„Ein Buch, das sich nicht leicht liest, aber gelesen werden muss“

Fingerzeig der Astra-Bibliothek auf die posthume Autobiografie von Priester Gherasim P²duraru

Pavel P˛duraru dankte ergriffen „jedem Einzelnen von Ihnen dafür, dass Sie zu dieser Präsentation gekommen sind!“ Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – Gleich doppelt zu Johann Sebastian Bach griff Cristian Florea (Jahrgang 1955), und beide Male hatte er auf seinem 1663 gebauten Violoncello von Maestro Giovanni Battista Grancino fühlbar mit den Takten des „fünften Evangelisten“ zu kämpfen. Bei der Schwere der Veranstaltung am Freitagnachmittag aber, dem 14. März, war es für ihn als Sohn eines 1974 von den kommunistischen Machthabern getöteten Regime-Kritikers aus Hermannstadt/Sibiu, der drei orthodoxe Kirchenchöre gegründet hatte, auch nicht weiter überraschend, dass Cristian Florea sich im Foyer des modernen von beiden Hauptgebäuden der Astra-Bibliothek zwar für eine markant unorthodoxe Spielweise entschied, jedoch das Kreuz seiner eigenen Biografie nur sehr bedingt vom Streichen all der herzerwärmenden Klänge auszusparen vermochte. „Ich hoffe, das Buch gelangt auch zu Leuten, die sich wünschen, dass es wieder zuginge wie vormals. Damit sie sehen, wie es anders wäre.“, resümierte Musiker Cristian Florea vor dem himmlische Töne anschlagenden G-Dur-Präludium aus Bachs Erster von Sechs Suiten für Cello solo, womit die Stunde zur Vorstellung der Autobiografie „Demascarea sau Taina porților zăvorâte“ von Priester Gherasim Păduraru (1922-1983) wortlos ihr Ende nahm („Die Enttarnung oder das Geheimnis der verriegelten Pforten“, Prut-Verlag Chișinău, 2023). Von Cristian Florea, der seit langen Jahren auch in Chișinău Karriere treibt, war zur Eröffnung die Sinfonia aus Bachs Kantate „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ gewählt worden.

Obschon sein Name mit auf dem Plakat auszumachen war, fand Bibliotheks-Direktor R²zvan Pop sich nicht ein. Die Hausherren-Rolle hingegen füllte souverän Priester und Universitäts-Dozent Constantin Necula aus, in der Öffentlichkeit niemals um ein Wort verlegen und jüngst zum Vorsitzenden des Astra-Vereins berufen. Schlussendlich nichts anderes als „das Evangelium nach Gherasim P²duraru“ wäre der schwarz broschierte Schmöker, den sein Sohn Pavel Păduraru 40 Jahre nach dem Tod des bessarabischen Autoren endlich herausgeben konnte. „Unsere Leute“ – gemeint Rumäniens führende Politiker bis vor wenigen Jahren – „haben die Moldau zu einer diplomatischen Spelunke umgewandelt“, giftete Constantin Necula knapp zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen. Und streute kurz vor Veranstaltungsende dadurch Salz in die Wunde, „dass wir nichts dabei finden, Harry Potter und von Zauberinnen zu lesen, die einem den Kopf auf den Besen ausrichten, doch über die Art und Weise, wie die Russen uns das Maschinengewehr an den Kopf gehalten haben, vermögen wir nicht zu sprechen.“ Das Misstrauen, die Buchvorstellung zum berührungsempfindlichen Thema von Manipulation der institutionalisierten Orthodoxie im historischen Bessarabien und der Republik Moldau unter strengst sowjetischem Einfluss bis Ende des Kalten Krieges könnte von den Referenten am Veranstaltungs-Podium missbräuchlich zugunsten der Gesellschaftssparte extremistisch verblendeter Wähler genutzt werden, war unberechtigt.

„Es waren ungünstige Zeiten, die Leute waren darauf angewiesen, zu glauben, und er wurde zur Gefahr für die Behörden. Liquidiert werden aber konnte er nicht, weil ihn die Leute stützten“, erzählte in der Astra-Bibliothek Historikerin Mariana Țăranu aus der Oblast Criuleni in der Republik Moldau, seit mehr als nur ein paar Jahren schon in Hermannstadt lebend. Priester Gherasim Păduraru hatte es nicht einfach als Geistlicher einer orthodoxen Kirche, die einem seinerseits von Konflikten durchtränkten Klerus ausgeliefert war und „Standhaftigen ein Bein zu stellen versuchte.“ Bei Gherasim Păduraru griffen die Widersacher gar zur hässlichsten Waffe des Arsenals: der zwanghaften Verabreichung von Drogen während der Internierung in einer politisch eingerichteten psychiatrischen Krankenstation. „Außerordentlich grausam war das sowjetische Regime in Bessarabien“, untermauerte Mariana Țăranu. „Ist das schwer zu glauben? Nein. Es ist schwer zu akzeptieren!”. Necula räumte am gleichen Nachmittag in Hermannstadt ein, dass „nicht der Atheismus mich schreckt, sondern die Dummheit, die aus ihm hervortritt.“

Zeitzeuge Pavel Păduraru empfindet dennoch „Sehnsucht“ nach seiner Kindheit: wegen „der Courage, die mein Vater an den Tag legte.“ Für Hass-Tiraden war er in der Astra-Bibliothek nicht zu haben. Eine Attitüde, die sich mit dem Hinweis von Constantin Necula darauf deckt, dass „Gherasim Păduraru in diesem Buch niemanden anklagt.“