwerten. Die Bösen, die dem Volk die Kinder unter der Nase weg verkaufen, tauchen in fast regelmäßigen Abständen wieder auf. Man erinnert sich: Auch dem Präsidentschaftskandidaten Johannis wurde eine derartige „Beschäftigung“ nachgesagt und in Teilen der Presse kolportiert.
Nun hat der „schwarze Krankenwagen“ seinen Weg in die sozialen Medien gefunden. Und so kam es, dass in besagter Gemeinde fünf aufmerksame Bürger das vermeintliche Gefährt „erkannten“ und mit Steinen, Knüppeln und Äxten angriffen. Ein mittelalterlicher Reflex im digitalen Zeitalter.
Man kann alles als Bildungsmangel abstempeln und weitergehen. Doch seien wir ehrlich: Das Erkennen von Fake News ist selbst für die intellektuelle Elite kein Selbstläufer. Andererseits befindet sich das Vertrauen in staatliche Einrichtungen in einem derartigen Tief, dass man lieber zur Axt greift, als darauf zu warten, dass Behörden ihren Verpflichtungen nachkommen. Die Spaltung der rumänischen Gesellschaft – die undifferenzierte Trennung in Gute und Böse –, eingeleitet unter Präsident B²sescu und seit den letzten Präsidentschaftswahlen auf die Spitze getrieben, zeigt ihre Folgen: Die Angriffe auf ärztliches Personal haben zugenommen, und zwar nicht zufällig.
Gleichzeitig scheinen die Einrichtungen, die zur Bekämpfung von Fake News befähigt wären, in den Pantoffeln zu schlafen. Zur Erinnerung: Wir blicken noch immer auf eine annullierte Präsidentschaftswahl zurück, für deren angebliche Manipulation durch soziale Medien bis heute kein einziger Beweis vorgelegt wurde. Hätte man nur diesen einen geliefert, wäre das Vertrauen in die sozialen Medien möglicherweise erschüttert gewesen – und damit auch die Bereitschaft, jede kolportierte „Information“ als Evangelium zu schlucken.
Doch in einem Land, in dem man bereitwillig glaubt, die Deutschen wollten uns die Donau wegnehmen, die Franzosen das Wasser im Staudamm Vidraru abpumpen und die Ukrainer uns als Teil einer Verschwörung bewusst in die Armut treiben, weil niemand entschieden widerspricht, gehört auch der „schwarze Krankenwagen“ zur Sphäre des Möglichen. Die Realität ist: Der Aberglaube fährt schneller als die Aufklärung.
Vielleicht ist der Vorfall von Recea-Cristur weniger ein Zeichen mangelnder Bildung als ein Symptom einer Gesellschaft, die sich angewöhnt hat, Angst und Misstrauen als politische Grundnahrung zu konsumieren. Eine Gesellschaft, die lieber den Mythos verteidigt als die Realität prüft. Und eine Gesellschaft, die – wie die fünf Bürger – lieber handelt, bevor sie denkt. Wo Misstrauen blüht, verdorrt die Vernunft – und der nächste Mythos steht schon bereit.





