Ein dumpfes Geräusch reißt mich aus meinem Schlaf. Die Kabine wackelt, als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzt. Desorientiert schaue ich umher und warte darauf, dass die Passagiere zur gelungenen Landung klatschen. Niemand klatscht, anscheinend macht man das nicht mehr. Es ist kurz nach neun in Bukarest. Um sechs Uhr morgens ließ ich den deutschen Boden hinter mir – für drei Monate. Ende November hatte ich mich im Rahmen meines Journalismusstudiums um ein Praktikum bei der ADZ beworben und ein Angebot im Korrespondentenbüro in Kronstadt bekommen. Besser hätte es nicht kommen können, wollte ich doch schon immer in die Karpaten.
Bevor ich hierherkam, hatte ich nur drei Bilder von Rumänien im Kopf. Das riesige Regierungsgebäude in Bukarest, die wunderschöne Natur Siebenbürgens, die ich nur aus Filmen kannte, und natürlich Bären. Diese Vorstellung wurde aber auch von unangenehmen Vorurteilen sabotiert: dass die Infrastruktur schlecht sei, die Menschen auf dem Land arm und ich nur ein leckerer Bären-snack, sollte ich mich zum Wandern in die Berge wagen. Meine geistige Leinwand war, trotz einiger Klischees, noch weitgehend leer – bereit, mit neuen Eindrücken befüllt zu werden.
In dem überaus praktischen Zug, der den Flughafen Otopeni mit Bukarest verbindet, werfe ich zum ersten Mal einen ausgedehnten Blick auf das Land, in dem ich diesen neuen, aufregenden und hoffentlich schönen Lebensabschnitt verbringen werde. Meine Gedanken der letzten Tage waren geprägt von Angst und Selbstzweifel. Habe ich mich vielleicht übernommen? Was, wenn mir die Arbeit in einer Zeitungsredaktion gar nicht gefällt? Hätte ich nicht lieber ein Praktikum in Deutschland suchen sollen? Nein. Der kleine Urmensch in meinem Kopf schlägt jedes Mal Alarm, wenn ich mich aus meiner Komfortzone wage. Doch so schnell er schreiend aus dem hintersten Winkel meiner Amygdala hervorspringt und damit jegliche normale Hirnfunktion unterdrückt, so schnell zieht er sich auch wieder dahin zurück, wenn er merkt, dass er gar keine Angst hätte haben müssen.
Mein erster Eindruck der rumänischen Hauptstadt ist erdrückend: zu groß, zu laut, zu hektisch. Überall sehe ich Menschen, höre hupende Autos und rieche den Dampf, der aus den Gullideckeln aufsteigt. Die vielen ungewohnten Reize überfluten mich – ich fühle mich überfordert und etwas verloren. Normalerweise nutze ich auf Reisen alle Zeit, die ich habe, um Neues zu entdecken und meine Umgebung zu erkunden. Nicht aber in Bukarest. Ich laufe nur kurz um einen Block und warte dann knapp zwei Stunden auf meinen Zug nach Kronstadt.
Vor dem Gleis warten viele Leute. Umso glücklicher bin ich, als ich mir einen Sitzplatz am Fenster ergattern und mich entspannt zurücklehnen kann. Dass jeder Passagier mit seinem Ticket einen Sitzplatz zugewiesen bekommt, weiß ich so lange nicht, bis ein Mann vor mir steht und mir freundlich zu erkennen gibt, dass ich auf dem falschen Platz sitze. Na super, gleich die erste peinliche Situation. Ich muss wohl sehr hilflos ausgesehen haben, als ich eine gefühlte Ewigkeit am Ende des Zugabteils stand und mein Ticket zu entziffern versuchte. Denn es kam netterweise gleich eine Frau und half mir, meinen Sitzplatz zu finden.
Aus Deutschland bin ich modernere Züge gewohnt. Dafür sind sie aber langweilig und unpersönlich. Hier ist das Zugfahren ein echtes Erlebnis für mich. Jeder Sitzplatz ist besetzt, vor manchen Fenstern sind die Vorhänge zugezogen, es ist angenehm dunkel und ruhig. Nur ein paar Jugendliche unterhalten sich belustigt. Auf der Fahrt kann ich etwas runterkommen. Die märchenhafte Landschaft, durch die sich der langsame Zug schlängelt, bringt mich schnell auf andere, positivere Gedanken. Die Anspannung, die ich seit Tagen habe, löst sich ein wenig. Zurück kommen die Erinnerungen, warum ich überhaupt hier bin und dass ich genau das machen will.
Ich bin Philipp, 21 Jahre alt und studiere in Magdeburg. Mich reizt alles mir Unbekannte und ich brenne dafür, neue Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen. Ich interessiere mich für Sport, Natur, Musik und Fotografie. Ich freue mich darauf, in den nächsten Monaten für die Karpatenrundschau zu arbeiten: Geschichten recherchieren, Menschen treffen und die siebenbürgisch-sächsische Kultur kennenlernen. Als angehender Journalist ist das genau das Abenteuer, das ich gesucht habe.
Nach drei Stunden Fahrt steige ich in Kronstadt aus dem Zug. Ich bin total gespannt, was mich erwartet. Schließlich werde ich diese Stadt für das nächste Vierteljahr mein Zuhause nennen. Die Müdigkeit überwiegt jedoch meine Neugierde und ich mache mich auf direktem Weg zu meinem Hostel. Am Flughafen war ich zu nervös, um zu schlafen. Also war das Nickerchen während des kurzen Fluges alles an Regeneration, die mein Körper diese Nacht bekommen hat. Je näher ich der Altstadt komme, desto wohler fühle ich mich. Wie ein Eisberg im Polarmeer ragt der schneebedeckte Hausberg Tâmpa aus der Stadt heraus. Er erinnert mich an den bescheideneren, für mich jedoch nicht weniger schönen Domberg meiner Heimatstadt Suhl im Thüringer Wald. Zum Glück ruft mir ein riesiger, beleuchteter Schriftzug auf dem Gipfel ins Gedächtnis, wo ich gerade bin. Der auf dem Kopfsteinpflaster festgetretene Schnee verwandelt die Gassen der Altstadt in gefährliche Rutschbahnen. Für den Weg zu meinem Hostel brauche ich dadurch einiges länger, habe aber auch mehr Zeit, die Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Die Stadt fühlt sich seltsam vertraut an – obwohl ich noch nie hier war. Von überall spricht mich deutsche Schrift an. Ob an Hausfassaden, Cafés und Restaurants bis hin zu meinem Hostel: der Jugendstube. Ich fühle mich nicht wie in der Großstadt Bra{ov im fremden Rumänien, sondern wie auf dem idyllischen Marktplatz von Wernigerode im Harz.
Abends im Bett male ich mir aus, wie die Arbeit in der Redaktion wohl sein wird, was ich erleben und welche Menschen ich dabei kennenlernen werde. In meiner Fantasie wandere ich über Berge und durch Täler, vorbei an Burgen, immer mit einem kleinen Notizblock bewaffnet. Ich schreibe über noch unentdeckte Talente, portraitiere lokale Künstler und durchstreife jeden Winkel meiner zeitweiligen Heimat. Wie sich mein Arbeitsalltag tatsächlich gestalten wird, ist noch ungewiss, doch eins weiß ich sicher: Ich freue mich auf das, was auf mich zukommt und kann es kaum erwarten, anzufangen!