Zwischen Permakultur und Kirchenmusik

Vier Jugendliche aus Deutschland verbringen ein Jahr als Volontäre in Hermannstadt

Ein paar Eindrücke aus der „geborgten“ Lebenswelt von Emily, ...

...Matthias,

...Gabriel,

...und Sofia -leider wollten nicht alle mit aufs Bild. Fotos: Nina May

Nur einen Steinwurf liegt die Kirchenburg von Hammersdorf/Gu{teri]a vom Stadtzentrum Hermannstadts entfernt. Im Sommer ein schöner Spaziergang am Radweg entlang des Zibin. Ich gehe ihn zu Fuß zurück und reflektiere das Gespräch mit Matthias, Emily, Gabriel und Sofia, den vier Jugendlichen aus Deutschland, die nach dem Abitur ihr freiwilliges Jahr hier verbringen. Was motivierte sie dazu? Was nehmen sie an Erfahrungen mit nach Hause? Das waren die offensichtlichen Fragen, die mir auf der Zunge lagen. Der Rest würde sich im Gespräch entwickeln. Das Schöne am Beruf des Journalisten: Man darf Menschen unter die Haut schlüpfen, in ein fremdes Leben. Und dann die Essenz so naturgetreu wie möglich auf einem hübschen Tellerchen präsentieren. Garniert mit den Eindrücken vor Ort. Und Hammersdorf ist ein besonderer Ort...

Ein wenig schüchtern lächelnd empfangen mich die vier am Gewächshaus. Dann sitzen wir uns bei Minzwasser und Johannisbeeren im kühlen Schulgebäude gegenüber. „Wir haben heute Schotter in einem Teich verteilt“, hebt Sofia an. Kichernd fügt sie hinzu: „Ganz ohne Bagger.“ Dabei steht man bis zum Bauch im Wasser. „Es soll ein Amphibienbiotop werden“, erklärt Matthias. „Sie sollen sich selber ansiedeln. Davor waren Fische drin, die haben wir in einer Mülltonne zum Zibin gerollt. Und vorher war ich noch kurz im Stadtpfarrzentrum, weil ich das Mittagsgebet auf der Orgel begleitet habe, hier ist nämlich grade Organistennotstand.“ Der 19-Jährige hat sich hier für ein Wochenpensum mit drei Tagen Gartenarbeit und zwei Tagen Stadtpfarrzentrum entschieden. „Da mach ich alles, was mit Musik zu tun hat.“ Nach diesem Einsatz will er in Halle an der Saale ein Kirchenmusikstudium beginnen. Auch Emily hat für halb Gartenarbeit, halb Stadtpfarrzentrum optiert, während Sofia nur einen Tag im Garten verbringt und ansonsten in der Kita und beim Kinderchor arbeitet. Manchmal singt sie in Konzerten. Gabriel betätigt sich zwei Tage als Kirchenführer in der Stadtpfarrkirche, ansonsten ist der Garten sein Schwerpunkt. Er überlegt inzwi-schen sogar, Gartenbau zu studieren. „Was mich besonders freut“, bemerkt der Hermannstädter Stadtpfarrer Kilian Dörr, „denn für die meisten Volontäre ist Gartenarbeit eher Pflichtübung.“

Ein Zentrum für Umwelt und Bildung

Hammersdorf ist ein altes Pfarranwesen mit Schule, Kirche, Pfarrhaus, Kapelle, Küsterhaus und sechs Gärten, erzählt Kilian Dörr. 2010, als die Schule vom Staat zurückerstattet wurde, transformierte er das Anwesen in ein Gemeindezentrum mit Schwerpunkt Umwelt und Bildung. Ökotheologie – dafür schlägt sein Herz, das wird in der Hermannstädter Kirchgemeinde vorgelebt. „Auch wenn das keiner hier so nennt“, fügt Ehefrau Elfriede Dörr, ebenfall ordinierte evangelische Pfarrerin und Mitstreiterin in der gemeinsamen Umwelt-Vision, an. Seither gab es hier unzählige Aktivitäten, die Natur, Kultur und Umweltaufklärung verbinden sollten: Künstlerresidenzen, eine Passionszeit, Ausstellungen, Konzerte, Brunches, Kräuterführungen, aber auch Projekte mit der Zivilgesellschaft, um das Zentrum auch unter den Rumänen bekannter zu machen. Mit einer NGO haben sie sechs Wanderwege mit der Kirchenburg als Startpunkt markiert, um die Naturschönheiten der Umgebung entdecken zu helfen. Elfriede Dörr schrieb für das Projekt einen Umweltführer. Zum Konzept der Hermannstädter Kirchgemeinde gehört auch der Diakoniehof Schellenberg/[elimb²r, eine Anlaufstelle für sozial Gestrandete, die dort in einem zertifizierten Biohof Gemüse für den Eigengebrauch und für den Verkauf ziehen (siehe ADZ: 13. Dez. 2024: „Insel der Nächstenliebe und Nachhaltigkeit“)

