Dieser im Jahr 1943 verfasste autobiografische Beitrag aus der Dokumentation über Kronstädter Musikerinnen ist betitelt „Elfriede Gärtner geb. Stenner / Mein Lebenslauf“. Angaben über den weiteren Verlauf des privaten und beruflichen Lebens von Elfriede Gärtner sind enthalten in einer ihr gewidmeten „Lebensskizze“ aus der Feder ihres Sohnes Adolf Hartmut Gärtner, die in der „Neuen Kronstädter Zeitung“, Folge 2/6. Juli 2011, erschienen ist. Zu erfahren ist hier, dass sie ihren Beruf als Klavierlehrerin bis ins Jahr 1958 ausgeübt hat, dass sie insgesamt rund 200 Schülerinnen und Schüler hatte, die sie im Klavierspielen unterrichtete, und dass sie auch zum Lehrkörper der Kronstädter Volks-Kunstschule, der Nachfolge-Institution des Astra-Konservatoriums, gehört hat. Im Jahr 1958 wanderte sie nach Deutschland aus, wo sie ihren Lebensabend bei ihren Kindern, in Bayreuth und in München, verbrachte. Sie verstarb am 25. März 1980 in München. Die Urnenbeisetzung erfolgte auf dem Stadtfriedhof Bayreuth.
Am 4. Januar 1889 wurde ich in Kronstadt als 1. Kind des damaligen Stadtarchivars und späteren Magistratsrates Friedrich Stenner*1 u. dessen Ehegattin Julie geb. Scheeser geboren. Meine Mutter starb, als ich eineinhalb Jahre alt war und meine jüngere Schwester kaum zweieinhalb Monate zählte. Unsere gute Großmutter Julie Scheeser zog uns auf und ersetzte uns die Mutter, sodass wir die Mutter und Mutterliebe nicht entbehrten. Mit sechseinhalb Jahren kam ich in die Schule und absolvierte als Klassenerste sowohl die 4. Volksschulklasse als auch die vier folgenden Klassen der damaligen Mädchen-Bürgerschule. Anschließend besuchte ich die von Direktor Karl Thomas*2 geleiteten Fortbildungskurse, die Chorschule Rudolf Lassels sowie Wäsche- und Kleiderkurs.
Da meine musikalische Begabung sich schon früh zeigte, erhielt ich von meinem 7. Lebensjahre an Klavierunterricht. Die ersten zwei Jahre lernte ich bei Frau Leontine Reimesch*3, und dann übernahm die Schwester meines Vaters, Luise Stenner*4, die damals im Jahre 1898 als Gesanglehrerin an der Kronstädter ev. Mädchenschule angestellt worden war, meinen Klavierunterricht und leitete ihn bis zu meinem 15. Lebensjahr. Sie nahm mich schon als kleines Schulmädchen oft in Konzerte mit und war stets bemüht, meinen musikalischen Gesichtskreis zu erweitern.
Nach meinem 15. Lebensjahr wurde Musikdirektor Rudolf Lassel mein Lehrer, dem ich sehr viel verdanke und dessen Klavierunterricht mir zeitlebens unvergesslich bleiben wird. Die Klavierstunden bei ihm teilte ich mit meiner Freundin, der späteren Konzertpianistin Selma Honigberger*5. Mit viel Fleiß und Liebe wetteiferten wir miteinander und förderten uns im Blattlesen durch fleißiges Vierhändigspielen. Nach mehreren Jahren trennten sich dann unsere Wege. Selma zog hinauf ins Reich und bildete sich zur Konzertpianistin aus, während ich der Stimme meines Herzens folgte und im Jahre 1910 den Maschineningenieur Adolf Gärtner*6 heiratete, somit in Kronstadt blieb und auf eine weitere höhere musikalische Ausbildung verzichtete. Doch nahm ich auch nach meiner Heirat weiter meine Klavierstunden bei Rudolf Lassel, und in späteren Jahren, nachdem mein hochverehrter Professor Rudolf Lassel nicht mehr lebte, lernte ich bei dem Berliner Konzert-Pianisten Egon Siegmund*7, wenn er seine Ferien in Kronstadt verbrachte.
Die musikalische Begabung hatte ich von meinem Vater geerbt. Er hatte eine schöne, kräftige, wohlklingende Bariton-Stimme und war viele Jahre hindurch der beliebte Bariton-Solist des Kronstädter Männer-Gesangvereines. Wenn ein Oratorium aufgeführt wurde, so sang mein Vater die Bariton- bzw. Bass-Partie. Aber auch außerdem sang er in den Konzerten und Veranstaltungen des Vereines stets mit schönem Erfolg. Da nun mein Vater nicht Klavierspielen konnte, musste ich schon von meinem 9. Lebensjahr an ihm beim Einstudieren seiner Gesangspartien helfen und ihn am Klavier begleiten. Dadurch lernte ich schon früh größere Werke kennen, und bald war ich auch mit den schönsten Liedern von Schubert, Schumann und allen Klassikern und Romantikern vertraut. Besonders gerne u. gut sang mein Vater die Balladen von Löwe. Er war immer stolz darauf, wenn ihn seine kleine Tochter begleitete, vor allem auch später in öffentlichen Aufführungen.
