Es gibt Städte, die sich in einem Satz erzählen lassen. Nürnberg gehört sicherlich nicht dazu. Wer durch die Gassen der Altstadt schlendert, unter dem Schatten der Kaiserburg hindurchgeht und später vor dem nüchternen Gebäude des Schwurgerichtssaals 600 steht, spürt, dass hier zwei Zeitalter aufeinanderprallen, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Auf der einen Seite die mittelalterliche Reichsstadt, in der Kaiser gekrönt wurden, Dürer seine Meisterwerke schuf und die Meistersinger ihre Lieder sangen. Auf der anderen Seite das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte – die Stadt der Nazi-Reichsparteitage und später der Ort, an dem die Welt erstmals versuchte, über Völkermord Recht zu sprechen. Nürnberg zwingt seine Besucher nicht dazu, sich zu entscheiden, welches Gesicht sie sehen wollen. Es zeigt beide, oft nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, und genau das macht diese Stadt zu einem der eindringlichsten Reiseziele Deutschlands.
Die Reichsstadt der Kaiser
Beim Spaziergang durch die Altstadt beeindruckt auf den ersten Blick die prächtige und fast perfekt erhaltene mittelalterliche Architektur. Nur ist sie alles andere als mittelalterlich, denn die Altstadt wurde während des Zweiten Weltkrieges zu über 90 Prozent zerstört und erst danach im alten Stil wiederaufgebaut – aus Nostalgie und Stolz über auf die jahrhundertelange Geschichte und Bedeutung der Stadt.
Um Nürnberg zu verstehen, muss man in eine Zeit zurückgehen, als die Stadt zu den mächtigsten und wohlhabendsten des Heiligen Römischen Reiches zählte. Kaiser Karl IV. bestimmte 1356 in der Goldenen Bulle, dass jeder neu gewählte deutsche König seinen ersten Reichstag in Nürnberg abzuhalten habe. Diese Sonderstellung verlieh der Stadt über Jahrhunderte hinweg politisches Gewicht, das weit über ihre geografische Größe hinausging.
Sichtbarstes Zeugnis dieser kaiserlichen Vergangenheit ist die Kaiserburg, die hoch über der Altstadt thront und den Blick über das Häusermeer aus Sandstein und roten Ziegeldächern beherrscht. Der steile Weg zur Burg, vorbei an Albrecht Dürers Haus, wird mit einem Panorama belohnt, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat: Kirchtürme, Fachwerkgiebel und die geschwungene Pegnitz, die sich durch die Stadt schlängelt.
Unterhalb der Burg liegt die Altstadt mit ihren berühmtesten Kirchen: der Sebalduskirche und der Lorenzkirche, beide gotische Meisterwerke, die vom Reichtum der mittelalterlichen Handelsstadt zeugen.
Nürnberg war ein Knotenpunkt der europäischen Handelswege, und dieser Wohlstand spiegelt sich bis heute in den kunstvoll gearbeiteten Fassaden und den filigranen Steinmetzarbeiten wider. Somit ist es auch kein Wunder, dass dort die erste Zugfahrt Deutschlands im Jahr 1835 mit großem Stolz gefeiert wurde.
Dürer, die Meistersinger und das goldene Zeitalter
Kein Name ist so eng mit Nürnberg verbunden wie der Albrecht Dürers. Der große Renaissance-Künstler wurde 1471 in der Stadt geboren und verbrachte hier den Großteil seines Lebens. Sein ehemaliges Wohnhaus am Fuß der Burg ist heute ein Museum, das Besuchern einen intimen Einblick in das Leben und Schaffen des Malers gibt. Dürers Werk, das die nüchterne Beobachtungsgabe der nördlichen Renaissance mit der Formensprache Italiens verband, machte Nürnberg zu einem der bedeutendsten Kunstzentren Europas.
