Vier Jahre war Kerstin Ursula Jahn Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt/Sibiu. Zuvor war sie in Frankreich, Polen, Burkina Faso und Namibia eingesetzt. Ende Juni ging ihre hiesige Amtszeit zu Ende – ihr nächster Einsatzort ist Bordeaux. Über die Zeit in Rumänien hat ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht mit ihr gesprochen.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie in Ihrer ersten Stelle Ihr Herz in Paris gelassen haben. Wie wird das mit Hermannstadt sein?
Eigentlich war es anders herum. Ich habe mein Herz nicht dort gelassen, sondern trage Paris seitdem im Herzen. Angelehnt habe ich mich damit an Ernest Hemingway: Mit 21 Jahren habe ich kurz vor meinem ersten längeren Auslandsaufenthalt das Buch „Paris – ein Fest fürs Leben“ geschenkt bekommen. Darin steht: „Wer das Glück hatte, als junger Mensch in Paris leben zu dürfen, wird diese Stadt sein Leben lang im Herzen tragen.“ Ich habe mein Herz wieder mitgenommen, aber tatsächlich war dieser erste Auslandsaufenthalt für mich sehr prägend. Danach sind einige Orte auf der Welt hinzugekommen, die ich in meinem Herzen trage und Hermannstadt wird einer davon sein.
Was war Ihr erster Eindruck von Hermannstadt?
Mein Mann und ich haben uns von der Autobahn aus angenähert, einen ersten Blick auf die Stadt erhascht und dahinter die Karpaten gesehen. Und dachten: Wow – wie schön es hier ist!
Wie haben Sie 2021 Ihre erste Veranstaltung zum Brukenthal-Jubiläum erlebt? Aus der Perspektive vieler Menschen hier war das vermutlich eine Feuertaufe.
Auch aus meiner Perspektive war es das. Denn lange war nicht klar, ob ich teilnehme. Die offizielle Bestätigung der rumänischen Regierung, hier als Konsulin arbeiten zu dürfen, stand noch aus, ich konnte daher nicht offiziell als Konsulin der Bundesrepublik Deutschland auftreten. So war es im Vorfeld ein Wechselbad der Gefühle, schließlich der Kompromiss: ich würde als „designierte Konsulin teilnehmen“. Am Freitag, den 23. Juli, habe ich meinen Dienst angetreten und wusste, dass ich am Montag, den 26. Juli, eine Rede halte: Zu einem Baron – ehrlicherweise gebe ich das jetzt hier zu – von dem ich bis dahin quasi nichts gehört hatte. So stand mein erstes Wochenende im Zeichen einer intensiven Vorbereitung. Für mich ist diese Zeit extrem präsent, denn es sind die ersten Eindrücke von einem Ort, an dem man vier Jahre seines Lebens verbringen wird, gepaart mit Vorbereitungen auf den allerersten Auftritt. Daran habe ich sehr intensive Erinnerungen: Am Abend des 23. Juli waren wir bei einem Konzert in Rothberg/Ro{ia. Dort habe ich das erste Mal Eginald Schlattner gesehen, von dem ich schon ein Buch gelesen hatte. Am Samstag waren wir im Teutsch-Haus in der Ausstellung über die Siebenbürger Sachsen, am Sonntag im Brukenthal-Museum. Unter diesen Einflüssen habe ich abends meine Rede geschrieben. Es war eine stressige Situation, aber es gab vielen Gelegenheit, mich kennenzulernen und es haben mich auch Jahre später noch Menschen auf diesen Auftritt angesprochen.
Was hat Sie hier vor Ort zu Beginn am meisten überrascht?
Insbesondere in den ersten Wochen, dass so viel Deutsch gesprochen wird. Und zwar nicht von den Siebenbürger Sachsen, bei denen es ja klar ist, sondern auch von den Menschen, die in rumänischsprachigen Familien aufgewachsen sind und beispielsweise auf dem Brukenthal-Gymnasium waren.
Und bezogen auf die deutsche Minderheit?
Ich habe mich im Vorfeld mit der deutschen Minderheit in Rumänien beschäftigt. Innerhalb von vier Jahren lernt man dann immer weiter dazu; das habe ich in meiner Abschiedsrede anklingen lassen: Man kann viel über die Rahmengeschichte der Minderheit lesen, aber es gibt unzählige individuelle Geschichten, die ein Teil davon sind. Überrascht hat mich, wie die Menschen sich uns geöffnet und uns ihre individuellen oder ihre Familiengeschichten erzählt haben. Es ist schon einzigartig: Eine noch so wache Tradition, die so eng mit uns Deutschen verknüpft ist. Das hohe Ansehen, das die deutsche Minderheit und die deutsche Sprache hier genießen. Es gibt nur noch wenige Angehörige der deutschen Minderheit – sie saßen und sitzen hier zum Teil in Schlüsselpositionen, gewählt mit den Stimmen der Mehrheitsbevölkerung. Diese Einzigartigkeit ist sehr vielschichtig.
Spiegelt sich das medial in Deutschland?
Man muss ein Grundinteresse dafür mitbringen. Dann findet man, dass es sich spiegelt – aber nicht unbedingt in den Massenmedien. Dort werden oft Klischees bedient, wenn Skandale passieren. Aber es gibt gute Dokumentarfilme oder tolle Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie Iris Wolff, die mittler-weile sehr bekannt ist in Deutschland und schon zahlreiche, wichtige Preise für ihr Werk erhalten hat.
Wie hat Ihnen Ihre Verbundenheit mit Frankreich hier geholfen?
