Kappadokien… wenn der Wind schweigt

Ein Reisebericht über Umwege, unterirdische Welten und den Moment, in dem man Kappadokien endlich aus dem Heißluftballon sehen kann

Die in Stein gemeißelten Kichen und Klöster des Freilichtmuseums bei Göreme Fotos: der Verfasser

Mit dem Heißluftballon über Kappadokkien

Der Wecker klingelt um 4 Uhr. Draußen ist es noch stockfinster, die Luft riecht nach Staub und Thymian. Auf der Terrasse unseres Höhlenhotels in Göreme wartet bereits der Fahrer des Kleinbusses, der uns zusammen mit anderen Gästen hinaus in die Finsternis, zum Startplatz für unseren lang erwarteten Heißluftballonflug bringt. Es fahren viele Autos dahin, nur…. unter den Sternenhimmel ist kein Ballon zu sehen. „Wind zu mild“, erklärt mir später der Veranstalter mit einem entschuldigenden Lächeln. 

Es war das zweite Mal in Folge. Zwei Morgen hinter-einander hatte ich mich aus dem Bett gequält, zweimal hatte ich Kaffee in mich hineingekippt, der eigentlich noch zu heiß war, zweimal hatte ich die Kinder zu dieser unmöglichen Uhrzeit geweckt, um die Hügel Kappadokiens und Dutzende andere bunte Luftballons aus der Luft sehen können – und zweimal hatte Kappadokien entschieden, dass wir warten müssen. Geduld gehört nicht gerade zu meinen Stärken, und meine Kinder hätten ihre Ferien vermutlich lieber am Meer verbracht. Nach zwei abgesagten Ballonfahrten blieb uns jedoch nichts anderes übrig, als den Tag anders zu planen. 

Und es beschenkt einen trotzdem. Oder vielleicht: gerade deswegen.

Kaymakli: Eine Stadt unter der Erde

Was tut man, wenn man eigentlich durch die Luft segeln wollte und stattdessen auf dem Boden steht? Man geht unter die Erde.

Kaymakli ist etwa 20 Kilometer südlich von Göreme und auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches anatolisches Dorf – staubige Straßen, Feigenbäume, ein Teehaus. Doch unter diesem Dorf verbirgt sich eine der faszinierendsten unterirdischen Städte der Welt. Acht Stockwerke tief lebten hier einst Tausende von Menschen – Christen, die vor Verfolgung flohen, wahrscheinlich schon in der Antike, mit Sicherheit aber im frühen Mittelalter. Aus Sicherheitsgründen können wir aber nur vier Stockwerke in die Tiefe, also rund 20 Meter. Ist aber bereits genug, um einen Eindruck zu haben.

Wir ducken uns durch enge Gänge, die kaum schulterbreit sind. Mein zehnjähriger Sohn als Erster, denn für ihn sind sie noch hoch. Die Luft ist kühl und feucht, ein angenehmer Kontrast zur Hitze draußen. Wein- und Ölkeller, Ställe, Kirchen, Küchen – alles in den Tuffstein gehauen, mit einer Präzision, die einem den Atem verschlägt. Runde Mahlsteine, die als Türen dienten und von innen verriegelt werden konnten, stehen in den Gängen wie schlafende Wächter. Wir können uns so leicht vorstellen, wie sich hier Menschen zusammendrängten, Kerzen hielten, flüsterten. Für die Kinder wurde Geschichte hier plötzlich greifbar. Die engen Gänge und die niedrigen Räume machten deutlich, wie die Menschen einst tatsächlich gelebt haben könnten. 

Empfehlung: Komm früh, am besten kurz nach der Öffnung um 8 Uhr, bevor die Reisegruppen eintreffen. Die schmalen Gänge dulden keine Menschenmassen. Wer Platzangst kennt (wie meine Frau, damals), sollte sich die äußeren Bereiche ansehen und die tieferen Ebenen meiden – aber das ehrlich Faszinierende liegt genau dort unten.

Göreme: Freiluft-museum als Zeitreise

Ein „Open Air Museum“ besuchen, wie beim Schulausflug? Das wollten die Kids sicherlich nicht während der Ferien. Da mussten sie aber beim Göreme-Freilichtmuseum echt staunen. Es ist ein Komplex aus in Fels gehauenen Kirchen und Klöstern aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, und die Fresken, die dort erhalten geblieben sind, gehören zu den eindrucksvollsten der byzantinischen Welt.

Die Dunkelkirche – Karanlik Kilise – ist das Herzstück. Wegen der geringen Belüftung blieben die Farben über Jahrhunderte intensiv erhalten: Kobaltblau, Ocker, tiefes Rot. Christus, Maria und die Apostel blicken von den Wänden herab. Die Fresken wirken erstaunlich gut erhalten und vermitteln einen Eindruck davon, wie die Kirche vor Jahrhunderten ausgesehen haben könnte. Ich stehe lange dort. Zu lange, wahrscheinlich – ein Aufseher schaut mich zweimal an. Oder vielleicht will er mir diskret ein Zeichen geben, dass die Kids nicht auf die Felswände eines UNESCO-Weltkulturerbe klettern.

Empfehlung: Das Kombiticket lohnt sich. Die Dunkle Kirche hat einen kleinen Aufpreis, aber er ist jeden Cent wert. Planen Sie für einen Besuch mindestens zwei Stunden. 

Tipp: Das benachbarte Kloster Tokali, außerhalb des Hauptgeländes gelegen, ist oft weniger besucht und ebenso beeindruckend.

