„... das Mutigste ist, was wir tun können: immer wieder den Sinn dem Lärm vorzuziehen“

Bruchteile eines sich entwickelnden Geistes

Foto: Maison 36

Es gibt einen gewissen Druck, wann du 19 Jahre alt wirst. Nicht von außen – nicht seitens der Gesellschaft, der Eltern oder der Schule – sondern von irgendwo tief drinnen. Es ist die Art von Druck, die einem zuflüstert: „Du solltest jetzt wissen, wer du bist, was du willst und wo du hin möchtest.“ Du spürst immer öfter den Druck der Fragen wie: Was kommt als Nächstes? Was wirst du tun? Wer wirst du werden? Und während jeder klare Antworten erwartet, habe ich nur Bruchteile erlebt, Fragmente von Klarheit, Verwirrung, Verwunderung und Widerstand. Dieses jetzt ist gerade einer dieser Momente. Vorigen Monat habe ich meinen 19. Geburtstag gefeiert. 

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das wirklich bedeutet, aber es fühlt sich an wie das Alter, in dem man sich plötzlich einem Spiegel gegenübersieht, dem man sein ganzes Teenagerleben lang ausgewichen ist. Man ist kein Kind mehr, aber man ist auch noch nicht ganz erwachsen. Es ist dieser seltsame Zwischenraum – in dem ich mich mehr als einmal wiedergefunden habe – voller Nostalgie und einem tiefen Bedürfnis, zurückzugehen, zurück zu der sorglosen Version von mir selbst, deren größtes Problem einst darin bestand, dass sich meine Spielsachen vernachlässigt fühlten, weil ich ihnen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Aber wenn man die Sehnsucht und das Gefühlschaos erst einmal überwunden hat, gibt einem dieser Zwischenraum tatsächlich etwas Mächtiges: Freiheit. „Ab jetzt kann ich alles tun was ich möchte. Ich bin ERWACHSEN!“

„Ich wollte endlich wirklich leben...“

Und diese Gelegenheit habe ich mir nicht entgehen lassen. Genau vor einem Jahr hatte ich meine Abiturprüfung bestanden, ziemlich gut sogar. Nur wollte ich diesem Druck des Werdegangs nicht nachgeben, gleichzeitig aber auch vor der Verantwortung und dem Erwachsensein nicht weglaufen. Jahrelang war ich hin- und hergesprungen zwischen verschiedenen Karrierewegen, die mir vielleicht hätten gefallen können – vom Gartenbau bis zur Städteplanung – und hatte noch immer keine klare Vorstellung davon, was ich nach meinen Abschluss machen wollte. Ehrlich gesagt, wollte ich eigentlich überhaupt nichts tun. Ich wollte einfach nur Bukarest verlassen und die Welt erkunden, Neues erfahren, ich wollte endlich wirklich leben, im wahrsten Sinne des Wortes. 

Man hat mir vorgeworfen, dass ich nur Zeit vergeude, kostbare Zeit für mein Leben – aber ich glaube, dass ich mir in diesem letzten Jahr eigentlich Zeit gekauft habe. 

Zwar habe ich es nicht geschafft, die ganze Welt zu bereisen, aber ich habe eine der wildesten und tollsten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Ich durfte auf der anderen Seite der Welt, auf der Paradiesinsel Bali, mehrere Monate verbringen und in der Aufbauphase eines Hostels mithelfen. Alles an dieser Erfahrung war genau so, wie ich es mir erhofft hatte: neu, spontan, ungeplant, innovativ, intensiv und völlig lebendig. Und nicht nur der Aufbau des Unternehmens, sondern auch die Leute dort, der Verkehr, das Essen – es war alles einfach... intensiv.

Als es wieder an der Zeit war, abzureisen, konnte ich nur beten, dass etwas dazwischen kommt, dass mein Flug gestrichen wird, dass der Flughafen einfach vom Erdboden verschlungen wird, dass mich vielleicht irgend etwas davon abhalten würde, wieder nach Hause zu fliegen – diesmal, ganz allein, ohne Familie, ohne Freunde, nur auf mich gestellt, von der anderen Hemisphäre nach Bukarest. 

„Alles fühlte sich einfach falsch an“

Die Rückkehr in die „normale Welt“ war viel schwieriger, als ich erwartet hatte. Eine Zeit lang habe ich mir daheim, in meinem Zimmer sogar gewünscht, gar nicht erst nach Bali geflogen zu sein, damit ich mich bei meiner Rückkehr nicht so niedergeschlagen fühle. Bekannte hatten mich bereits vor einer derartigen Reaktion gewarnt, ähnlich den Entzugserscheinungen im Falle von Drogen. Nichts erinnerte mich daheim an „intensiv“, „frei“ oder „spontan“. Alles schien einfach... daneben zu sein. Alles fühlte sich einfach falsch an. Oder vielleicht hasste ich nur die Tatsache, dass ich daheim Sachen tun „musste“, wer weiss...