Der Pfarrgarten in Hammersdorf, der in Permakultur bearbeitet wird, hat inzwischen zwei Gewächshäuser, eins aufgebaut aus den alten Fenstern der Schule, die nach Beginn des Ukraine-Kriegs drei Jahre der ukrainischen Gemeinschaft zur Vefügung gestellt wurde. Nun ist sie wieder frei und die Dörrs können sich noch mehr Aktivitäten überlegen. 

Der lehrreiche Garten

Idyllisch liegt die Kirchenburg inmitten der Siedlung. Innerhalb der Ringmauer: hohes Gras. Dazwischen: ganz viele Kräuter. Die Vier führen mich stolz durch ihr „Reich“. Zeigen die Wühlmauskörbe an den Obstbaumwurzeln. Verweisen auf das mit Pappe abgedeckte Queckengras, damit es sich nicht noch mehr verbreitet. Auf die unterirdischen Wasserspeicher, die Trockengeräte für Kräuter und Obst, den Kompost: „Da kommen Holzspäne drauf, damit das Ganze nicht austrocknet. Und Schafsmist.“ Die Jugendlichen haben hier viel über Gartenarbeit und Natur gelernt. „Wie man kompostiert, wie man Feuerholz hackt, Feuer macht, Gras richtig mäht, oder eine Kettensäge benutzt, ganz ohne Kettensägenführerschein“, erklärt Gabriel. Für die meisten war das ziemliches Neuland. „Ich finde es schön, alle Jahreszeiten im Garten zu erleben. So nah war ich noch nie an der Natur“, gesteht Emily. Man lernt, viele Probleme kreativ zu lösen, etwa den Wühlmausbefall der Obstbäume: eingegrabene Käfige sollen das Annagen der Wurzeln verhindern – und siehe, es funktioniert, auch ohne Gift, erzählt sie. „Ich habe im Garten vor allem Geduld gelernt“, erklärt Matthias. Das überträgt er auch auf andere Lebensbereiche: „Ich will nicht mehr sofort ein Ergebnis sehen, sondern betrachte den Prozess als Ganzes. Und ich erwarte nicht mehr, dass ich ein Musikstück in einer Woche können muss. Qualität braucht eben Zeit.“

Eine schwarzweiße Katze schnurrt um meine Beine. „Das ist Arafat“, erklären sie lachend. Der Pfarrgarten wirkt etwas verwildert, doch das ist das Prinzip der Permakultur, die die Jugendlichen hier lernen. Dann, mitten im hohen Gras, ein kleiner Flecken säuberlichst gejäteter Erde, kleine Pflänzchen in Reih und Glied: Iwans und Anastasias Garten. In der Gesprächsgruppe, wo die Ukrainer von den Sachsen Rumänisch lernen, hatte eine Oma aus Cherson sehnsuchtsvoll von ihrem Garten geschwärmt, auf der anderen Seite des Dnepr. Doch da könne man nicht mehr hin, da seien jetzt die Russen. So bekam sie hier ein Fleckchen Erde zur Verfügung gestellt, das sie nach ihren Enkeln benannte.

Abenteuer, Freiraum und Chancen

Was hat die jungen Leute bewogen, nach Hermannstadt zu kommen? Sofia erzählt, sie wollte eigentlich nach Kenia. „Dann hat man mir Rumänien angeboten, das klang so mystisch. Die Idee von Burgen und Wäldern hat mich angelockt – und Sibiu, wo ich Musik machen kann.“ Auch Matthias hatte Hermannstadt wegen der Musik gewählt, fand aber auch das Gartenprojekt attraktiv. Emily wollte vor allem einen vielseitigen Einsatz. Sie liebt den Garten, den Kinderchor, die Singgruppe und die Gottesdienste. „Über das Land wusste ich nichts“, bekennt sie, „dabei ist es Europa und supernah – aber man weiß mehr über Australien!“ Gabriel wollte sich nach dem Abi nicht direkt „in den Ernst des Lebens“ stürzen. „Zuerst wollte ich nach Italien, aber man hat mir Rumänien vorgeschlagen – auch cool, dachte ich. Aber alles hier hat meine Vorstellungen nochmal total übertroffen!“
Nicht alle Freiwilligen werden von kirchlichen Organisationen vermittelt, erklärt Kilian Dörr. Und nicht immer lief es gut mit den Volontären aus Deutschland. „Einige waren Meister im Sich-vor-der-Arbeit-Drücken“, lacht Elfriede Dörr. Kurz spielten sie mit dem Gedanken, aufzuhören. „Aber dann hat Kilian gesagt: „Wir sind eine Gemeinde, wir können das aushalten und den Jugendlichen einen Freiraum bieten, in dem sie sich ausprobieren können.“