Mondlandschaft auf vier Rädern

Der Name klingt kitschig, die Landschaft ist es nicht. Das Love Valley nördlich von Göreme – benannt nach den phallischen Felsformationen, die der Wind aus dem weichen Tuffstein modelliert hat – ist eine der surrealistischsten Landschaften, die man sehen kann. Kegelförmige Türme, manche 30, manche 40 Meter hoch, eng beieinander wie eine versteinerte Armee.

Eigentlich sind wir aber nicht dafür hingefahren, sondern für die Quad-Tour im Wüstensand. Und das war, mit Abstand, eine der besten Entscheidungen dieser Reise – insbesondere für die Kids, die ausnahmsweise auch selbst fahren durften.

Man bekommt ein Quad, eine kurze Einweisung, und dann ist man einfach – draußen. In der Landschaft. Der rot-gelbe Staub stiebt unter den Rädern auf, die Sonne hängt tief und orange über den Felsen, und für einen Moment vergisst man völlig, dass man eigentlich wegen der Ballons hier war. Die Route führte durch mehrere Täler, jedes mit seiner eigenen Farbpalette, seinem eigenen Licht. Man stoppt, wo man will. Man steht auf einer Felskuppe und schaut in ein Tal, in dem es keine Straßen gibt, keine Autos, keine Menschen. Nur Stein und Wind.

Empfehlung: Die beste Uhrzeit, die Wüstentour zu buchen ist sicherlich der späte Nachmittag, kurz vor der Dämmerung. Nicht nur, dass es angenehm kühl wird, sondern die Täler und Felsen verwandeln sich im Abendlicht in fast märchenhafte Figuren. 

Tipp: Sich auf Sonnenbrände und Staub vorbereiten – Brille und leichte Jacke empfehlen sich.

Wo Kappadokien sich selbst zeigt

Zwei Aussichtspunkte sind Pflicht – und zwar zu unterschiedlichen Tageszeiten.

Göreme Panorama (Göreme Viewpoint): Fußläufig vom Ortszentrum erreichbar, ideal für den Sonnenaufgang oder frühen Morgen. Von hier aus sieht man das gesamte Feenkaminpanorama, und wenn der Wind stimmt und die Ballons steigen, sieht man von hier aus Hunderte von ihnen gleichzeitig in den Himmel aufsteigen. Ich habe es gesehen – erst von unten, als stiller Zuschauer, und dann selbst mittendrin. Beides ist unvergesslich, auf eigene Weise.

Sunset Point (Aktepe Hill): Dieser Hügel westlich von Göreme ist der klassische Sonnenuntergangsort. Eine Viertelstunde zu Fuß vom Zentrum, und dann sitzt man oben und schaut zu, wie das Licht die Täler rot und violett färbt. Bring Wasser mit, bring Geduld mit, und – wenn du romantisch veranlagt bist – bring jemanden mit, dem du diese Stille zeigen willst.

Der dritte Morgen: Endlich in der Luft

Aller guten Dinge sind ja drei. Während wir uns dem Startplatz nähern sehen wir sie: erst einer, dann drei, dann zwanzig und noch mehr – leuchtende Kugeln, orange und rot und golden wie glühende Laternen. Dieser Morgen sollte sicherlich anders werden als die beiden zuvor. 

Wir sind jetzt 25 im breiten Korb unseres Ballons. Unser Pilot – ruhig, konzentriert, mit der Gelassenheit eines Menschen, der das schon tausendmal getan hat – gibt kurze Anweisungen. Der Ballon bläht sich ständig auf, als ob er tief einatmet. Und dann – ganz ohne Ruck – sind wir in der Luft.

Die Stille ist das Erste, was überrascht – keine Vibration, kein Motorengeräusch, nur das gelegentliche Aufbrausen des Brenners. Kein Foto kann einfangen, wie es sich anfühlt, so still und so hoch zu sein. Wir driften über Täler und Felsdörfer, die von hier oben aussehen wie Spielzeuge. Von oben werden die Täler, Felsformationen und kleinen Dörfer erst richtig überschaubar. Wir konnten viele der besichtigten Orte von oben leicht erkennen, auch wenn wir nur einige Dutzende Meter von der
Erde entfernt waren.

Die Landung ist sanft – ein leichtes Schaukeln und schon steht der Korb präzise auf dem Anhänger eines Geländewagens. Eine Meisterleistung. Zwei Tage lang haben wir alle auf diesen Moment gewartet. Aber es hat sich gelohnt.

Empfehlung: Seriöse Anbieter wie Kapadokya Balloons oder Royal Balloon sind oft Wochen im Voraus ausgebucht – deswegen, lohnt es sich, frühzeitig buchen. Und unbedingt einen oder sogar zwei Puffertage einplanen; Ausfälle wegen Wind sind keine Ausnahme.


Schlafen wie die alten Kapadokier

Wer in Kappadokien übernachtet, sollte es richtig tun: in einem Höhlenhotel. Die Region rund um Göreme und Üçhisar bietet eine erstaunliche Bandbreite – von einfachen Pensionen mit in den Fels gehauenen Zimmern bis zu Boutique-Hotels mit Infinity-Pool über den Feenkaminen.

Das Schlafen in einem Zimmer in einer echten Felshöhle ist ein Erlebnis: die konstante Kühle, die ungewöhnliche Stille, die meterdicken Wände. Man schläft, als läge man in der Erde selbst. Und manchmal – wenn der Wecker um 4.30 Uhr klingelt und man wieder in den Himmel schaut – hofft man noch einmal, dass heute endlich die Ballons steigen werden.