43.440 Zuschauer verfolgten am 13. Juni Cristian Mungius Drama „Fjord” in einer Sondervorführung. Der Film wurde zeitgleich auf 315 Bildschirmen in 96 Kinos in 53 Städten gezeigt. Er erzählt die Geschichte einer tief religiösen Familie, der wegen Verdachts auf Missbrauch vom Jugendamt die Kinder entzogen werden.
Viele der Karten waren innerhalb der ersten 24 Stunden ausverkauft, manche Kinos stellten sogar zusätzliche Säle zur Verfügung. Dennoch konnten nicht alle Interessenten den Gewinner der Goldenen Palme (Palme d’Or) sehen und müssen sich bis zur Premiere im Herbst oder Winter gedulden. Das liegt daran, dass Rumänien zu wenige Kinosäle hat, ein schwaches Vertriebsnetzwerk besitzt, die Filmindustrie chronisch unterfinanziert ist und eine langfristige kulturpolitische Strategie fehlt.
Cristian Mungiu gewann mit „Fjord“ seine zweite Goldene Palme, die höchste Auszeichnung der Filmwelt, nachdem er 2007 mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage” die Jury beeindruckte. Nur neun Regisseuren in der Geschichte des Festivals gelang das, darunter Francis Ford Coppola, Michael Haneke, Ken Loach oder Emir Kusturica.
Für Rumänien ist die Auszeichnung ein außergewöhnlicher Erfolg. Die Goldene Palme stellt einen Höhepunkt für das rumänische Kino dar, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit bedeutenden internationalen Preisen auf sich aufmerksam gemacht hat und zur internationalen Spitze zählt.
Aber trotz des riesigen internationalen Erfolgs wird die Filmindustrie von Entscheidungsträgern in Rumänien seit Jahren stark vernachlässigt und unterfinanziert. Cristian Mungiu fasste die brennenden Missstände und Herausforderungen dieser Branche bei einer Pressekonferenz Anfang Juni zusammen. Dabei beklagte er, dass sich fast 20 Jahre nach dem Gewinn seiner ersten Goldenen Palme nichts geändert habe. Schon damals hatte er auf die Schwächen der Filmförderung hingewiesen und mehr Unterstützung für die einheimische Filmindustrie gefordert. Internationale Anerkennung allein reiche nicht aus, kritisiert der Regisseur. Ohne gezielte Investitionen in Filmförderung, Vertrieb und kulturelle Infrastruktur würden die Erfolge einzelner Regisseure isolierte Ausnahmeerscheinungen bleiben.
Chronischer Geldmangel
Bei der Pressekonferenz beklagte der Regisseur nicht nur die chronische Unterfinanzierung des Nationalen Filmzentrums (CNC), sondern auch die mangelnde Infrastruktur und den rechtlichen Rahmen. Er unterstrich, dass mehrere gesetzlich vorgesehene Finanzierungsquellen bis heute nicht vollständig ausgeschöpft seien.
Besonders schwer wiegt die Situation um die Glücksspielabgabe: Bereits 2020 wurde gesetzlich festgelegt, dass ein Teil dieser Einnahmen in den Filmfonds fließen soll. Nach Angaben Mungius wurden diese Gelder jedoch nie überwiesen. Seinen Schätzungen zufolge belaufen sie sich auf rund 130 Millionen Euro.
Auch die Einnahmen aus den Abgaben auf Fernsehwerbung bleiben hinter den Erwartungen zurück. Hinzu kommt, dass die Finanzierungsmodelle nie an die Entwicklungen des digitalen Werbemarktes angepasst wurden. Während Plattformen wie Meta, Google oder TikTok erhebliche Werbeeinnahmen in Rumänien erzielen, beteiligen sie sich nicht entsprechend an der Finanzierung der Filmindustrie. Das CNC verfüge nicht über ausreichende Möglichkeiten, die vollständige Entrichtung dieser Beiträge durch die Werbetreibenden durchzusetzen. Nach Ansicht des Regisseurs müsse daher eine staatliche Institution mit stärkeren Kontroll- und Durchsetzungsbefugnissen für die korrekte Abführung der Mittel sorgen.
Unterfinanziert ist zudem das Nationale Filmarchiv, das für den Erhalt des filmischen Erbes verantwortlich ist.
Schlechte internationale Vermarktung
Ebenso fehlen Mittel für den Vertrieb und die internationale Vermarktung rumänischer Produktionen. Dabei entscheidet gerade die Werbung meist über den internationalen Erfolg eines Films.
Es sei darauf hingewiesen, dass der Erfolg von „Fjord“ im Falle einer Nominierung als rumänischer Beitrag für die Oscar-Verleihung in erheblichem Maße von seiner Vermarktung auf dem US-amerikanischen Markt abhängen wird.
Mungiu sprach aber auch rechtliche Fragen an. Zum Beispiel im Bereich des Urheberrechts seien Veränderungen dringend nötig. Das bestehende Gesetz müsse so ergänzt werden, dass Urheber für Werke, die über Internetdienste öffentlich zugänglich gemacht werden, eine angemessene Vergütung von den jeweiligen Dienstanbietern erhalten sollten.
Viele Städte haben kein Kino
Ein weiteres gravierendes Problem, das Mungiu bereits vor 20 Jahren angesprochen hat und jetzt wiederholte, ist der Mangel an entsprechenden Kinoräumlichkeiten.
