Es gibt kein Bier auf Hawaii – aber am Zibin!

Hermannstadt und seine junge Craftbierszene sind eine Reise wert

Für Einsteiger und Unentschlossene: Im „Goldenen Fass“ kann man jeweils vier Biere von einer langen Liste auswählen und probieren. Foto: Aurelia Brecht

Im „Goldenen Fass“ – dem ältesten Lokal Hermannstadts – kann man sich mit der lokalen Bierbraukunst vertraut machen. Foto: Butoiul de aur

Gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre im St. Andrew´s Scottish Pub Foto: St. Andrew´s Scottish Pub

Eigentlich ist längst die Jahreszeit da, in der es nichts Angenehmeres gibt, als auf einer Terrasse im Schatten zu sitzen, sich einen kühlen Tropfen vom edlen Hopfen zu gönnen, während man der Welt zusieht, wie sie in der prallen Sonne aus allen Poren schwitzt. Doch Bier ist nicht gleich Bier. Vom klassischen Lager bis zum hopfenbetonten Indien Pale Ale, von fruchtigen Aromen bis zu dunklen Röstnoten reicht die zeitgenössische Palette. Bier ist weltweit längst mehr als Durstlöscher – es ist ein Stück lokaler Identität geworden. Hermannstadt/Sibiu hat in den vergangenen Jahren eine stille, aber bemerkenswerte Renaissance der Bierkultur erlebt. Während die Stadt lange Zeit von den üblichen industriellen Marken dominiert wurde, hat sich inzwischen eine lebendige Szene lokaler Produzenten, Brauereien und Spezialkneipen entwickelt, die das Thema Bier neu definieren. 

Wo beginnen?

Natürlich dort, wo Geschichte und Gegenwart sich berühren: im Goldenen Fass. Unterhalb der Pempflinger Stiege/Pasajul Scărilor befindet sich das bekannte Hermannstädter Lokal, welches schon 1542 urkundlich erwähnt worden sein soll.

Nachdem in dem letzten Jahrzehnt mehrere Unternehmer hier ihr Glück zu machen versucht haben und dabei gescheitert sind, wurde das Ruder im Herbst 2022 herumgerissen, das Lokal vom lokalen Bierher-steller Nembeer übernommen. Der Italiener Daniele Neccia und seine Gattin Oana eröffneten  schon 2016 eine eigene Brauerei in Hermannstadt. Daniele und Oana brauen exklusiv natürliche, ungefilterte und nicht pasteurisierte Biere. 

Bis man das Menü durchgeblättert und sich entschieden hat, wohin die Bierentdeckungsreise gehen soll, kann man sich zuversichtlich schon mal ein Radler gönnen. Echte Radler sind in Hermannstadts Kneipen so gut wie gar nicht zu bekommen. Meistens wird man mit einem nullprozentigen Flaschenprodukt abserviert, angereichert mit irgendeinem Fruchtaroma, welches nicht einmal in entferntesten eine Verwandtschaft mit Bier erahnen lässt. Anders im Goldenen Fass. Entsprechend kalt serviert, mit dem perfekten Ausgleich zwischen hauseigenem Pils und Limonade, kühlt es mal richtig Kehle und Seele. Währenddessen hat man Zeit, das Angebot des Hauses genauer unter die Lupe zu nehmen. Blonder (Lager), Boema (Pils), Amarilla (American Pale Ale), Indiana (Indian Pale Ale), Draculina (Red Belgian), Zuza (Tropical Lager), Sourella (Sour Beer), Juanita (Tropical Ale) – trotz kurzer Geschmacksbeschreibung kann man sich manchmal nicht entscheiden oder aber sich nicht wirklich vorstellen, wie die Biere schmecken. Für solche Fälle hat das Lokal das für Einsteiger, Neugierige oder Unentschlossene ideale Angebot: Für nur 40,00 Lei kann man eine Auswahl von vier unterschiedlichen, aus einer langen Liste auszuwählenden Bieren aufgetischt bekommen. Wenigstens danach weiß man, in welche Richtung der eigene Geschmack tendiert – oder dass man vielleicht doch mehr probieren möchte.  

Was passt am besten zu Rippchen?