Etwa zur gleichen Zeit habe ich begonnen, in einer Event-Band mitzuwirken. Das war eigentlich der Hauptgrund, weswegen ich nach Hause zurückkehren musste. Ich spiele Klavier, seit ich fünf Jahre alt bin, und dachte mir, damit eine Karriere aufzubauen, aber nicht mit klassischen Stücken. Auch wenn diese Beschäftigung anfangs überhaupt nicht herausfordernd schien, zeigte sie sich bald viel komplizierter, als ich erwartet hatte. Ich hasse und liebe sie zugleich, oftmals während desselben Tages. Wir spielen auf Hochzeiten, Partys, privaten Auftritten – und obwohl es eigentlich nicht so glamourös ist, wie es vielleicht klingt, ist es eine der anregendsten Sachen, die ich machen muss. Vor Menschen zu spielen – unter echten, atmenden Menschen, deren Reaktion auf deine Töne du gleich spüren kannst, nicht nur vor einem Online-Publikum oder weit weg auf einer Bühne, unter Dutzenden sonstigen Musikern – bietet mir stets eine unverfälschte, unmittelbare Rückmeldung und somit eine ständige Herausforderung. Habe ich den Auftritt vermasselt? Du musst dich konzentrieren, Raluca. Bin ich erschöpft nach den Proben? Reiss dich zusammen, Raluca. Wann ich mich aber gut fühle und aus ganzem Herzen entspannt spiele, kann ich sehen, wie der ganze Raum meinem Gemüt hinterherläuft. Diese Auftritte haben mich gelehrt, wie ich mich vor anderen vorstellen soll, wie ich selbst an meinen schlimmsten Tagen engagiert sein kann, wie ich mit ungeplanten Situationen umgehen und trotzdem etwas leisten kann.

Der Druck des Werdegangs ist aber nicht erloschen. Wir wissen nähmlich alle, wie sehr die Gesellschaft einen Uni-Abschluss schätzt. Und obwohl ich es nicht wollte, habe ich mich dieses Jahr bemüht, einen Studiengang zu finden, der mich wirklich interessiert, etwas, das mir vielleicht sogar Spaß machen könnte. Und ich habe mich für Tourismus entschlossen.

„Es ging mir immer nur darum, einen Sinn zu finden“ 

Eigentlich gefällt es mir, neue Sachen zu lernen, also hoffe ich, dass dieses neue Studium etwas Interessantes wird, nur... bin ich nach Gesprächen mit ehemaligen und derzeitigen Studenten ein bisschen pessimistisch. Ich weiß nicht ob die Realität meinen Erwartungen entsprechen wird, ob die Vorlesungen so interessant sein werden, wie ich mir erhoffe, ob die Professoren so engagiert sein werden, wie ich schätze oder ob sie eigentlich überhaupt nicht da sein wollen. Und ich befürchte, dass das außerschulische Angebot und die praktischen Zusatztätigkeiten nur zur Show dastehen. Ich hätte mir gewünscht, dass das Bildungswesen mehr auf die Art und Weise abgestimmt wäre, wie ich und viele meiner Kollegen lernen, dass die Schule oder die Uni ein Ort ist, an dem wir Studierende durch sinnvolle und tiefgründige Erfahrungen wirklich seelisch wachsen und uns entwickeln können. Ich habe niemals wirklich in die traditionelle Art des Lernens hi-nein gepasst: Fakten und Daten auswendig zu lernen, um Tests zu bestehen, nur um kurz darauf alles wieder zu vergessen. Stattdessen habe ich mich in so viele Projekte und Aktivitäten wie möglich gestürzt (danke, Mama, ohne dich hätte ich das nicht geschafft!) – in solche, die mich wirklich weitergebracht haben.

Seit Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich – organisiere Freizeiten oder Veranstaltungen, arbeite mit Kindern, kümmere mich um die Umwelt und helfe bei Gemeindeprojekten. Sicher, all diese Zertifikate und Diplome sehen auf dem Papier gut aus, aber mir war niemals danach, einen Lebenslauf aufzubauen. Es ging mir immer nur darum, einen Sinn zu finden. Es ging mir darum, Teil von etwas zu sein, das größer ist als ich selbst, und es ging mir darum, zu helfen. 

