Festival-Hopping durch Rumänien

Eine Sommerreise zwischen Bergwiesen, Schlossparks und Großstadtlichtern

Rumäniens Festivalsommer hat bereits deutliche Spuren hinterlassen: Bei JAZZx wurde die Temeswarer Innenstadt zur offenen Konzertlandschaft, das Gărâna Jazz Festival feierte auf der Wolfswiese seine 30. Ausgabe und Electric Castle verband elektronische Musik und Alternative Rock mit der verwitterten Kulisse des Bánffy-Schlosses in Bon]ida. Doch die zweite Hälfte des Sommers bietet noch genügend Gründe, den Koffer gar nicht erst auszupacken.

Wer von Festival zu Festival reist, erlebt Rumänien abseits einer klassischen Rundfahrt. Die Route folgt nicht Burgen, Klöstern oder Kurorten, sondern Bühnen und Konzertnächten – und führt gerade deshalb zu Bergdörfern, historischen Stadtzentren, Schlossparks und überraschenden Nebenwegen.

Wolfsberg: Gitarren, Geschichten und kalte Bergnächte

Schon an diesem Wochenende wird die Wolfswiese bei Gărâna/Wolfsberg zur Bühne des Folk Festivals. Die 19. Ausgabe wird erneut poetisch, ironisch und gesellschaftskritisch und beginnt am Freitag mit Mircea Vintil˛ und der Temeswarer Band Pragu’ de Sus, der Gruppe Taxi sowie weiteren Liedermachern. Leise Melancholie und scharfer Humor sind nie so nah beieinander.

Am Samstag folgen unter anderem Alina Manole, Ducu Bertzi, die Mircea Rusu Band mit Alexandra Ungureanu und Bosquito. Am Sonntag gehören Mircea Baniciu (einst Stimme der legendären Rockgruppe Phoenix), Narcisa Suciu mit ihren aus der Marmaroscher Folklore inspirierten Liedern und weitere Gäste zum Programm. 

Da die Konzerte erst am Abend beginnen, lässt sich davor die Landschaft erkunden, in der die Luft nach Fichtenharz und feuchter Erde riecht. Wenige Kilometer entfernt liegt der Drei-Wässer-See, an dem drei Bäche zusammentreffen. Wer einen stilleren Ort sucht, fährt in das Dorf Weidenthal/Brebu Nou und besichtigt die römisch-katholischen Kirchen. Als kulinarischer Insider-Tipp gelten in der Gegend die einfachen Gasthäuser mit Suppe, geräuchertem Fleisch, Kartoffelgerichten und Heidelbeerkuchen. Nach Sonnenuntergang sinken die Temperaturen schnell; eine Jacke ist hier selbst nach einem heißen Julitag kein überflüssiges Gepäckstück.

Weidenbach und Kronstadt: Metal vor der Karpatenwand

Vom 27. bis 31. Juli zieht das Rockstadt Extreme Fest erstmals auf sein neues Gelände in Weidenbach/Ghimbav bei Kronstadt/Bra{ov. Staub hängt über dem Gelände, Bässe sind im Brustkorb zu spüren, und hinter den Bühnen stehen die Berge als natürliche Kulisse. Die Dimension des Programms ist beträchtlich: Sabaton und Marilyn Manson eröffnen die Reihe der Hauptabende, gefolgt von Godsmack und In Flames. Am dritten Tag stehen Lamb of God, Slaughter to Prevail, Arch Enemy und Accept auf dem Programm, am vierten Helloween, bevor The Prodigy das Festival am 31. Juli abschließt. 

Sabaton macht aus Heavy Metal Geschichtsdrama: Marschrhythmen, Chöre, Pyrotechnik und Texte über Schlachten prägen die Auftritte der schwedischen Band. Marilyn Manson setzt auf provokantes Industrial-Theater, während God-smack mit wuchtigem US-Hardrock und markanten Schlagzeugduellen bekannt wurde. In Flames und Arch Enemy stehen für den melodischen Death Metal aus Göteborg; bei Arch Enemy trifft technische Präzision auf die gutturale Stimme von Alissa White-Gluz. Accept und Helloween vertreten zwei Generationen deutschen Heavy und Power Metals. Den härtesten stilistischen Sprung liefert The Prodigy: elektronische Beats, Punk-Attitüde und Stücke wie „Firestarter“ oder „Breathe“ verwandeln den letzten Abend in einen kollektiven Adrenalinschub. Das Festivalprogramm umfasst darüber hinaus Dutzende Gruppen von Doom und Thrash Metal bis Blackgaze und Metalcore. 

