„Lehrer müssen lieben, was sie tun!“

Herausforderungen bei der Integration von Schülern aus verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen an den deutschen Schulen in Rumänien

A. o. Prof. Dr. Marianne Koch, Dozentin am Department für Germanische Sprachen und Literaturen an der Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest

Es gibt in Rumänien ein historisch gewachsenes, von der deutschen Minderheit begründetes, deutschsprachiges Schulsystem. Eine ständige Herausforderung ist dessen Erhalt nach der Abwanderung der Rumäniendeutschen in Massen nach der Wende. Doch längst nutzen nicht nur Deutsche oder Kinder aus gemischten Familien die deutschen Schulen. Sie erfreuen sich als potenzielles Karrieresprungbrett oder Qualifikation für eine Universität in den DACH-Ländern auch hoher Beliebtheit in der rumänischen Mehrheitsgesellschaft. Die Rettung der deutschen Schulen durch dieses Phänomen bringt aber auch Probleme mit sich: So spricht längst nicht mehr jedes Schulkind zuhause Deutsch, viele Eltern können kein Deutsch, es mangelt an deutschsprachigen Lehrern und in den Pausen ist die Umgangssprache längst Rumänisch. Über die Herausforderungen bei der Integration von Schülern mit nicht-deutschem kulturellen und sprachlichen Hintergrund sprachen Sepideh Dadar, Sara Zapodeanu, Mălina Pavel und Bogdan Crișan mit A. o. Prof. Dr. Marianne Koch, Dozentin am Department für Germanische Sprachen und Literaturen an der Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest. Zu ihren Lehr- und Arbeitsschwerpunkten gehören Methodik-Didaktik für Deutsch als Fremdsprache, Landeskunde, Textlinguistik, Lehrerfortbildung, sowie das Verfassen von Lehrmaterialien zum Fremdsprachenunterricht und zur Lehrerfortbildung.

Frau Koch, welche sind Ihrer Meinung nach die größten He-rausforderungen bei der Integration von Schülern aus verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen in deutschen Schulen in Rumänien?

Bis 1989 gab es in Rumänien eine deutschsprachige Minderheit, die zeitweise bis zu fünf Prozent der Bevölkerung ausmachte. Diese verfügte über ein gut ausgebildetes Schulsystem. Wenn bis 1989 die deutschen Schulen hauptsächlich von solchen Kindern besucht wurden, die zu Hause Deutsch sprachen, ist heute die Erstsprache der Mehrheit der Schüler und Schülerinnen an deutschen Schulen oder Abteilungen Rumänisch. Der Anteil von „Muttersprachlern“ an deutschen Schulen in Siebenbürgen liegt unter zehn Prozent und in Bukarest unter drei Prozent. Der Unterricht verläuft in diesen Klassen auf Deutsch, wobei Rumänisch die Umgangssprache aller Schüler ist, auch derer, die sich selbst als Deutsche bezeichnen. Der Gebrauch des Deutschen außerhalb der Schule ist in den meisten Fällen auf die Familie beschränkt. Da also an deutschsprachigen Schulen in Rumänien fast nur rumänische Kinder lernen, ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung für die Lehrer. Sie müssen gleichzeitig mit dem Lernen von Deutsch auch Unterrichtsinhalte in deutscher Sprache vermitteln. Dazu könnten sie sich den Sprachvergleich zwischen den beiden Sprachen, Rumänisch und Deutsch, zunutze machen und Strukturunterschiede bewusst machen, was auf einem bestimmten Sprachniveau sehr hilfreich sein kann, da Sprachvergleich eine Methode des Grammatiklernens ist, die systematisch eingesetzt werden kann.

Da die zu lernende Sprache sich einer hohen Akzeptanz in der Gesellschaft erfreut, wird sie von vielen Eltern als eine Investition in die Zukunft ihrer Kinder betrachtet. Die Eltern erhoffen sich, dass ihren Kindern am Ende ihrer Ausbildung damit alle Wege offenstehen, dass sie „fit“ für die Zukunft sind, denn  Deutsch ist einfach ein Plus.