Dabei sind mir mehrere Projekte ans Herzen gewachsen. Darunter zählen sicherlich: das Pfadfinder-Zentrum, bei dem wir zahlreiche Naturreisen und Umweltprojekte organisiert haben. Ebenso die verrückten stadtweiten Schatzsuchen meiner Mutter mit ihrem Unternehmen „Bucharest Hunts“, bei denen die Teilnehmer, meistens Kinder und Jugendliche, die Stadt mit ihrer tatsächlichen, teilweise versteckten Schönheit, kennenlernen durften, nicht nur als Passanten. Zusammen mit meinem Bruder haben wir bei fast allen Projekten mitgewirkt und konnten uns jedes Mal über die Begeisterung in den Augen der Teilnehmer erfreuen. Trotz aller Vorplanung war alles unvorhersehbar, ja manchmal sogar chaotisch, sicherlich aber lustig – und überraschend sinnvoll. Es war eine Erinnerung daran, dass man für zwischenmenschliche Beziehungen nicht vieles braucht. Nur den richtigen Kontext, auch wenn es „nur“ eine Schatzsuche ist. Es ist eben so toll, Situationen zu schaffen, in denen sich die Menschen wahrgenommen und einbezogen fühlen, und in denen sie die Freiheit haben, sie selbst zu sein.

„Wir wollen nicht einfach nur Kästchen ankreuzen...“

Wenn es um meine Generation geht, sagen die Leute oft, wir seien verloren, wir seien nicht bereit, zu arbeiten oder uns zu engagieren, wir würden zu viel scrollen oder wir würden unsere Meinung zu oft und zu leicht ändern. Auch würde es uns an Disziplin mangeln. Vielleicht ist das eine oder das andere davon wahr. Aber wir sind auch eine Generation, die nach einem tieferen Sinn sucht. Wir wollen nicht einfach nur Kästchen ankreuzen oder Regeln befolgen, nur um der Sache willen. Wir wollen uns Zeit nehmen, unser eigenes Ich zu verstehen und Wege wählen, die uns wirklich etwas bedeuten.

Ich habe sicherlich nicht alle Antworten, aber ich glaube, dass wir jungen Menschen von heute mehr sind als die Stereotypen, die man uns eingetrichtert hat. Wir werden oft missverstanden. Man wirft uns vor, faul oder unentschlossen zu sein und nicht ehrgeizig genug zu sein. Dabei versuchen die wenigsten, die Welt durch unsere Augen zu sehen, eine Welt, die unseren Träumen fast „feindlich“ gesinnt ist – sei es wirtschaftlich, sozial, politisch oder ökologisch. Wir müssen auf unseren Schultern eine Last tragen die wir uns nicht gewünscht haben und die uns niemand beigebracht hat, wie sie zu tragen ist. Man hat sie uns einfach übergeben und wir müssen uns irgendwie mit ihr zurecht finden.

Wir sind so oft aufgefordert, uns für einen Weg zu entscheiden und ihn „endlich“ einzuschlagen. Viele von uns sind aber erst dabei, herauszufinden, wie unsere Welt eigentlich aussieht und welche Wege uns geboten werden. Und das ist auch gut so. Der Druck, bis zu einem bestimmten Alter alles im Griff zu haben, ist überwältigend. Und wahrscheinlich gerade deswegen begnügen sich viele meiner Generation damit, den sicheren, vorgepredigten Weg einzuschlagen, und dabei alles wegzulassen, was sie tatsächlich begeistert und bewegt.

„…fühlen wir, dass uns niemand zuhört. Leider“

Ja, viele von uns denken auch darüber nach, auszuwandern. Sei es auf der Suche nach besseren Möglichkeiten oder einfach nur nach einem Gefühl von Freiheit, weg von dem Druck des „alles im Griff haben“. Aber Weggehen ist kein Verrat, es ist Teil der Weiterentwicklung, des Lernens. Und manchmal kommen wir auch zurück, mit neuen Ideen. Nur... so sehr es auch schmerzt, es zuzugeben, leider scheint es nur allzu oft wahr zu sein: selbst wenn wir zurückkommen und etwas ausdrücken wollen, fühlen wir, dass uns niemand zuhört. Leider.

Trotz allem ist es – zumindest für mich und viele meiner Freunde – wichtig, dem treu zu bleiben, was wir sind. In einer Welt, die sich zu laut, zu schnell, zu verkehrt anfühlt, fühlen wir, dass es das Mutigste ist, was wir tun können: immer wieder den Sinn dem Lärm vorzuziehen, immer wieder aufzutauchen und für unsere Überzeugungen gerade zu stehen, ständig weiter zu träumen, ständig etwas aufzubauen. Auch wenn es einfacher ist, wegzugehen.

Und wenn wir es schaffen, etwas Schönes, etwas Gutes zu hinterlassen, dann sind wir vielleicht nicht nur durchs Leben gepatscht – vielleicht haben wir unser Leben wirklich gelebt, für uns und für die anderen mit und neben uns. 

(Übersetzung von Șerban Căpățână)