Tagsüber lohnt sich die kurze Fahrt nach Kronstadt: Die Schwarze Kirche, der Rathausplatz und die mittelalterlichen Befestigungsreste erzählen von der siebenbürgisch-sächsischen Vergangenheit der Stadt. Statt sich nur durch die meist überfüllte Schnurgasse zu schieben, sollte man zur Weißen oder Schwarzen Bastei hinaufgehen. Von dort öffnet sich ein besonders schöner Blick über Dächer, Kirchtürme und den bewaldeten Zinnenberg. Direkt in Weidenbach steht zudem eine weniger bekannte evangelische Kirchenburg – ein lohnender Zwischenstopp, bevor am Abend die Verstärker aufgedreht werden. 

Temeswar: Pop, Blues und eine Stadt voller Nebenbühnen

Vom 31. Juli bis 3. August steht die Temeswarer Stadtfeier unter dem Motto „Vielfalt“. Mehr als 100 kostenlose Veranstaltungen verteilen sich auf Parks, Plätze, Straßen und Kultureinrichtungen. Neben Konzerten gehören DJ-Sets, Gastronomie, Sport, Kinderangebote, Installationen und Stadterkundungen zum Programm.

Das internationale Zugpferd am 1. August ist The Script. Die irische Pop-Rock-Band gastiert erstmals in Temeswar und bringt Songs wie „Hall of Fame“, „Breakeven“ und „The Man Who Can’t Be Moved“ mit. Bereits am 31. Juli tritt Beth Hart auf. Die amerikanische Sängerin besitzt eine raue, wandlungsfähige Stimme, die zwischen Blues, Soul und Rock wechseln kann; ihre Konzerte wirken oft weniger wie routinierte Shows als wie emotionale Grenzgänge. 

Weitere Namen zeigen, wie breit die Stadtfeier angelegt ist: Irina Rimes verbindet Pop mit poetisch-melancholischen Texten, der moldauische Musiker Satoshi Rap, Pop und urbane Erzählkunst. Marija Šerifovic, Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2007, ist für kraftvolle Balkanballaden bekannt. Aus Temeswar selbst kommen JazzyBIT, deren Klaviertrio Jazz mit Rock und elektronischen Strukturen verbindet, sowie Rock- und Alternativekünstler auf mehreren kleineren Bühnen. Auch Alexandra Căpitănescu und Dora Gaitanovici stehen für eine junge rumänische Generation, die Rock nicht als nostalgisches Genre, sondern als zeitgenössische Ausdrucksform versteht. 

Zwischen den Konzerten lässt sich Temeswar zu Fuß entdecken. Am Domplatz leuchten barocke Fassaden in Pastelltönen, während auf dem Freiheitsplatz das Pflaster die Wärme des Tages speichert. Im Rosenpark riecht es am Abend nach Blüten und feuchtem Grün, und an der Bega lässt sich der Lärm der Hauptbühnen für eine Weile ausblenden. Wer eher was für Kuriositäten übrig hat, darf sich das Museum des kommunistischen Verbrauchers im Keller von Scârț Loc Lejer nicht entgehen lassen: eine übervolle Zeitkapsel aus Möbeln, Spielzeug, Fernsehern und Haushaltsgegenständen der 1970er- und 1980er-Jahre.

Klausenburg: Popstars und elektronische Nächte bei UNTOLD

Vom 6. bis 9. August beginnt UNTOLD unter dem Titel „UNTOLD ONE“ ein neues Kapitel. Das Festival bleibt jedoch ein musikalisches Großereignis: Sting, Lewis Capaldi, Kygo, Martin Garrix, Marshmello, Lost Frequencies, Steve Aoki, Zara Larsson, Flo Rida und Swae Lee gehören zu den prominentesten Namen. Hinzu kommen The Chainsmokers, Carl Cox, Solomun, Alan Walker, Meduza und ein gemeinsames Set von
Afrojack und R3HAB. 

Das Festivalgelände rund um die Cluj Arena ist eine Kunstwelt aus Lichtportalen, Figuren und Bühnenarchitektur. Streetfood, Sommerstaub und süßes Parfüm hängen in der Luft und selbst um vier Uhr morgens bleibt das Ufer des Kleinen Somesch voller Menschen.

