Vulkanisch, kulinarisch, musikalisch, historisch – und katholisch

Sich auf der größten Mittelmeer-Insel recht zurückhalten und sie doch genießen

Fortunato Rossini (Donato) findet man unter dem Künstlernamen ´Vizio speciale” auf Facebook, das Anführungszeichen am Ende und den Apostroph zu Anfang unbedingt mit eingetippt.

Der Archäologische Park von Syrakus liegt nicht gerade um die Ecke von Ortigia, ist für sich genommen aber einen mehrstündigen Besuch wert.

Der Name des Castello Maniace von Syrakus geht auf den byzantinischen Feldherrn Maniakes aus dem 11. Jahrhundert zurück.

Solange sich auf Sizilien kein schweres Erdbeben wie das von 1693 ereignet, wird das alte Noto mit Kirchen und Palazzi aus Sandstein auch nicht rekonstruiert werden müssen. Fotos: Klaus Philippi

Tunesien vor allem, doch auch die nördlichen Regionen Algeriens und Libyens sind am Zug: wer es nach Sizilien am wenigsten weit hat, also nur ein paar Hundert Seemeilen zurücklegen muss, stellt sich bald heraus. Sonnengebräunt wie vielleicht nirgendwo sonst im Mittelmeerraum sind zwar auch die Körper und freundlichen Gesichter der Einheimischen; als Gast aber braucht man sich bloß einmal etwas aufmerksamer die Restaurants und ihre Belegschaft anzuschauen, um festzustellen, dass Nordafrika die Insel kulinarisch gut und gerne satt zur Hälfte mitgestaltet.
Warum denn nicht, wo es schließlich um Kapern, Oliven, Artischocken, Pistazien, Feigen, Fisch und Meeresfrüchte geht? 

Eigentlich gäbe es allen Grund, auf Sizilien zu verzichten, und sich stattdessen mit den südländischen Zutaten zu begnügen, die jedes größere Einkaufszentrum daheim auch vorrätig hat. Doch der Traum verdient es, gewagt zu werden. Kühn wie noch zur Lebenszeit eines Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Gottfried Seume kann er ja nicht mehr sein; auf den Straßen Siziliens sind auch Nummernschilder mit den Kennzeichen DD für Dresden und sogar HH für die Hansestadt Hamburg zu lesen. Und auf alle, denen Auto oder Schiff doch zu heiß sind, warten die beiden internationalen Flughäfen.

Vorausgesetzt, dass weder die Insel bebt, noch der Ätna heißblütig sein Inneres nach außen kehrt.

„Mongibello” nennen die Sizilianer im Volksmund ihren Vulkan, mit dessen Launen erfahrungsgemäß nicht gut Kirschen essen ist. Spuckt er wieder mal unvorhersehbar Asche, stellt der Flughafen Catania seinen Betrieb oft ganz ein und spannt alle Passagiere auf die Folter. Weg-Müssen natürlich geht in solch sperriger Situation aus Vorsicht mit mehr Frust einher als das Warten auf die Erlaubnis zur Landung. Ob einer der Polizisten, die vor der Flughafenhalle den zähflüssigen Autoverkehr routiniert am Laufen zu halten versuchen, in der Verschnaufpause just deswegen ungefragt eröffnet, selber als Urlaubsreisender niemals den Flieger zu wählen? Ganz Italien, Österreich, die Schweiz, Deutschland und Frankreich habe er schon reihum „con la macchina” kennengelernt. Glück-licherweise „schläft” er wieder, der „Mongibello”, und „wir hoffen, er wacht nicht auf.”

Alle Hoffnung dafür, unterwegs nicht auf die eigenen Sinne hören zu müssen, ist vergeblich. Blitzschnell lernt man die vegetarischen, fleischigen und käsigen Füllungen der „Arancini” zu schätzen und zu verputzen, die es als in Öl ausgebackene Reiskugeln sizilianisch in sich haben. Rund wie Orangen, und am Ostufer der Insel wegen des Ätna gerne auch mit Kegelspitze geformt, gebraten und für ein paar Euro pro Stück an Heißhungrige ausgegeben. Und selbst wer mit frischem Kaltwasserfisch aus dem Mittelmeer erst im Moment etwas anzufangen weiß, wo er fertig zubereitet vor einem auf dem Teller liegt, wird den stimmgewaltigen Marktschreier eines Stands am Mercato di Ortigia mehr als nur einmal beim Werben um seine Kundschaft erleben wollen. Dass es in Siziliens Natur liegt, richtig stramme und dabei doch kein bisschen zu laut dröhnende Tenöre hervorzubringen, spürt man mit etwas Glück auch an den Tischen beispielsweise der Imbissbude „Tito Mare” im gleichen Markt der Altstadt von Syrakus, wenn ein Wirt die Gitarre auspackt und der Kollege stolz einstimmt. Mitsingen beim Refrain durchaus erlaubt, aber nur bei Sicherheit in Melodie und Text! Sonst wirklich besser zu lassen.

