Traditionen weiterführen

Urzellauf und Maskenausstellung in Großschenk

Die Kuratorinnen Abigail Doan und Marlene Herberth bieten in der Ausstellung „Masquerade“ eine faszinierende Reise in das symbolische Universum der Masken – von ihrer alchemistischen Materialität bis zu ihrer transkulturellen Bedeutung. | Foto: die Verfasserin

Es ist ein schöner Wintertag in Großschenk, die Sonnenstrahlen lassen die Kälte sanfter wirken. Man hört Peitschengeknalle, Kuhglocken und Schellen läuten. Vor dem Rathaus haben sich zahlreiche Leute versammelt, um die Urteile der Narrenrichter über lustige Ereignisse aus dem Vorjahr zu hören. In witzigen Reimen auf Siebenbürgisch-Sächsisch, Deutsch und Rumänisch tragen Michael Gottschling, Helmuth Zink und Elke Recker die  Begebenheiten vor, die das Publikum zum Lachen bringen. Die Redner sind geschminkt und maskiert und stehen in einem geschmückten Anhänger eines Traktors. Es ist der 8. Februar, ein Tag, an dem das Dorf, das fast eine Stunde von Kronstadt entfernt ist, lebt und bebt. Einwohner und Touristen von nah und fern haben sich auch heuer beim Urzellauf versammelt. Beim jahrhundertealten einst siebenbürgisch-sächsischen Brauch laufen zottelige Gestalten mit Masken durch die Straßen und vertreiben mit ihrem Aussehen und dem Lärm den Winter und die bösen Geister.

Familientradition wird weitergegeben

Heuer ist die jüngste Urzel keine zwei Jahre alt. Seine Eltern sind auch Urzeln und laufen bereits seit mehreren Jahren mit. Auch andere Kinder tragen die vogelartigen Kostüme an denen kleine schwarze Zotteln befestigt sind, Jugendliche  bedienen Touristen mit Krapfen aus der Quetsche. Dass junge Leute am Fastnacht-Urzellauf in Großschenk teilnehmen, ist sowohl für die deutsche Minderheit wie auch für die Hauptbevölkerung im Dorf sehr erfreulich, denn so kann eine Tradition, deren Anfänge im 17. Jahrhundert urkundlich belegt wurde, weiterhin erhalten bleiben. Und zwar so, wie sie ursprünglich war. Auch wenn die Parade der Phantasiegestalten im Kommunismus und nach der Wende 1989 zeitweilig eingestellt wurde und die Kostüme und Narrengesichter lange Zeit in den Schränken oder Mitgifttruhen blieben, spazieren seit 2017 die Urzeln wieder auf den Straßen von Großschenk. Die Behörden unterstützten das Vorhaben des Vereins „Großschenker Urzellauf – Fuga Lolelor Cincu“, Veranstalter des Fests.

„Ich war schon als Kind mit dabei, da waren die Straßen von Großschenk voller zotteliger Gestalten und ich sehe, wie jetzt das Interesse am Brauch wieder steigt“, erzählt eine Frau, die als Jugendliche nach Deutschland ausgewandert ist, aber gerne zum Urzellauf zurückkehrt. Sie ist nur eine von mehreren Urzeln mit siebenbürgischen Vorfahren, die seit lange in Deutschland leben, sich aber für den Erhalt einer der ältesten und bedeutendsten Bräuche der Siebenbürger Sachsen einsetzen. 

Krapfen und Schmalzbrot für die Wintervertreiber 

„Wir sind mit meinem Vater hierher gekommen und fliegen übermorgen auch wieder zurück. Es ist sehr toll, dass wir Teil dieses Umzugs sein können, ich will auch nächstes Jahr dabei sein“, sagt Marlene, deren Vater Vorfahren in Großschenk hat. 