Wer vor der nächsten Nacht Ruhe braucht, findet sie im Botanischen Garten. Weniger bekannt ist der sogenannte Spiegelgang in der Iuliu-Maniu-Straße: Zwei symmetrische Häuserzeilen bilden dort eine der ungewöhnlichsten urbanistischen Perspektiven der Stadt. Für einen Tagesausflug bietet sich das Salzbergwerk Turda an – eine unterirdische Halle, die eher an eine Science-Fiction-Kulisse als an ein ehemaliges Bergwerk erinnert – und dazu eine Kühle, die man sich in der Sommerhitze nur wünschen kann.

Buftea: Nick Cave im Schatten alter Bäume

Fast gleichzeitig mit UNTOLD findet vom 7. bis 9. August Summer Well auf dem [tirbey-Schlossgut in Buftea statt. Der wichtigste Name ist heuer Nick Cave mit seiner Band The Bad Seeds. Cave ist kein Künstler für beiläufige Hintergrundmusik: Seine Lieder über Liebe, Tod, Schuld und Trost gewinnen gerade in einem nächtlichen Schlosspark eine besondere Intensität.

Daneben verbindet Palaye Royale Glamrock, Punk und extravagante Bühnenbilder, während Charlotte Cardin eher mit zurückhaltendem Elektropop und einer dunklen, sofort wiedererkennbaren Stimme das Programm mit Nation of Language, Noga Erez, Nu Genea, Two Feet, Jalen Ngonda, Yasmine Hamdan, Rikas und weiteren Künstlern bereichert. New Wave und Synthpop der 1980er-Jahre, Funk, Disco und neapolitanische Musikkultur sind nur ein Teil der musikalischen Haupttöne dieses Festivals, das im Schlosspark tatsächlich zur kurzen Sommerfrische wird: Unter alten Bäumen ist die Luft kühler als in Bukarest, auf dem Rasen sitzen Besucher mit Getränken und Essen, und zwischen zwei Konzerten schimmert das Herrenhaus durch die Blätter. Buftea ist zudem eng mit der rumänischen Filmgeschichte verbunden. In den dortigen Filmstudios entstanden seit den 1950er-Jahren zahlreiche historische Großproduktionen. 

Bukarest: Das leise Finale im Athenäum

Vom 23. August bis 19. September gehört die Hauptstadt jungen Violinisten, Cellisten, Pianisten und Komponisten beim 20. Internationalen George-Enescu-Wettbewerb. Das Eröffnungskonzert vereint die Preisträger von 2024: den Pianisten Roman Lopatynskyi, die Geigerin Mayumi Kanagawa und den Cellisten Yo Kitamura. Auf dem Programm stehen unter anderem Dan Dedius „Brahmsodia“, Enescus Erste Sinfonie und die Uraufführung von Diego Santamarias „The Stone and the Ivy“. Die Finalrunden der drei Instrumentalfächer werden von Case Scaglione, Harry Ogg und Daniela Candillari geleitet. 

Der besondere Reiz liegt nicht allein in fertigen Stars, sondern im Augenblick ihrer möglichen Entdeckung. In den frühen Runden hört man junge Musiker, bevor Jurys, Agenturen und Konzertveranstalter ihre Namen international bekannt machen. Nach den lauten Nächten des Sommers wirkt das Rumänische Athenäum wie ein akustisches Vergrößerungsglas: Jeder Bogenwechsel, jedes Einatmen und jedes Verklingen eines Klaviertons wird hörbar.

Wenige Schritte vom Athenäum entfernt liegt die Theodor-Aman-Villa. Das vollständig erhaltene Künstlerhaus mit Atelier, Wandmalereien und geschnitzten Möbeln gehört zu den stilleren Museen im Zentrum. Danach lohnt ein Kaffee in einer der Passagen zwischen Calea Victoriei und Altstadt, bevor das nächste Konzert beginnt. Wer Bukarest abseits der üblichen Postkartenmotive erleben möchte, besucht den Bellu-Friedhof.

Zwischen alten Bäumen liegen aufwendig gestaltete Grabmäler von Schriftstellern, Schauspielern und Politikern – ein Freilichtmuseum rumänischer Erinnerungskultur. 

Am Ende dieser Reise bleiben keine bloßen Programmlisten. Es bleiben der Geruch von Holzrauch in G˛râna, das Dröhnen vor der Karpatenwand, Beth Harts raue Stimme in der Temeswarer Sommernacht, elektronische Bässe am Somesch, Nick Caves dunkle Silhouette unter alten Bäumen und ein letzter Geigenton im Athenäum. Festival-Hopping ist damit keine Flucht von einem Konzert zum nächsten, sondern eine Reiseform: Man hört ein Land – und entdeckt es dabei.