Ähnlich zu handhaben sind die Kirchen und Kathedralen auf der streng katholischen und zugleich größten aller Mittelmeer-Inseln. Wird gerade keine Messe zelebriert, darf überall, wo keine Tafeln zum Gebet oder seiner Achtung mahnen, nach Lust und Laune in den Raum eingedrungen werden. Wehe jedoch, man tritt Sonntag am Vormittag zur Messe ein, setzt sich in eine der hinteren Bänke, sieht und hört genügend lange Zeit brav zu, zückt irgendwann so unauffällig wie nur möglich die Kamera und betätigt immer noch bescheiden ihren Auslöser! Dritte Urlaubsfahrer, die sich wenige Augenblicke zuvor den Fauxpas geleistet haben, von ihrem Platz aufzustehen und zum Knipsen nach vorne zu gehen, schärfen die Argusaugen und Zunge des diensthabenden Priesters zusätzlich; folglich steht es zur Option, selbst beim rituellen Aufstehen ohne Verlassen der Kirchenbank den Fotoapparat zu vernachlässigen. Andernfalls ist damit zu rechnen, vom Prediger umgehend und schneidig statt höflich zurechtgewiesen zu werden. Heiliges auf Sizilien ist so unverhandelbar wie das Alkohol-Verbot am Steuer in Rumänien.

Fällt das Sakrale mal weg, bleibt der Knigge dennoch ungemindert gültig. Ortigia, die Altstadt auf der Halbinsel von Siracusa, ist noch heute Standort eines früheren Karmeliterklosters, dessen Innenhof Konzerte beherbergt. Fein herausgeputzt ist die Kulisse nicht, doch genau das macht den sizilianischen Reiz aus, und außerdem klingt sie ausgezeichnet. Die stählerne Konstruktion mit Treppenaufgang bis auf lockende Höhe, von wo aus sich ein spektakuläres Foto im Weitwinkel mit ausverkauften Publikumsreihen, Kreuzgang und der Orchestra Barocca Siciliana schießen ließe? Niemand kommt auf den Gedanken, sie dafür zu besteigen. Auch der waschechte Sizilianier nicht, der die Konzertreihe plant, betreut und vor wie nach dem Auftritt der Musiker wohlüberlegt zu ihren Zuhörern spricht – einstweilen aber während des Konzerts lange Zeit ganz hinten im Hof steht und an seinem Smartphone rummacht.

Dem fotografisch ungenutzten Treppenaufgang kann man sich mit der Kamera im Rücken der letzten Stuhlreihe noch so langsam, lautlos und sichtbar demütig nähern wollen, es nützt nichts. Der Intendant persönlich hat was dagegen, und so bleibt nur noch das Gedächtnis als Speicherort für den Zauber des Abends präsent. Den wiederum die Erinnerung lebendiger festhält als die Chipkarte eines digitalen Apparats.

Selbe Fähigkeit zum Einprägen für immer ist auch im Hinabsteigen in das ´miqwè´ förderlich. Vier Meter unter dem Wasserspiegel des Mittelmeeres liegt das ritualische Bad im ehemals jüdischen Viertel von Ortigia, das zu Ende des 15. Jahrhunderts vor den spanischen Machthabern – und Inquisitoren – versteckt werden musste. Man wählte die perfekte Tarnung: Zuschütten des in Stein gehauenen Kellerbads mit Unrat! Rein zufällig wiederentdeckt wurde es erst 500 Jahre später von den Inhabern des Hotels „Residenza Alla Giudecca”, die 160 Fuhren Dreck aus dem Untergeschoss ihrer edlen Herberge ausmisten ließen, und es seither touristisch vermarkten. Der Besuch ist ticketpflichtig, das Fotografieren verboten, und die Mitnahme von Taschen jeglicher Art untersagt, auch Brusttaschen sind vorher abzulegen. „Aus Sicherheits-Gründen”, wie der junge Gästeführer des Hotels erklärt. Die Vermutung, dass die Sache gerade auch ökonomisch bedingt sein könnte, schwingt freilich mit. Denn wer das „Bagno Ebraico” von Syrakus sehen möchte, bekommt den Wunsch echt nur vor Ort erfüllt, darf Bilder weder aufnehmen noch Dritten präsentieren.

Klagen fiele leicht, bliebe jedoch gänzlich erfolglos. Einschließlich in Sachen öffentlicher Verkehrsmittel für Landstraßen und Autobahn, die auf Sizilien ihrer Konkurrenz etwa durch Griechenlands Busse weit hinterherhinken. Die Großraumfahrzeuge klappern reichlich auf allen Unebenheiten der Fahrbahn, und warten ab Ankunft in der Zielstadt den planmäßigen Start zur Rückfahrt nicht ab. Zehn bis fünfzehn Minuten früher abzischen? Die einheimischen Fahrer der Interbus-Agentur kratzt es kein bisschen.

Gäste sind gut beraten, sich auf ihrer Tagesstrecke nicht grundsätzlich für den letzten Bus zu entscheiden, sondern ihn als Reserveoption mit einzuberechnen. Für die barocke Kleinstadt Noto zum Beispiel, die sich von Siracusa aus einfach ohne Umstieg und großen Zeitaufwand erreichen lässt. Dort blitzen in Sandstein gehauene Ansprüche auf, wie sie Sizilien prächtig stehen.