Während im ganzen Land Schuldirektoren, Pfarrer, Politiker und Polizisten mit inhaltslosen, aber als mitreißend gedachten Reden das Schuljahr eröffnet haben, reiste Nicu{or Dan in den ländlichen Raum. Trocken, aber wissend, legte der sich im Kreis C²l²ra{i bei der Eröffnung des Schuljahres in einer Dorfschule befindende erste Mathematiker Rumäniens den Finger in die Wunde: Die Rumänen haben keine Ahnung von Teamarbeit. „Auch an der Schule, die ich besucht habe, haben wir uns auf den individuellen Erfolg und den Erwerb individueller Kompetenzen konzentriert, und ich glaube, dass der Versuch, die Fähigkeit zur Teamarbeit zu vermitteln, in unserer Kultur fehlt oder zumindest viel weniger präsent ist“, leitete Dan seine Argumentation ein, um dann zu schlussfolgern: „Diese vier Monate sind für alle ein Misserfolg“. Nun haben wir´s: Wenn noch vor ein paar Tagen die Parteien für die gescheiterte Regierungsbildung verantwortlich waren, sind wir es jetzt alle und zwar, weil wir keinen blassen Schimmer haben, wie man sich in Reih und Glied als „Team“ hinter den Präsidenten stellt. Und das nur, weil wir den Teamgeist nicht in der Schule lernen. Und die ewig festgefahrene Platte dreht sich weiter: An allem ist das Bildungssystem schuld. „Ein Fehler, den wir seit Jahren begehen, ist, dass wir Wissen nicht wertschätzen. Wir sind eine Gesellschaft, die dies vernachlässigt, und darunter leiden wir alle, denn es besteht ein Zusammenhang zwischen Wohlstand und Wissen,“ so der Präsident.
Doch dann bohrte er den Finger noch tiefer in die Wunde: Das Bildungssystem ist in Rumänien unterfinanziert. Es ist die Wunde, in der jeder Politiker der letzten 35 Jahre nur allzu gern herumstichelt. Und kaum bildet sich eine Kruste, beginnen unruhige Finger an ihr zu kratzen. Doch keiner hat den Mut zur einfachen Salbe zu greifen: Dafür zu sorgen, dass das System endlich den ihm gesetzlichen zustehenden Anteil vom BIP bekommt. Lieber Fürsorge vortäuschen.
Ein Beispiel: Den Lehrkräften und dem sogenannten didaktischen Hilfspersonal – da gehören Bibliothekare und andere, die nicht direkt am Katheder stehen, dazu – hat die Regierung ungefähr 1500 Lei pro Person zur Weiterbildung zur Verfügung gestellt. Keine schlechte Initiative, doch irgendwo muss der Hund ja begraben sein. Und tatsächlich ist er es, denn von der Summe müssen 975 Lei für Fortbildungen ausgegeben werden. Den Restbestand darf man dann für Fachliteratur, Unterrichtsmaterialien, ja sogar für die Teilnahme an Tagungen ausgeben. Soweit so gut, aber die zu belegenden Fortbildungen sind quasi vorgeschrieben. Das Bildungsministerium hat zwei Listen mit anerkannten Fortbildungen veröffentlicht: eine für die im Schulwesen Tätigen und eine für den universitären Bereich. Wenn in der ersteren auch Fortbildungen zu finden sind, die nicht aus dem System kommen, also von NGOs oder Dritten angeboten werden, dürfen die Angestellten aus dem Hochschulwesen nur an Fortbildungen teilnehmen, die von rumänischen Universitäten angeboten werden. Also muss das Geld im System bleiben. Und da werden die meisten den Weg des geringeren Widerstands gehen: Irgendeine Fortbildung in der eigenen Alma Mater belegen, um dadurch das Recht zu erlangen, das restliche Geld für Bücher auszugeben. Denn ohne den Nachweis der belegten Fortbildung muss das restliche Geld zurückerstattet werden. Ein Beispiel dafür, wie eine gute Initiative – von der in den vergangenen Jahren auch der stark angeschlagene Buchmarkt profitieren konnte – durch Anpassung und Modernisierung kaputtnormiert werden kann.
Zurück zu unserem Mathematiker. Auf die Frage, welche Ermutigung er einem Schüler gegeben hätte, wenn dieser ihm gesagt hätte, er wolle Premierminister werden, antwortete Dan: „Zwei haben gesagt, sie wollten Präsident werden, und ich habe ihnen keinen Rat gegeben.“
Q.e.d.