Doch nicht nur die bildende Kunst blühte in dieser Zeit. Nürnberg war auch Heimat der Meistersinger, jener bürgerlichen Dichter- und Sängerzunft, die Richard Wagner Jahrhunderte später in seiner Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ unsterblich machte. Hans Sachs, der berühmteste unter ihnen, lebte und dichtete in dieser Stadt.
Wer heute über den Hauptmarkt schlendert, wo der vergoldete Schöne Brunnen in den Himmel ragt und der berühmte Christkindlesmarkt jedes Jahr im Advent oder aber eine der zahlreichen Sommerkonzerte wie das Bardenfest am Anfang der Sommerferien Tausende Besucher anzieht, spürt noch immer etwas von diesem alten bürgerlichen Stolz.
Der Bruch: Nürnberg als Bühne des Nationalsozialismus
Es ist eigentlich leicht zu begreifen, wieso dieselbe Stadt, die Jahrhunderte lang für kaiserliche Würde und bürgerliche Kunstfertigkeit stand, im 20. Jahrhundert zur zentralen Kulisse eines der grausamsten Regime der Weltgeschichte wurde. Die Nazipropaganda beschrieb Nürnberg als „die deutscheste aller deutschen Städte“ und wählte sie bewusst als Ort ihrer jährlichen Reichsparteitage, weil sie sich die mittelalterliche Symbolik der Reichsstadt zunutze machen wollten. Was einst Kaiserkrönungen legitimierte, sollte nun die Ideologie eines totalitären Staates legitimieren.
Auf dem gewaltigen Reichsparteitagsgelände im Südosten der Stadt inszenierte sich das NS-Regime zwischen 1933 und 1938 mit monumentalen Aufmärschen, die Hunderttausende Menschen mobilisierten. Die Zeppelintribüne, entworfen von Albert Speer, steht noch heute – ein beklemmendes Zeugnis architektonischen Größenwahns, das die Stadt bewusst nicht abgerissen, sondern als Mahnmal erhalten hat. 1935 wurden hier die sogenannten Nürnberger Gesetze verkündet, die die systematische Entrechtung der jüdischen Bevölkerung einläuteten und den Weg in den Holocaust ebneten.
Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, untergebracht in Hitlers unvollendeter Kongresshalle, konfrontiert Besucher heute schonungslos mit dieser Geschichte und zeigt, wie Propaganda und Massenpsychologie zusammenwirkten, um eine ganze Gesellschaft in den Bann zu ziehen. Sie ist ein absolutes Muss bei einem Besuch in Nürnberg, um ein komplettes Bild der Stadt und der deutschen Geschichte zu erhalten, wobei dabei sowohl die Schattenseiten der jüngeren deutschen Geschichte, als auch die Errungenschaften des nationalsozialistischen Regimes faktisch in einer der heutigen digitalen Welt gerechten Form dargestellt werden.
Nürnberg 1945: Der Ort, an dem Recht gesprochen wurde
Somit ist es auch kein Wunder, dass ausgerechnet Nürnberg nach dem Krieg zum Schauplatz der Prozesse wurde, in denen die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Wahl des Ortes war eine bewusste symbolische Entscheidung der Alliierten: An dem Ort, an dem die NS-Ideologie ihre größten Triumphe gefeiert hatte, sollte nun das Recht über sie triumphieren.
Im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes, der bis kürzlich als funktionierender Gerichtssaal genutzt wurde, fanden zwischen 1945 und 1946 die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher statt. Zum ersten Mal in der Geschichte mussten sich Repräsentanten eines Staates vor einem internationalen Gericht für Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Die Nürnberger Prozesse legten damit den Grundstein für das moderne Völkerstrafrecht.
Das Memorium Nürnberger Prozesse, direkt im historischen Gerichtsgebäude untergebracht, lässt Besucher diesen Moment der Geschichte hautnah nacherleben. Original-Filmaufnahmen, historische Dokumente und der unverändert erhaltene Gerichtssaal selbst vermitteln eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Empfehlenswert und aufschlussreich ist auch der 15-minütige Film zu den Prozessen und der völkerrechtlichen Entwicklung bis heute.
