Vladimir ist elf Jahre alt. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine lebt er mit seinen Eltern und seiner Großmutter in Temeswar/ Timișoara. Er besucht eine rumänische Schule, spricht die Sprache mittlerweile fließend und nimmt jeden Dienstag an einem Elektrotechnik-Kurs im Kinderpalast teil. An die Flucht aus seiner Heimat kann er sich noch erinnern. Als die ersten Bomben fielen, verließ die Familie ihr Zuhause und suchte Sicherheit in Rumänien.
An eine Rückkehr denkt der Junge heute nicht mehr. Sein Alltag spielt sich inzwischen in Temeswar ab. Seine Freunde leben hier, ebenso seine Schule und seine Hobbys. Vladimir gehört zu jenen ukrainischen Flüchtlingskindern, denen die Integration in Rumänien gelungen ist. Doch seine Geschichte ist nicht die Regel.
Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni machte die Kinderschutzorganisation „Salva]i Copiii“ auf die Situation tausender Flüchtlings- und Asylsuchender Kinder in Rumänien aufmerksam. Die Hilfsorganisation warnt davor, dass für viele Kinder die Flucht vor Krieg, Verfolgung und Gewalt zwar mit der Ankunft in einem sicheren Land endet, doch viele andere Herausforderungen erst danach beginnen.
„Sicherheit ist nur der erste Schritt“, betonen die Verantwortlichen von „Salva]i Copiii“. Damit Kinder tatsächlich in ihrer neuen Umgebung ankommen können, brauchen sie Zugang zu Bildung, Sprachförderung, medizinischer Versorgung, psychologischer Unterstützung sowie Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe.
Sprachbarriere als größtes Hindernis
Aktuelle Untersuchungen der Organisation zeigen, dass insbesondere die rumänische Sprache für viele Flüchtlingsfamilien die größte Hürde darstellt. Dies gilt sowohl für Menschen aus der Ukraine als auch für Asylsuchende aus anderen Herkunftsländern. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse wird der Schulbesuch erschwert, Kontakte zu Mitschülern bleiben oberflächlich und auch die Kommunikation mit Behörden oder Lehrkräften gestaltet sich schwierig.
Eine von „Salva]i Copiii“ durchgeführte Bedarfsanalyse unter ukrainischen Flüchtlingsfamilien zeigt, dass 80,7 Prozent der Befragten die Sprachbarriere als größtes Hindernis für ihre Integration ansehen. Gleichzeitig ist der Zugang zu Rumänischkursen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Während der Bedarf steigt, stehen entsprechende Angebote vieler-orts nicht ausreichend zur Verfügung.
Auch im Bildungssystem bleiben Herausforderungen bestehen. Zwar bewerten 67,5 Prozent der ukrainischen Familien den Zugang zu öffentlichen Schulen als einfach oder zumindest zugänglich. Dennoch berichten viele Eltern von Schwierigkeiten ihrer Kinder im Unterricht. Neben sprachlichen Problemen nennen sie die Belastung durch die gleichzeitige Teilnahme am ukrainischen und rumänischen Schulsystem, fehlende Unterstützung bei Hausaufgaben sowie Fälle von Ausgrenzung und Mobbing.
Wie wichtig die Sprache für das Ankommen ist, zeigt auch die Geschichte der zwölfjährigen Y., die ebenfalls aus der Ukraine nach Rumänien geflüchtet ist. Seit fast vier Jahren lebt sie fern ihrer Heimat. Neben dem Schulbesuch nimmt sie an Bildungs- und Freizeitprogrammen von „Salva]i Copiii“ teil, besucht Workshops und Nachmittagsangebote. Obwohl sie sich in ihrer Schule akzeptiert fühlt, berichtet sie von anderen Flüchtlingskindern, die Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. „Die Schule sollte ein sicherer Ort sein, an dem wir lernen können, und kein Ort, vor dem wir Angst haben müssen“, sagt das Mädchen.
In den ersten Monaten auf materielle Unterstützung angewiesen
Doch nicht nur Kinder aus der Ukraine suchen in Rumänien Schutz. Nach Angaben der Organisation stammen viele Asylsuchende aus Syrien, dem Sudan, dem Iran oder Ägypten. Im ersten Quartal 2026 wurden in Rumänien 199 Asylanträge registriert, darunter 54 von Minderjährigen. Ende März lebten landesweit 4727 Menschen mit internationalem Schutzstatus in Rumänien, darunter 1495 Kinder.
Viele dieser Familien stehen nach ihrer Ankunft vor ähnlichen Problemen. Neben der Sprache fehlt es häufig an Kleidung, Schuhen, Hygieneartikeln, Schulmaterialien oder finanziellen Mitteln. Besonders in den ersten Monaten nach der Ankunft sind viele Familien auf materielle Unterstützung angewiesen.
Dies zeigt auch die Geschichte der neunjährigen A., deren Familie aus Gambia stammt. Nach ihrer Ankunft in Bukarest erhielt die Familie Unterstützung bei der Versorgung mit Hygieneartikeln, beim Zugang zu medizinischen Leistungen und bei Behördengängen. Dank der Hilfe von „Salva]i Copiii“ konnte das Mädchen eine Schule besuchen und ihren Bildungsweg fortsetzen.
Ein weiteres Beispiel ist der einjährige O. aus dem Gazastreifen. Aufgrund einer schweren Herzerkrankung wurde er gemeinsam mit seiner Mutter über den EU-Katastrophenschutzmechanismus nach Rumänien gebracht. Sein Vater befindet sich weiterhin im Gazastreifen. Neben medizinischer Versorgung benötigte die Familie Unterstützung bei Behördenkontakten, Übersetzungen und der Sicherung des täglichen Lebensunterhalts.
Für „Salva]i Copiii“ zeigen diese Fälle, dass Integration weit mehr bedeutet als die Bereitstellung einer Unterkunft. Kinder benötigten stabile soziale Beziehungen, Freizeitangebote, Schutz vor Diskriminierung und die Möglichkeit, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Die Organisation fordert deshalb einen Ausbau der Rumänisch-Kurse für Kinder und Erwachsene, zusätzliche Bildungsangebote, Maßnahmen gegen Mobbing und Diskriminierung sowie einen besseren Zugang zu medizinischen und psychosozialen Dienstleistungen. Ebenso wichtig seien Freizeit- und Begegnungsangebote, die Flüchtlingskindern helfen, Freundschaften aufzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Seit 1995 engagiert sich „Salva]i Copiii“ im Bereich Asyl und Flüchtlingshilfe. Nach Angaben der Organisation haben in den vergangenen Jahren mehr als 10.500 Kinder und ihre Familien von Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten profitiert.
Für Kinder wie Vladimir in Temeswar ist Integration inzwischen Realität geworden. Doch die Erfahrungen vieler anderer Flüchtlingskinder zeigen, dass der Weg in ein neues Leben oft lang ist. Ein sicheres Dach über dem Kopf ist dabei nur der Anfang. Entscheidend ist, ob es gelingt, aus Schutz auch Zugehörigkeit entstehen zu lassen.