Mit 18 Jahren begann ich, Klavierunterricht zu erteilen, indem ich einigen Schülern die Anfangsgründe im Klavierspiel beibrachte. Der Erfolg, den ich erzielte, machte mir große Freude, und bald mehrte sich die Anzahl meiner Schüler und Schülerinnen. Ich setzte das Unterrichtgeben auch nach meiner Verheiratung fort, jedoch so lange unsere beiden Kinder klein waren, nur in bescheidenen Grenzen. Als beide dann herangewachsen waren und das Haus verließen, um in Berlin an der Staatlichen Hochschule für Musikerziehung und Kirchenmusik zu studieren, konnte ich mich mit vermehrter Kraft, neben der Führung des Haushaltes, auch dem Unterrichten widmen und halte das auch heute noch so. Unsere Kinder sind beide, sowohl die Tochter*8 als auch der Sohn*9, Berufsmusiker geworden, haben jedoch ihren Wirkungskreis leider nicht in Kronstadt, und so habe ich Zeit und Muße, meinen mir lieb gewordenen Beruf als Klavierlehrerin auszufüllen.
Gerne habe ich immer Kammermusik gemacht und mich als Klavierpartnerin in Trios, Quartetten und Quintetten betätigt. Aber auch Geiger und Geigerinnen, Sänger und Sängerinnen habe ich stets gerne begleitet, da ich ja von Kindheit an das gewöhnt war. Auch im Gesangverein habe ich in jungen Jahren den Chor begleitet, oft auch in öffentlichen Aufführungen. In späteren Jahren habe ich im Bach-Chor oft die Chorbegleitung besorgt und bei einigen Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Bach und der Johannes-Passion den Cembalo-Part gespielt. Rückblickend auf mein Leben erkenne ich immer mehr, dass Musik in meinem Leben eine erste Rolle gespielt hat, und ich hoffe, so Gott will, dass es auch weiter so bleiben wird.
Kronstadt, im Juni 1943
Elfriede Gärtner geb. Stenner
Vorspann, redaktionelle Bearbeitung und Anmerkungen: Wolfgang Wittstock
Anmerkungen:
*1) Friedrich Stenner (1851-1924) hatte nach Absolvierung des evang. Gymnasiums in Kronstadt in Graz und Budapest Rechtswissenschaften studiert; 1878 wurde er zum Stadtarchivar ernannt, 1903 zum Magistratsrat (Senator) und 1910 zum I. Magistratsrat (Bürgermeisterstellvertreter) gewählt; 1914 trat er in den Ruhestand; bleibende Bedeutung behalten Stenners Beiträge zur Erforschung der Heimat- und Landeskunde.
*2) Karl Thomas (1844-1913) studierte nach Absolvierung des evang. Gymnasiums in Kronstadt Theologie und klassische Philologie in Jena, Berlin und Wien; ab 1870 war er Direktor der Kronstädter evang. Mädchenschule, ab 1884 zugleich auch Direktor der Kronstädter Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt.
*3) – Leontine Reimesch geb. Neugeboren (1865-1945) war die Ehefrau des Lehrers, Pfarrers und Sagensammlers Friedrich Reimesch (1862-1948).
*4) Die Musik- und Klavierlehrerin Luise Stenner (1861-1952), Schwester des verdienstvollen Kronstädter Stadtarchivars Friedrich Stenner, wird mittels eines autobiografischen Beitrags in der 23. und letzten Folge unserer Artikelserie vorgestellt.
*5) Die Pianistin und Klavierpädagogin Selma Erler-Honigberger (1888-1958), Schwester der Opern- und Konzertsängerin Helene Greger-Honigberger, des Musikers Emil Honigberger und des Kunstmalers Ernst Honigberger, wird in Folge 14 unserer Artikelserie vorgestellt.
*6) Adolf Julius Gärtner (1878-1961) war ab 1920 leitender Oberingenieur im Konstruktionsbüro der Maschinenfabrik Brüder Schiel in Kronstadt.
*7) Egon Siegmund (1894-1942) stammte aus Siebenbürgen. Egon Hajek bezeichnete ihn als bedeutenden, in Berlin lebenden Klavierkünstler (in „Die Musik. Ihre Gestalten und Verkünder in Siebenbürgen einst und jetzt“, Kronstadt 1927, S. 113).
*8) Elfriede Kühlbrandt geb. Gärtner (1912-1996) war ausübende Musikerin (Gesang, Klavier) sowie Musiklehrerin in Hermannstadt, Bistritz und Bayreuth. Sie wird in Folge 20 dieser Artikelreihe vorgesellt.
*9) Adolf Hartmut Gärtner (1916-2017) wirkte als Kirchenmusikdirektor und Studiendirektor in Hermannstadt und München.