Eine Stadt im Dialog mit sich selbst
Was Nürnberg heute so besonders macht, ist der bewusste, reflektierte Umgang der Stadt mit ihren gegensätzlichen historischen Schichten. Anders als manche Orte, die versuchen, unbequeme Kapitel ihrer Geschichte zu verdrängen, hat sich Nürnberg entschieden, seine NS-Vergangenheit offen zu zeigen und aufzuarbeiten. Stolpersteine erinnern vor unzähligen Hauseingängen an deportierte und ermordete jüdische Bürger. Mit dem 2001 verliehenen Titel „Stadt des Friedens“ hat sich Nürnberg dem Ziel verschrieben, aus seiner eigenen Geschichte heraus für Menschenrechte und internationale Verständigung einzutreten.
Nürnberg heute: eine Stadt, die weiterlebt
Aber wer glaubt, Nürnberg sei nur ein Freilichtmuseum für Kaiserzeit und Katastrophengeschichte, irrt gewaltig. Über 90 Prozent der Altstadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, und was Besucher heute als „mittelalterlich“ bestaunen, ist zu großen Teilen ein sorgfältiger, oft originalgetreuer Wiederaufbau der Nachkriegsjahrzehnte – ein zweiter, stillerer Wiederaufbau nach dem großen Bruch.
Kulinarisch prägt die berühmte Nürnberger Bratwurst das Stadtbild: klein, würzig, mit Majoran verfeinert, am beliebtesten als „Drei im Weckla“ – drei Würstchen im aufgeschnittenen Brötchen, gegrillt über offener Buchenholzglut in den traditionsreichen Bratwurstküchen der Altstadt. Die Legende besagt, dass ihre Form einem Schlüsselloch gerecht sein sollte, durch die man sie schmuggeln sollte.
Unter der Altstadt erstreckt sich ein weitläufiges Netz historischer Felsenkeller, die einst zur Bierkühlung angelegt wurden. Viele werden heute wieder genutzt, manche als Veranstaltungsorte, andere tatsächlich wieder zur Bierproduktion. Obendrüber, in den zahlreichen Bierstuben der Innenstadt, trifft man sich auf ein Seidla – das fränkische Wort für einen halben Liter Bier – auf massiven Holzbänken, in einer Geselligkeit, die trotz vieler Touristen bodenständig geblieben ist. Franken zählt zu den bierreichsten Regionen der Welt, und Nürnberg ist ihr kulinarisches Herz.
Wer Museen liebt, findet im modernen Germanischen Nationalmuseum das größte kulturhistorisches Museum des deutschsprachigen Raums. In einem lichtdurchfluteten Glasbau liegt das Neue Museum für zeitgenössische Kunst und auf der anderen Seite der Altstadt das Verkehrsmuseum und das Spielzeugmuseum, das an Nürnbergs jahrhundertealte Tradition als Zentrum der Spielzeugherstellung erinnert.
Ein Fazit, das keine Auflösung sucht
Nürnberg lässt sich nicht auf eine einzige Erzählung reduzieren, und genau darin liegt die Kraft dieser Stadt. Sie zeigt, dass Orte der Schönheit und Orte des Schreckens manchmal einfach nur um die Ecke liegen können, und dass wahre historische Reife nicht darin besteht, sich für eine Erzählung zu entscheiden, sondern beide Seiten auszuhalten und aus ihnen zu lernen. Zwischen einem Seidla Bier im Felsenkeller und einem Nachmittag im Dokumentationszentrum liegt vielleicht nur eine Straßenbahnfahrt – und genau diese Spannbreite macht einen Besuch heute so bereichernd. Nürnberg ist keine Stadt, die man einfach nur besucht. Es ist eine Stadt, die einen etwas fragt und uns zum Nachdenken auffordert.







