Von Kronstädtern für Kronstädter

Smaragdsee in einem neuen Steinbruch bei Racosch | Foto: Wilfried Schreiber

Altdurchbruch bei Racosch, 2013 | Foto: Friedrich Philippi

Voriges Jahr erschien in Klausenburg eine Würdigung von Leben und Werk Heinrich Wachners, herausgegeben von zwei Kronstädtern für alle heimatverbundenen Kronstädter und Burzenländer. Die Herausgeber sind zum vorliegenden Buch zu beglückwünschen. Im Vorwort steht zwar, der Name des Gewürdigten bedeute heute nur noch Kronstädtern und Naturfreunden Siebenbürgens etwas. Aber sein „Kronstädter Heimat- und Wanderbuch“ von 1934 ist ein Klassiker. Es war sehr beliebt. Jedenfalls stellt sein Autor 1957 fest, dass es schon damals im Buchhandel vergriffen war. Es hat sich über den erwähnten Personenkreis hinaus viele Freunde erworben. Das gilt besonders von seiner im Kronstädter Aldus-Verlag erschienenen handlicheren Neuauflage. Laut Wilfried Schreiber wurde letztere 1994 veröffentlicht. Es scheint deren mehrere gegeben zu haben. Rez. besitzt eine von 2001. Das Heimatbuch verwertet die Ergebnisse von tausend Wanderungen, fünfhundert davon mit seinen Schülern. In den Worten seines Nachfolgers, meines verehrten Geografielehrers und nachmaligen Kollegen an unserem Kronstädter Gymnasium, Prof. Kurt Philippi, Vater eines der Herausgeber, die er anlässlich des 1957 gefeierten 80. Geburtstages von Wachner vortrug, galt es damals als „beste Landschaftsmonografie“ Rumäniens. Daran hat sich wohl bis heute kaum etwas geändert.

Die ehemaligen Schulkameraden des Rez., Friedrich Philippi (*1942) und Wilfried Schreiber (*1944), haben in drei großen Kapiteln viel wertvolles, oft noch unveröffentlichtes Material zusammengetragen: über das Leben (mit Sekundärliteratur), über den Lehrer und Wissenschaftler (mit Bibliografie seiner Werke: über 80 Titel) und ein bisher unveröffentlichtes Manuskript vom Rakosch-Spezialisten Wachner selbst. Den Abschluss seiner Ausführungen bildet eine Gebietskarte des Alt-Tales von Ober-Rakosch (ung. Felsörákos, rum. Raco{u de sus) im Nordosten bis  Mathesdorf (ung. Mátéfalva, rum. Mateias), im Südwesten. Letzteres ist eine der wenigen rumänischen Ortschaften der Gegend. Sonst geht es meist um ungarisch- sprachige Dörfer. Deshalb stehen hier die ungarischen Ortsnamen an erster Stelle. Natürlich ist der offizielle Name die rumänische Form. Ein Anhang reproduziert 14 gelungene Farbfotos der beiden Herausgeber meist vom Alt-Durchbruch bei Rakosch (ung. Rákos, rum. Racoș) und den Perschaner Bergen, erläutert Fachbegriffe, gewährt einen Überblick über die Erdzeitalter und stellt alphabetische Listen sowohl der Forscher zusammen, die Wachner erwähnt, als auch der Autoren des besprochenen Buches.

Für die KR haben wir 2 Fotos aus dem Buch-Anhang ausgewählt (Altdurchbruch bei Rakosch; Smaragdsee in einem neueren Steinbruch bei Rakosch).

Zumindest einer der Herausgeber hat den beliebten Geografielehrer noch erlebt. Auf einem Foto am Ende von Kapitel II nimmt er ihn gelegentlich einer Wanderung mit seiner Mutter, Maja Philippi, in die Mitte. Rez. hat Wachner ebenfalls persönlich gekannt. Sein Haus stand neben unserem Obstgarten in der Oberen Sandgasse. 1952 war er dann plötzlich weg. Das war damals nichts Besonderes. Eine Reihe meiner Klassenkameraden in der zweiten Grundschulklasse traf dasselbe Schicksal. Sie waren aber nach ca. zwei Jahren wieder da, wenn auch nicht in ihren schmucken Häusern, auf welche Securitate-Leute ein Auge geworfen hatten, aber zumindest in der Stadt, wo sie meist bei Verwandten unterkamen. Wie aus Kapitel I (Biografisches) zu erfahren, war das Wachner nicht vergönnt. Er wurde nach Unterrakosch (ung. Alsórákos, rum. Racoșul de Jos) evakuiert. Aber er machte aus der Not eine Tugend und vertiefte dort seine bereits früher begonnenen Lokalstudien. 