Raum für ganz neue Lernerfahrungen gibt es in jeder Hinsicht: „Hier hat man echt viele Möglichkeiten, was die Orgel angeht“, schwärmt Matthias, „und viele Chancen, musikalisch weiterzukommen, die ich in Deutschland nicht hätte.“ „Alles ist spontaner hier, aus der Not heraus, weil es nicht so viele Ressourcen gibt“, findet Sofia. „Da kann man sich was abschauen.“

Konsumwelt hinterfragt

Ein Kontrast zu ihrem Leben in Deutschland ist der spürbare soziale Unterschied. „Am Anfang habe ich Zeit gebraucht, mich an die Armut zu gewöhnen“, sagt Matthias und erzählt von einer Roma-Frau, die unter einem Torbogen saß, wo er dauernd durchmusste, „und sie hat mich jedesmal um Geld gefragt“. Die Lebensweise hier ist anders, weniger Konsum, aber nicht unbedingt schlecht, findet er. Emily erzählt von der Slowfood-Bewegung aus einer Dorfgemeinde. „Das finde ich interessant, das finden ganz viele westliche Touristen interessant. Aber die machen das eigentlich, weil sie nicht viel haben“, schlußfolgert sie. „Es ist manchmal heftig, wenn man das Leben hier mit dem Standard in Deutschland vergleicht“, sagt auch Gabriel. „Man lernt hier, dass man vieles nicht braucht. Mich hat das Leben auf dem Land überrascht: eine alte Frau mit 80 lebte da immer noch allein, pflegte Garten und Tiere, aber wenn sie ins Krankenhaus muss, dann fährt sie jemand hin, das finde ich stark! In Deutschland geht es ums Konsumieren, wer mehr Geld hat ist der Bessere. Hier teilt man was man hat und hilft.“ Von Rumänien habe er vor allem Bescheidenheit gelernt: „Ich will weniger Sachen kaufen, zwei Jeans reichen mir, das nehm ich als Erfahrung mit.“ Auch Sofia denkt ähnlich: Sie trifft sich manchmal mit einem rumänischen Jungen zum Tee und sie erzählen sich von ihren Ländern und Leben: Alltag, Urlaub, Essen. „Und wenn wir Obst essen, beobachte ich, dass er viel weniger wegscheidet.“ „Ich brauch gar nicht so viel krass Städtisches – Kleidung, schicke Restaurants“, fährt sie fort. „Ich bin jetzt stärker mit der Natur verbunden, kann mir vorstellen, nach dem Studium etwas ländlicher zu wohnen. Was ich hier für mich entdeckt habe? Bäume Hochklettern – und Stricken!“

Ein weiterer Unterschied, den alle positiv betonen, sind die Kontakte zu verschiedenen sozialen Schichten und Altersstufen. „Ich habe zu kleinen Kindern, aber auch zu 80-Jährigen Kontakt“, meint Sofia. „Die Älteren haben Geduld, Bescheidenheit, können reflektieren, da kann man was lernen.“ Vor allem nach dem Singen in der Kirche kommt sie mit den Senioren ins Gespräch. Das findet sie bereichernd, denn Großeltern hat sie keine. Gabriel findet auch die Kontakte zu den Wohnmobiltouristen aus aller Welt spannend, die auf dem Gelände der Kirchenburg campen. Matthias lernt vor allem durch die Musik Leute kennen: „Man trifft sich, man wird oft eingeladen.“

Zum Schluss landen wir in der Kirche: Stille, Kühle, Zeitlosigkeit. Matthias erklimmt die Empore. Dann erfüllen gewaltige Orgelklänge das Kirchenschiff. Ergriffen halten wir inne. Jeder mit seinen Gedanken. Und der Gewissheit: die Kirchenburg lebt – und lehrt.