Die Urzelkostüme haben die Gäste gemietet und tragen sie stolz. Mit der Peitsche kann zwar keiner von beiden richtig knallen, aber das Mädchen übt eifrig. Horst hingegen kann sehr gut mit der Peitsche umgehen. Der 14-jährige Großschenker hat deutsche Vorfahren, kann aber kaum Deutsch. Dennoch will er bei den Urzeln dabei sein, wie viele andere Rumänen, die dieses Fest als festen Bestandteil der Gemeinde erhalten wollen. Die Anzahl der zotteligen Phantasiegestalten steigt von Jahr zu Jahr, heuer waren mehr als 90 dabei, rund 20 davon aus Agnetheln im Kreis Hermannstadt, wo diese Tradition, nach mehr als 15 Jahren Pause, im Jahr 2006 wiederbelebt wurde. Bei der Parade durch die Dorfstraßen werden die „Wintervertreiber“ mit Krapfen, Schmalzbrot und verschiedenen Getränken von den Einwohnern bewirtet. Diese haben Tische vor ihren Häusern aufgestellt und empfangen den Umzug auch mit freudigen Gesprächen. Auch die zahlreichen Touristen vergnügen sich an den Leckereien und erfahren bei der Gelegenheit auch, wer sich hinter den Masken versteckt. Man hört viel Deutsch auf den Straßen von Großschenk. Auch Sächsisch. Englisch, Französisch, Ungarisch erklingen neben Rumänisch. Es werden viele Fotos gemacht und alle Teilnehmer werden zu einer großen Gemeinschaft.

Masken aus der weiten Welt 

Die Masken sind aus einem feinen Drahtgeflecht hergestellt, das in Relief geformt und dann mit erschreckenden, lustigen oder komischen Gesichtern bemalt wird. Rot geschminkte Lippen, spitze Zähne, riesige runde Augen, lange Nasen oder dicke Wangen – der Maskenkünstler Uwe Boghian aus Großschenk inspiriert sich für seine Masken an den Gesichtszügen der Dorfbewohner, die er dann in übertriebenem Maße übernimmt, formt, bemalt und in Fell einfasst. „Früher war es Hasenfell, jetzt benutze ich künstliches Fell, weil manche Leute Allergien haben können“, erklärt der Handwerker, dessen Hobby es ist, Masken zu gestalten.

Die Parade machte einen Halt bei der evangelischen Kirche. Hier wurde voriges Jahr ein Museum eröffnet, wo zum Anlass des Urzellaufs 2025 eine Ausstellung eröffnet wurde. „Masquerade“ bringt dutzende Masken aus Afrika, Asien und anderen Teilen der Welt nach Siebenbürgen und bietet eine faszinierende Reise durch unterschiedliche Welten, die einerseits sehr verschieden voneinander sind, aber sich zugleich sehr ähneln. Die rund 70 Masken, die bis zum 1. Juni in Großschenk bewundert werden können, symbolisieren die Veränderung und Erneuerung. Minutenlang musste man am 8. Februar Schlange stehen, um die prächtigen Exponate anschauen zu können. So viele Kulturliebhaber sieht man gerne in einem Museum.

Ein afrikanisches Gesicht aus bunten Steinen in verschiedenen Größen, ein Holzgesicht, aus dem ein Rüssel herausragt, eine Metallmaske mit je einer Gestalt an jedem Ende sind nur einige der Masken, die private Sammler aus Rumänien zur Schau stellen. Weitere Exemplare kommen aus der Sammlung des Textilien-Museums des Vereins Heritage Preservation. „Wie die Urzeln in Großschenk die bösen Geister vertreiben, genauso machen Menschen in Mali, Gabun, Nepal oder in Bali Rituale, um andere böse Geister aus ihrem Leben und Gemeinden zu vertreiben“, erklärt Marlene Herberth, vom Verein „Großschenker Urzellauf“, der das Event veranstaltet. Sie deuten von Traditionen und Bräuchen, dem Reichtum eines jeden Ortes, der erhalten werden soll.

„Masquerade“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Brukenthal-Museum in Hermannstadt organisiert und dem Institut für Afrikanische Studien der Bukarester Universität. Die beiden genannte Institutionen führen mit internationalen Experten derzeit eine Forschung zu Masken durch. Im Mai 2025 soll daraus ein Katalog veröffentlicht werden, in dem Informationen zu den ausgestellten  und weiteren Masken zusammengefasst werden.