Das Ergebnis ist eine Handschrift, die in Kapitel III unter dem Titel „Die Umgebung von Raco{ul de Jos“ in vorliegendem Buch erstmals veröffentlicht wird. Wilfried Schreiber schildert deren abenteuerliche Schicksale und bringt Farbfotos der beiden Spiralhefte, in der sie ursprünglich enthalten war. Aus ihr erfährt man, dass die Ortschaft ihren Namen von einem Bach hat, an dem sie liegt. Er wurde früher Krebsbach (ung. Rákpatak) genannt. Der Wasserlauf heißt heute Sóskútpatak (Salzbrunnenbach) und wird detailliert beschrieben. Der Ort war zunächst unitarisch, dann reformiert. Wachner beschreibt danach den großen Basaltsteinbruch. Er ist der größte Rumäniens. Der Basalt stammt aus einem Vulkanausbruch. Nach Beschreibung der Kalksteinbrüche und der Ziegelfabrik folgt diejenige des Alt-Durchbruchs durch das Perschaner Gebirge. Auf Wanderungen an beiden Alt-Ufern bewundert er den dortigen höchsten Berg, den Rákosi Töpe (820 m). Zu den sächsischen Ortschaften, die genannt werden gehören Hamruden  (ung. Homoród, rum. Homorod), Galt (ung. Ugra, rum. Ungra), Reps (ung. Köhalom, rum. Rupea) und Streitfort (ung. Mirkvásár, rum. Mercheasa). Bei alledem handelt es sich um eine wissenschaftliche Arbeit, die wichtige Fachliteratur zu Rate zieht. Dazu gehört vor allem die sechsbändige „A székely föld leirása“ (ung. „Die Beschreibung des Szeklerlandes“), Budapest 1868, von Orbán Balázs, Der dritte Band, aus dem er zitiert, ist der Háromszék (ung. Drei Stühle, rum. Trei Scaune) gewidmet. Bei dessen Autor handelt es sich um einen kongenialen szeklerischen Forscher des neunzehnten Jahrhunderts, der, wie Wachner selbst, alle Ortschaften ganzheitlich beschreibt mit ihrer Geografie, Geschichte, Archäologie, Religion, Bevölkerung, Kultur, Architektur und vor allem immer wieder der Geologie. Dabei waren ihm seine ungarischen Sprachkenntnisse sicher von Nutzen. Zu letzterer Wissenschaft veröffentlichte er Zeit seines Lebens zahlreiche international beachtete Forschungsergebnisse. Sicher wollte er die beiden genannten Hefte nochmals überarbeiten. So fehlen in den Zitaten aus der Szeklerland-Monografie Erscheinungsjahr und Seitenangaben des Riesenwerkes. Möglicherweise hatte er den Band überhaupt nicht nach Rakosch mitgenommen.

Auch am Ende seines dortigen Exils durfte Wachner aber nicht mehr in die Stadt und starb in Wolkendorf (ung. Volkány, rum. Vulcan) im westlichen Burzenland. Der Ort liegt südwestlich von seinem geliebten Kronstadt.

Aus dem ersten Kapitel des Buches, besonders aus den dort veröffentlichten Reden von Prof. Kurt Philippi geht hervor, dass Heinrich Wachner kein gebürtiger Kronstädter war. Er wurde in Neumarkt (ung. Marosvásárhely, rum. Târgu Mureș) als eines der sieben Kinder des Finanzbeamten Joseph Wachner geboren. Aber, wie er selbst in seiner bereits erwähnten eigenen Ansprache gelegentlich seines achtzigsten Geburtstages sagte, fühlte er sich Kronstadt aufs Innigste verbunden: „Darauf gründe ich meinen Anspruch auf volles Kronstädter Bürgerrecht“. Kein Wunder, hat er doch die letzten 27 Jahre (1919 - 1946) seiner 46 Jahre währenden Lehrtätigkeit am Kronstädter Honterus-Gymnasium unterrichtet. Laut Friedrich Philippi wurden seine dreizehn Lehrbücher zwischen den Jahren 1904 und 1938 verfasst also in seiner Freizeit neben der anstrengenden Lehrtätigkeit. Im Vergleich mit anderen ihrer Art sind sie von hervorragender Qualität. Wie deren Verfasser in seiner Rede zu seinem achtzigsten Geburtstag anschaulich berichtet, hatte er ein Pult neben seinem Bett stehen und schrieb täglich meist vier Stunden vor Unterrichtsbeginn. Nur so konnte er das riesige Arbeitspensum bewältigen, das man heute nur bewundern kann. Allerdings wurde dabei gar manches wie beispielsweise das Familienleben erheblich belastet, wie er selbst mit Bedauern feststellt.

Der Druck ist sehr angenehm und leserfreundlich und der Wunsch des Vorwortes, das Buch möge einen großen Leserkreis finden, geht sicher in Erfüllung, bringt es doch viel Unbekanntes und Wissenswertes.


Wilfried Schreiber, Friedrich Philippi (Hgg.), Heinrich Wachner (1877 – 1960). Ein bedeutender siebenbürgischer Lehrer und Naturwissenschaftler, Ecou Transilvan Verlag, Cluj-Napoca/Klausenburg, 2024, 197 Seiten. Nach der Buchvorstellung im Kronstädter Forum, die am 10. März stattfinden soll, kann das Buch mitgenommen werden.