Natürlich ein hausgemachtes Bier. In der Heltauergasse/Nicolae Bălcescu bei Nr. 13, gut versteckt vor dem touristischen Strom, liegt Ribbs&Beer, ein Lokal, das sich auf langsam gegarte Schweinerippchen spezialisiert hat – und auf hauseigenes Bier. 2019 war hier die erste Kleinbrauerei, die in der Hermannstädter Altstadt eröffnet wurde. Die eigene Marke B13 wird hier in vier Varianten gebraut: Lager, Pils, Indian Pale Ale und Dunkel. Alle vier bekommt man frisch gezapft entweder als Kleinbier, Halbliter oder Maß. Ein Blick in den Kellerraum –  wohin man, ob man will oder nicht, von der geschmackvollen grünen Terrasse doch mal muss, wenn man „muss“ – lässt jedes Bierliebhaberherz höher schlagen: Große Inox-Tanks, in denen man den laufenden Gärungsprozess erahnt, begrüßen einen am Eingang zum Keller-Pub. Einen direkteren Weg vom Produzenten bis ins Glas gibt es nicht. Hier kann man sich für 49,00 Lei den Starterkit gönnen: Eine Auswahl der vier Biere, bevor man sich für die eine oder andere Geschmacksrichtung entscheidet.

Zapfenstreich???

Vergisst man sich und sitzt zur vorschriftsmäßigen Sperrstunde noch in irgendeinem Terrassenlokal, spürt aber gleichzeitig, dass die Zeit für den Zapfenstreich noch nicht reif ist, findet man in der Reispergasse/Avram Iancu das St. Andrew´s Scottish Pub. Der Eigentümer Andreas Gusbeth kann sich bis heute rühmen, dass sein Lokal über das umfangreichste Bierangebot der Stadt verfügt. Man könnte anhand der im Lokal angebotenen Biere eine halbe Europareise machen. Neben lokalen Bieren bietet das St. Andrew´s, in der Stadt einfacher als Scottish bekannt, eine nicht zu verachtende Auswahl an unterschiedlichen rumänischen Craftbieren. Zu der besonderen Sorte gehören die von Hop Hooligans hergestellten Biere: Die Geschmacksrichtungen reichen von fruchtig über Holunder bis Schokolade oder Grünem Tee, wobei diese über den Alkoholgehalt nicht hinwegtäuschen dürfen – die meisten liegen gut über dem üblichen Prozentsatz. Sich beraten lassen ist hier Pflicht. Die Bedienung kennt das eigene Angebot so gut, dass sie in den meisten Fällen auch den Geschmack der Kunden trifft. Sollte der Kellner mal ausnahmsweise überfragt sein, springt Andreas selbst mit Rat und Empfehlung ein. Und wer gerade nicht in Bierstimmung ist, kann im Scottish auch einen edlen Single Malt Whisky oder einen besonderen Rum genießen. Die entspannte Wohnzimmer-Atmosphäre ist nicht nur dem Wesen des Eigentümers zu verdanken, sondern auch der gesamten Innenausstattung: Teppiche, zwischen denen alte Holzdielen herausschauen, schmücken den Boden. Farbiger Stuck, Zeitungsauszüge aus den 70ern und Gemälde an den Wänden, oder schottische Dekorationen wie Dudelsack und Kilt, die das Pub-Ambiente hervorheben, erzeugen ein heimeliges Gefühl, sodass man sich gar nicht fehl am Platz vorkommen kann.       

Warum nicht direkt aus der Fabrik?

Manchmal will man das Bier auch nur im trauten Kreise genießen. Bei der Qualität muss man dafür aber keine Abstriche machen. Das Bier kann man sich in Zood/Sadu direkt aus der Brauerei holen. In 30 Minuten hat man die etwas mehr als 18 Kilometer zwischen Hermannstadt und dem Dorf in der Mărginime zurückgelegt. Vor Ort findet man die Lokalbrauerei „Bere Sadu“. Hier kann man sich zwischen drei Biersorten entscheiden: Sadu Lagerbier, Sadu Dunkles und Trei Stejari Helles. Für die Herstellung wird nur Wasser aus dem Zood-Tal benutzt. Die Produktion entspricht dem deutschen Reinheitsgebot: Es kommen nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe zum Einsatz. Das 2017 von Marius Milonean gegründete Unternehmen konnte sich zwei Hermannstädter Traditionsmarken, Bere Sadu und Trei Stejari, sichern. Unter diesen Marken stellen sie nach modernen Qualitätsstandards traditionelles, ungefiltertes und nicht pasteurisiertes, untergäriges Bier her. Die Produkte tragen seit 2023 den EU-Status einer geschützten geografischen Angabe. 

Hermannstadt ist längst mehr als eine Stadt mit schöner Altstadt, lebendigem Kulturangebot und guter Küche — es ist ein Ort, an dem eine neue Bierkultur entstanden ist und sich weiterentwickelt. Zwischen historischen Kellern, modernen Brauanlagen, mutigen Craftbier-Experimenten und traditionsreichen Marken entsteht ein Panorama, das man vor ein paar Jahren kaum für möglich gehalten hätte. Vielleicht gibt es wirklich „kein Bier auf Hawaii“. Aber am Zibin — da gibt es genug, um einen Sommer lang Geschichten zu erzählen. Prost!