Zugebissen: Die richtungsweisende Drohne


Nicușor Dan wirkt in diesen Tagen wie ein Präsident, dem die Ideen nicht ausgegangen sind, aber der sie irgendwo im Staub von nicht lösbaren mathematischen Formeln verlegt hat. Wahrscheinlich unter einem der Teppiche der Sorbonne. Im Cotroceni-Palast, wo man die Dinge erwartet, die er erklären sollte, findet man sie nicht. Egal wie sehr die Putzfrauen das Versteckte ans Licht holen wollen. Nicușor steht da. Lächelt. Spricht in Halbsätzen, die wie schlecht geladene Akkus klingen, und tut so, als sei alles unter Kontrolle, während er noch immer meint, dass sich die Republik dem Traum vom Märchenprinzen hingibt. Und dabei ernennt er Tomac als Premier. Der Mann, der zum Premier ernannt wird, ohne zu wollen, dass er Premier wird, und gleichzeitig so aussieht, als fürchte er, Premier zu werden, weil er es gar nicht schafft. Aber ernannt macht sich gut im Lebens(k)lauf. Ein politisches Perpetuum mobile aus Ambition, Angst und erstaunlicher Selbstüberschätzung. Signatur dafür: Nicu{or Dan... man könnte sogar meinen, von unter dem Teppich heraus geguckt: der Premier. Was Traian oder Klaus nicht konnten, dass macht er. Weil Sorbonne. Weil Dan. 

Die Parteien spielen Reise nach Jerusalem, nur dass die Stühle brennen und die Musik aussetzt, sobald jemand „Regierung“ sagt. Denn während sie so strahlen, als hätten sie gerade die Demokratie persönlich aus dem Ei geschält, weiß jeder im Raum, dass hinter den Kulissen längst das große Stühlerücken begonnen hat: Wer bekommt welches Ministerium, wer darf welches Budget zerkratzen, wer muss sich mit einem Staatssekretärsposten zufriedengeben, der aussieht wie Macht, aber riecht wie Abstellkammer, wo gibt es die Gelder, auf die niemand mehr schaut. Und mitten in dieses Theater dümpelt eine Drohne in den Hafen von Konstanza. Ein metallischer Irrläufer, an den Strand geschwemmt wie ein Symbol für alles, was in diesem Staat herumirrt: Verantwortung, Führung, Klarheit, Berechenbarkeit und vielleicht auch der gesunde Menschenverstand. Niemand weiß, woher sie kam, niemand weiß, wohin sie wollte, aber alle wissen sofort, wer schuld ist: die anderen. Die Regierung, die Opposition, die Nachbarn, der Wind, die Geografie, die Geschichte, die Technik, die Medien, die Meteorologie. Nur nicht jene, die eigentlich Antworten liefern müssten. Dan schweigt. Er rechnet. Und wenn er redet, wünscht man sich, er hätte geschwiegen. Die Parteien rechnen auch. Nur das Volk wartet. Es ist ein Land geworden, in dem man eher eine Drohne landen sieht als eine Entscheidung. Währenddessen erklärt Dan, er prüfe Optionen, weil er mehr Informationen habe als die ganze Welt.  Tomac hingegen erklärt, er sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, was in seiner Sprache bedeutet, dass er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, solange sie ihn nicht trifft. Er wird es eh nicht schaffen. Und die Bürger? Sie schauen zu, wie die politische Klasse versucht, eine Regierung zu bilden, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, und gleichzeitig so tut, als sei das alles ein kompliziertes Schachspiel, obwohl es eher wie ein gezinktes Kartenspiel wirkt, bei dem alle bluffen und keiner mischen kann. Die Drohne von Konstanza wird zum Running Gag einer Republik, die sich selbst und auch (leider) niemand anders mehr ernst nimmt. Ein schwimmendes Mahnmal dafür, dass man hierzulande lieber spekuliert als über Verantwortung spricht. Und während Dan mit Formeln arbeitet, die nur er versteht, Tomac weiter so tut, als wäre er mit dabei und die Parteien weiter taktieren, bleibt die Frage im Raum hängen wie eine nach dem Ziel suchende Drohne: Willst du Premier sein oder abgesetzt werden? Oder willst du einfach nur so tun, als ginge dich das alles nichts an? Die Drohne jedenfalls hat mehr Orientierung gezeigt als die gesamte politische Elite. Und das sagt, leider, alles.