Eltern wollen ihren Kindern mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschaffen, aber gleichzeitig erhoffen sie sich auch eine Auswirkung dieses Unterrichts auf die Persönlichkeitsbildung sowie die interkulturellen Fähigkeiten ihrer Kinder. Die Chance, die eine deutsche Schule bietet, ist nicht nur die Sprache zu lernen, sondern sie vermittelt auch die Werte der deutschen Minderheit, die man dann auch übernimmt. Die Schüler werden ermutigt, eine eigene Meinung zu haben, frei zu denken, eine gute Arbeitsethik wird vermittelt und interkulturelle Kompetenzen entwickelt, betonte in einem Interview Alexandra Tudor, die Beraterin für Deutsch in der Minderheitenabteilung des rumänischen Bildungsministeriums und Vizepräsidentin des DLVR/Deutschlehrerverbands Rumäniens. Und das finde ich sehr wichtig! In diesen Schulen wird Deutsch auf Muttersprachenniveau unterrichtet, das bedeutet, dass von der Vorbereitungsklasse bis zum Abitur die meisten Fächer auf Deutsch unterrichtet werden – theoretisch zumindest. In der Praxis fehlt es oft an Fachlehrkräften, die ihre Fächer auf diesem Sprachniveau beherrschen.

Diesen Mangel an deutschsprachigem Fachpersonal bekommen vor allem die Schüler zu spüren, denn wenn es keine deutschsprachigen Lehrer gibt, werden sie durch rumänische Lehrer ersetzt. Ein Grund für den Lehrermangel ist, dass mehr Lehrkräfte in Rente gehen als junge deutschsprachige Kollegen nachkommen. Außerdem gehen Hochschulabsolventen vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern häufig in die Wirtschaft, denn der Lehrerberuf ist nicht so attraktiv. Auch innerhalb Rumäniens wächst die Bedeutung der deutschen Sprache, da deutsche Firmen stark in Rumänien vertreten sind. So ist Deutsch auch aus ökonomischen Gründen eine attraktive Sprache geworden.

Da viele Schüler sich ihrer Schwächen bzw. Grammatikfehler bewusst sind, nehmem sie auch privaten Nachhilfeunterricht, weil ihnen die Eltern nicht helfen können. So investieren manche rumänische Eltern zusätzlich in die deutsche Sprachausbildung ihrer Kinder. Das sind meist sozial, ökonomisch und kulturell besser positionierte Familien.

Zur Motivation der Lehrkräfte, die Fächer auf Deutsch auf Muttersprachniveau unterrichten, gibt es zwei Mal im Jahr eine kleine zusätzliche finanzielle Aufwandsentschädigung, zusätzlich zum Lehrergehalt. Das Geld dafür kommt im Rahmen des Projekts „Förderung von Lehrkräften im deutschsprachigen Schulwesen Rumäniens“ aus Deutschland.

Welche Methoden haben sich als besonders effektiv erwiesen, um Schüler sprachlich und kulturell zu integrieren?

Trotz der starken Abwanderung der deutschsprachigen Minderheit hat sich das deutschsprachige Schulwesen gut erhalten. Jährlich machen ca. 1000 Schüler das deutsche Abitur oder das rumänische  Bakkalaureat mit dem Prüfungsfach DaM (Deutsch als Muttersprache) oder absolvieren das deutsche Sprachdiplom B2/C1 – und damit haben sie die Berechtigung in Deutschland zu studieren, was von vielen Schülern auch genutzt wird. Die Aussicht auf einen Studienplatz in Deutschland bewegt viele Eltern, ihre Kinder in die deutsche Abteilung zu schicken.

Bis zur 4. Klasse werden alle Fächer auf Deutsch unterrichtet, die Lehrer haben eine bessere Kontrolle über den Gebrauch der deutschen Sprache, und das auch in den Pausen. Ab der 5. Klasse wird das Fachlehrerprinzip angewendet. Einige der Fachlehrer beherrschen die deutsche Sprache gut, andere weniger gut. Daher muss das Fach Deutsch Lücken füllen, die wegen Lehrermangel in verschiedenen Fachbereichen entstehen. Die Kompetenzen der Kinder in der deutschen Sprache sind zum Zeitpunkt der Einschulung unterschiedlich. Es gibt wenige Kinder pro Klasse, die Deutsch als Erstsprache gelernt haben oder in bilingualen Familien aufwachsen. Die meisten Kinder wachsen mit Rumänisch als Muttersprache auf, haben aber bereits einen deutschen Kindergarten besucht. Bei ihnen ist das Hörverständnis bis zu einem bestimmten Grad entwickelt. Ebenso können sie einfache Erzählungen auf Deutsch bewältigen.