Auch heute noch verfügen von den 319 Städten Rumäniens lediglich etwa 16 Prozent über ein Kino. Viele Säle sind privat, befinden sich in Einkaufszentren und setzen auf kommerzielles Kino, zeigen also selten Autorenfilme. Somit haben große Teile der Bevölkerung keinen regelmäßigen Zugang zu Filmvorführungen.
Die Branche hat sich notgedrungen angepasst: Filme werden in Kulturhäusern, Cafés, Bars oder bei Freiluftveranstaltungen gezeigt. Diese kreativen Lösungen sind allerdings nur Notlösungen, sie ersetzen keine funktionierende Infrastruktur und fordern die Filmschaffenden und -vertreiber sehr.
Mungiu erinnerte daran, dass er bereits nach seinem ersten Cannes-Erfolg gezwungen war, seinen Film in einer landesweiten Film-Karawane zu präsentieren, weil geeignete Vertriebs- und Vorführmöglichkeiten fehlten. Die damalige Improvisation ist bis heute symptomatisch für den Zustand der Branche.
Hauptstadt ohne Premierensaal
Besonders deutlich wird das Problem in Bukarest. Die Hauptstadt verfügt bis heute über keinen Saal, der den Anforderungen großer Filmpremieren gerecht wird. Die Sala Palatului mit rund 4000 Plätzen wurde für Premieren genutzt. Doch weder die technischen Bedingungen noch die Kosten sind attraktiv für eine Filmpremiere. Die Miete des Saals, der während der kommunistischen Zeit für Parteikongresse errichtet wurde, beträgt rund 20.000 Euro, wobei der CNC etwa ein Drittel davon übernimmt.
So musste einer der erfolgreichsten Regisseure Europas die Vorpremiere seines neuesten Films in allen vorhandenen Kinos der Hauptstadt zeigen. Immer-hin konnten somit 16.000 Filmliebhaber und Neugierige das Drama verfolgen.
Mungiu sprach deshalb von der Notwendigkeit eines Kultur-Multiplexes mit mehreren Sälen für Filmvorführungen und kulturelle Veranstaltungen, so wie sie in zahlreichen anderen Städten Europas üblich sind. So wäre auch eine Begegnung des Filmteams mit dem Publikum möglich.
Des Weiteren forderte der Regisseur die Modernisierung und Wiedereröffnung der Kinos in mittleren und kleinen Städten. Vor 1989 existierten in Rumänien rund 400 Kinos. Nach der Wende wurden viele verkauft, umfunktioniert oder dem Verfall überlassen. Aus ehemaligen Lichtspielhäusern wurden Supermärkte, Diskotheken, Lagerhallen oder Restaurants.
Ausnahmen an einer Hand abzählbar
In dieser prekären Landschaft gibt es dennoch einige positive Ausnahmen. In Klausenburg/Cluj-Napoca haben sich das Arta- und das Victoria-Kino als wichtige Zentren für Autorenfilme etabliert, was auch durch das Transilvania International Film Festival TIFF unterstützt wurde, das zur Entwicklung der lokalen Kinoinfrastruktur beigetragen hat. Temeswar/Timișoara gilt als Vorbild für eine lebendige Kinokultur. Auch in Hermannstadt/Sibiu, Craiova oder Piatra Neamț funktionieren einzelne kommunale Kinos erfolgreich, ebenso in Toplița, wo das kleine „Căliman”-Kino europäische Premieren und Blockbuster zeigt.
Warnungen seit fast zwei Jahrzehnten
Cristian Mungiu hat sich mehrmals für die Filmförderung eingesetzt. Bereits 2009 richtete er einen offenen Brief an das Kulturministerium und forderte eine Reform des Filmsystems. Er ist jedoch nicht der einzige Filmschaffende, der auf diese Missstände aufmerksam macht. Zahlreiche Persönlichkeiten der rumänischen Kinematografie haben wiederholt eine Modernisierung der Filmgesetzgebung, eine Erhöhung der Finanzierung und die Stärkung der Förderung angemahnt, sowie mehr Transparenz der CNC-Förderwettbewerbe und eine bessere Funktionsweise der Institution. Die Liste der Warnungen und Ansprüche ist lang, Reformen fehlen allerdings immer noch.
Die wiederkehrenden Appelle zeigen, dass es sich nicht um einzelne Verwaltungsprobleme handelt, sondern um das Fehlen einer kohärenten Kulturpolitik mit langfristigen Investitionen in die Film- und Kinolandschaft. Ein Teil des Problems liegt in der mangelnden Kontinuität politischer Entscheidungen. Kaum ein Ressort ist so häufig von Wechsel betroffen wie das Kulturministerium. Mit jedem neuen Amtsinhaber werden Reformen angekündigt, doch nur wenige bleiben lange genug im Amt, um sie umzusetzen. Strategien werden begonnen und wieder verworfen, Prioritäten verschieben sich mit jeder Regierung. Was fehlt, ist eine langfristige Vision, die durchgezogen wird.
Als Mungiu 2007 in Cannes triumphierte, war damit die Hoffnung verbunden, dass die internationale Aufmerksamkeit auch Reformen in Rumänien anstoßen würde. Fast 20 Jahre später erhält derselbe Regisseur erneut die höchste Auszeichnung des europäischen Autorenkinos – und steht damit erneut im Spannungsfeld zwischen internationaler Anerkennung und den Rahmenbedingungen der heimischen Filmindustrie.






