Die Urlaubszeit ist vorbei, der Herbst steht wie ein ungeduldiger Gläubiger vor der Tür, und nun soll geerntet werden. Ein altes rumänisches Sprichwort behauptet, wer Wind sät, werde Sturm ernten. Und tatsächlich: Die bevorstehende Regierungsbildung wird mehr als nur ein laues Lüftchen mit sich bringen. Verantwortlich dafür ist — in entscheidendem Maße — Nicu{or Dan, der Mathematiker im Cotroceni-Palast, der sich seit Monaten mit der Eleganz eines verschreckten Rehkitzes vor jeder Premiernominierung drückt.
Vier Monate wartet Rumänien auf eine neue Regierung. Vier Monate, in denen Dan die Nominierung wie eine heiße Kartoffel vor sich herschiebt, stets mit dem gleichen Mantra: „Eine Chance zur Einsetzung ist ohnehin nicht absehbar.“ Typisch rumänisch, könnte man sagen. Ebenso typisch ist, dass er sich keinen seiner Mediationsmisserfolge aneignet. Keine einzige der von ihm eingeleiteten und geleiteten Vermittlungen war erfolgreich — aber schuld sind selbstverständlich die Parteien. Parteien, die ihn angeblich nicht ernst nehmen wollen. Wirklich einen Grund dafür haben sie nicht, denn Dan scheint in einer Realität zu agieren, die nur er wahrnimmt. Diese aber nimmt er mit all seinen Sinnen wahr, und das ist das eigentliche Problem.
Dass Dan nicht nur seiner Vernunft vertraut, durften wir jüngst im noch immer nicht beigelegten Skandal um SPP-Chef Lucian Pahon]u erfahren. In einer Pressekonferenz erklärte Dan, dass er lediglich einen einzigen Presseartikel zu dem Thema kenne, aber kein „reales Problem“ mit der Person Pahon]u wahrnehmen könne. Dass dieser Mann nachweislich in Bukarest an der Unterdrückung der Revolution und an der Bekämpfung der Demonstranten während der ersten Mineriade beteiligt war, scheint beim Präsidenten nicht angekommen zu sein. Er habe zwar einen Titel gelesen, der ihm besorgniserregend erschien, doch nach der Lektüre des Artikels habe er „keine Rechtfertigung für den Titel“ gefunden.
Man sollte dabei nicht vergessen, dass Rumänien einen hohen Anteil funktionaler Analphabeten unter den Erwachsenen nachweist. Bei unserem Mathematiker dürfte das zwar nicht der Fall sein, doch seine Argumentation lässt anderes vermuten: Den von Pahon]u geleiteten Schutz- und Sicherheitsdienst habe er „irgendwie mit den eigenen Sinnen analysiert“, und dabei sei ihm aufgefallen, dass der Dienst „funktioniere“. Wie eine derartige sinnesbasierte Analyse aussieht, muss sich jeder selbst vorstellen. Wie riecht ein funktionierender Schutzdienst? Wie schmeckt er? Und wie fühlt er sich an, wenn man ihn zart mit den Fingerspitzen ertastet? Schimmert er rosarot, wenn man ihn anblickt? Man hätte beinahe erwartet, dass der Mathematiker eine Liebesballade anstimmt, die selbst einen Schiller oder Goethe in das Nichts der Literaturgeschichte befördert hätte.
Ähnlich darf man sich die bevorstehenden Verhandlungen zur Regierungsbildung vorstellen. In der Abendsonne, irgendwo im Garten des Palastes, gibt sich der Mathematiker seinen Sinnesempfindungen hin. Dan sitzt auf einer Marmorbank, die PSD haben ihren Vorsitzenden Grindeanu geschickt, der ihm zärtlich das gewellte Haar krault, während Musiker der UDMR romantische Weisen zum Besten geben. Grindeanu beugt sich zu ihm, flüstert ihm — um die Idylle nicht zu zerstören — ins Ohr, dass nur er und er allein Rumänien in die ihm gebührende Zukunft führen könne. Dass er alles wieder gutbiegen könne, was der Glatzkopf mit den großen Augenbrauen zuvor kaputtregiert habe. Dass er und nur er diese fragile Idylle am Leben halten könne.
Der sinnliche Mathematiker lächelt. Er lächelt jenes Lächeln, das nur Menschen zeigen, die glauben, die Welt ließe sich mit einer Mischung aus Zahlen, Bauchgefühl und einem Hauch Sinnesromantik regieren. Rumänien wartet. Der Herbst steht vor der Tür, doch die Ernte scheint mager auszufallen.