In der Schule erfolgt die Unterrichtsführung eher traditionell, es wird auf Schönschreiben geachtet und die Vermittlung der Sprache erfolgt stark gesteuert, die Lehrkräfte greifen häufig korrigierend ein und verbessern Satzmuster und Wortschatz. Im Anfangsunterricht wird der Schriftsprachenerwerb stark auf die Fibel und das Sprachbuch bezogen, offene Schreibaufgaben sind eher  seltener. Beim Schreiben werden oft gelernte Wörter und Formulierungen in Satzmuster gepackt. Die Sätze berücksichtigen vor allem die Wortstellung ausgehend vom Verb als Kern des Satzes und wenig Inversion. Auch in den späteren Klassen sind die Texte in den Satzmustern nicht sehr abwechslungsreich, es werden selten Satzgefüge mit subordinierenden Verknüpfungen gebildet. In der Morphologie wird großen Wert auf formale Richtigkeit gelegt – Genuszuweisung, Präpositionen, unregelmäßige Verbformen, Gebrauch von „haben“ und „sein“ im Perfekt – und weniger ausgeprägt sind die Kompetenzen im Bereich der Syntax.

Das ist auch mit der Lern- und Lebenssituation der Schüler und der Bedeutung des Deutschen in der Gesellschaft zu erklären. Die rumänischen Schüler müssen im Alltag nicht auf Deutsch kommunizieren und die Lehrer stellen sich darauf ein, dass die Schüler bis zum Ende der Schulzeit die Sprache noch lernen können, eine Lernzeit, die bis zum Abitur reicht. Und die meisten Schüler erwerben das Abi, viele auch das DSD, das Deutsche Sprachdiplom - ein Beweis für die Richtigkeit dieser Einstellung! Das zeigt, dass man im Laufe der Schulzeit eine Zweitsprache auf hohem Niveau erwerben kann und dass die Zweitsprache nicht von Anfang an perfekt beherrscht werden muss.

Was könnten deutsche Schulen in Rumänien tun, um die Integration noch besser zu fördern?

Lehrer müssen lieben, was sie tun!

Regelmäßige Fortbildungen der Lehrer, sowohl für jene im Primarbereich als auch in der Sekundarstufe 1 und 2. Und das gilt auch für Fachlehrer, die in deutscher Sprache unterrichten. Dazu bietet das ZfL in Mediasch/Media{, die beste Plattform. Das Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache (ZfL)  besteht seit 1998 und ist eine Einrichtung des rumänischen Ministeriums für Bildung und Forschung. Aufgabe des Zentrums ist die Fortbildung aller Lehrkräfte, die in Rumänien das Fach Deutsch als Mutter- oder Fremdsprache unterrichten, im deutschsprachigen Grundschulbereich tätig sind, sowie der Erzieherinnen deutschsprachiger Kindergärten. In der Regel veranstaltet das ZfL Wochenendseminare, mitunter ein- bis zweiwöchige Seminare. Für Lehrerinnen und Lehrer aus der Grundschule, für solche des Fachs Deutsch als Fremdsprache sowie für Erzieherinnen finden die Veranstaltungen in regionalen Zentren statt: Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Brașov, Miercurea Ciuc, Sathmar/Satu Mare, Temeswar/Timioșara, Reschitza und an anderen Orten. Lehrkräfte des Fachs Deutsch als Muttersprache oder solche, die deutschsprachigen Fachunterricht erteilen, kommen zu den Seminaren in die geografisch zentral gelegene siebenbürgische Kleinstadt Mediasch, in der das Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache seinen Sitz hat.

Zurzeit hat das ZfL sieben angestellte Fortbilder: drei für Deutsch als Fremdsprache, je einen für Kindergarten, Grundschule und deutschsprachigen Fachunterricht, dazu den Leiter. Als Referenten werden oft Lehrkräfte aus verschiedenen Schulen oder Kindergärten des Landes hinzugezogen, manchmal auch aus dem Ausland. Das ZfL arbeitet zusammen mit Institutionen des rumänischen Bildungsministeriums (Lehrerhäusern, Schulinspektoraten) und mit deutschen Institutionen in Rumänien (Fachberatern der Zentralstelle für deutsches Auslandsschulwesen Köln, ifa, Goethe-Institut Bukarest).

Wie können Lehrerbildung und Lehrmaterialien sowie Lehrmethoden die Integration von Schülern in deutschen Schulen in Rumänien verbessern?

Die Weiterbildung (methodischer Masterstudiengang, Grünes Diplom des GI) und der Einsatz von guten Lehrbüchern sind sowohl für den Lehrer als auch für den Schüler Fixpunkte. Keine Lehrbücher bedeutet für den Lehrer Mehrarbeit und für die Schüler Papierchaos. Das Angebot im Netz ist groß, doch man kann sich verzetteln, man braucht einen Leitfaden. Lehrbücher sind besonders wichtig, da ein Lehrer im Laufe eines Jahres es sich nicht leisten kann, für jede einzelne Stunde eigene Beiträge zu erstellen oder das passende aus dem Internet zu suchen. Außerdem bietet ein Lehrbuch Orientierung und eine logische Anordnung der Inhalte, die man beliebig verwenden oder abändern kann, die eine Progression enthalten.

Sie können auch als Inspiration dienen, um Materialien zu konzipieren, die an die jeweilige Klassengemeinschaft angepasst sind, die didaktische Aufbereitung der Themen kann vor allem für junge Lehrer eine Hilfe sein, sie kann jedoch auch ergänzt oder sogar ersetzt werden.

Es gibt Lehrwerke für die Grundschule 1-4 und es wurden sehr gute Lehrwerke für Deutsch als Muttersprache für die Klassen 5-7 fertiggestellt, sowie Modell-sätze für die Vorbereitung auf die Prüfung am Ende der 8. Klasse. Notwendig sind auch neue Lehrbücher für die Lyzealklassen. In Zusammenarbeit mit dem GI, der ZfA, dem DLVR werden neue Lehrpläne für die Klassen 9-12 erarbeitet, die vor allem an die neuen Realitäten und den Arbeitsmarkt angepasst werden müssen.

Welche Rolle spielen Projekte und der Einsatz von Medien in der Sprachförderung an deutschen Schulen in Rumänien?

Der DaM Unterricht erfolgt fast ausschließlich im Klassenzimmer und die deutsche Sprache spielt im Alltag der Lerner kaum eine Rolle. Rumänisch ist die Umgangssprache aller Schüler, auch derer, die sich selbst als Deutsche bezeichnen. Bei diesen ist der Gebrauch der deutschen Sprache meist auf die Familie beschränkt. Die meisten Schüler sind nicht gezwungen, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Sprachkompetenz zu nutzen. Daher ist es notwendig, Projekte zu gestalten, in denen sie auch im Alltag mit der deutschen Sprache konfrontiert werden. Und damit meine ich die Kontaktaufnahme zu deutschen Institutionen in Rumänien bzw. Bukarest während bestimmter Schulwochen, die nicht auf dem klassischen Unterricht basieren (Săptămâna Altfel, Săptămâna Verde ua.), Partnerschaften mit Schulen aus Deutschland oder den anderen deutschsprachigen Ländern wie Österreich oder Schweiz, den Schüleraustausch. Auch eine intensive Nutzung der Online-Medien, um Kontakt zur deutschen Sprache herzustellen (Podcasts, Radiosendungen hören, Filme schauen, Nachrichten) ist wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das vorliegende Interview ist im Rahmen einer Kooperation zwischen der ADZ und dem Department für Germanische Sprachen und Literaturen der Universität Bukarest entstanden, unter Anleitung von Dozentin Ioana Cusin und Chefredakteurin Nina May. Im Masterstudiengang SCILL befassten sich die Studenten in Arbeitsgruppen mit verschiedenen Formen journalistischen Schreibens, ausgehend vom Buch „Die Stilistik – eine Disziplin zwischen den Stühlen? Wissenschaftliche Ansätze zu Stilbegriff, Stiltheorien und Stilanalysen“ von Mariana-Virginia Lăzărescu (Editura Universității din București), in dem unter anderem das Thema Stil in der Presse behandelt wird.