Dadurch, dass ich gut Französisch spreche, habe ich rumänische Texte sehr schnell verstehen können. Natürlich ist der slawische Anteil in der Sprache dennoch nicht zu unterschätzen. Dann gibt es Mentalitätsähnlichkeiten: Diese einfache, herzliche Freundlichkeit und Offenheit, die nicht oberflächlich ist, sondern tatsächlich von Herzen kommt.
War Ihnen vorher bewusst, wie „historisch gewachsen multikulturell“ es hier vor Ort ist?
Überhaupt nicht. Wir haben beim Großen Sachsentreffen 2024 bemerkt, dass auch hochgestellte Politiker, die sich mit Siebenbürgen und seiner Geschichte beschäftigt haben, gerade von diesem Aspekt des multikulturellen Miteinanders sehr überrascht waren. Dieser Satz „Hier sieht man, dass Europa funktioniert“ aus der Runde der CDU/CSU-Abgeordneten, die damals angereist waren, veranschaulicht das. Man kann sich das vorher nicht vorstellen – aber man erlebt es dann hier. Es könnte ein Paradebeispiel sein und sollte immer wieder zitiert werden.
Könnte man sich davon etwas für Deutschland abschauen?
Man kann das nicht übertragen. Es ist über Jahrhunderte historisch gewachsen und hat im vergangenen Jahrhundert eine riesige Zäsur erfahren. Daraus ist wieder Neues entstanden. Man kann sich das Ergebnis ansehen, das wir im Moment haben und das aber wiederum weiter im Wandel ist. Es ist nachahmenswert und man sollte sich immer fragen, wie man so etwas Ähnliches erreichen kann. Aber wir können uns davon nichts abschneiden und sagen, wir machen das jetzt genau so. Wir müssten es anders angehen in Deutschland. Aber es wäre wunderbar, wenn man im Ergebnis eine ähnlich tolerante Gesellschaft und ein offenes Miteinander erreichte, wie es hier ganz selbstverständlich gelebt wird.
Wie entwickeln sich Ihrer Meinung nach die westlichen Sichtweisen auf die osteuropäischen Länder?
Das ist alles komplett im Fluss. Man kann nicht von „den“ osteuropäischen Ländern sprechen, weil sie so unterschiedlich sind: Das konnte man beobachten als fast zeitgleich die Präsidentschaftswahlen in Polen und in Rumänien stattfanden – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Möglicherweise gab es eine Zeit lang die Sichtweise, dass die osteuropäischen Länder kompliziert sind – für das, was wir uns im Westen unter der EU vorgestellt haben. Es wird immer deutlicher, dass es ein „Westeuropa gegen Osteuropa“ nicht gibt, sondern dass es in allen Ländern – in Ost und West – Umbrüche und Strömungen gibt, mit denen wir umgehen müssen. Wir müssen schauen, ob wir dieses Europa weiter bilden können oder ob es auseinander bricht. Es gibt überall einen nicht zu unterschätzenden Teil an Politikern und der Bevölkerung, die meinen, es wäre besser, es wieder als Nationalstaaten zu versuchen. Dieses „Vom-einheitlichen Westen-in-den-einheitlichen-Osten-schauen“ nehme ich nicht mehr wahr. Es ist meines Erachtens auch nicht mehr möglich. Der Osten Europas wird wichtiger. Durch den Krieg, der der Ukraine aufgezwungen worden ist, ist sehr deutlich geworden, wie wichtig der Zusammenhalt in Europa ist und wie wichtig die Länder in Osteuropa sind, damit Gesamteuropa und die EU überleben können.
Wie waren die letzten Wochen Ihres Mandats?
Der Moment des Abschieds ist immer schwer auszuhalten. Wenn ein Mandat zu Ende geht, endet nicht nur ein dienstlicher Abschnitt, sondern eben auch ein Teil meines Lebens. Mit allen Zusammenhängen, in die ich vier Jahre lang hineingewachsen bin. Mir ist das jedes Mal sehr bewusst: Da geht etwas zu Ende, was unwiederbringlich ist. Selbst wenn ich nächstes Jahr vielleicht wieder nach Rumänien reise, werde ich hier nie mehr als Konsulin leben und privat nicht mehr die integrierte Nachbarin oder Freundin sein, mit der man sich zu einem Theaterbesuch trifft. Genau so intensiv wie die ersten Eindrücke waren, werden auch die letzten Eindrücke sein.
Manchmal erlebt man hier „ursprüngliche Momente“, voller Zufall, nah an der eigenen Existenz.
In meinem Leben hat das nicht mit Siebenbürgen angefangen. Ich kenne solche Momente, aber so etwas ist mir nicht nur hier passiert. Es soll interessante Phänomene im Gebirge, z.B. auf der Hohen Rinne/Paltini{ geben, bei denen die Sonne durch den Nebel scheint und dadurch das eigene Bild gespiegelt wird. Das hätte ich gerne erlebt. Einzigartig in der Literatur ist für mich die Geschichte zwischen Eginald Schlattner und Iris Wolff: sie hat in einer Kurzgeschichte genau das beschrieben, was er tatsächlich erlebt hat- ohne dass sie es wissen konnte. Wenn man „Drachenköpfe“ von Eginald Schlattner und „Drachenhaus“ von Iris Wolff liest, merkt man schnell: die beiden verbindet etwas Übernatürliches. Das hat hundertprozentig mit Siebenbürgen zu tun.
Wie ist Ihre eigene Geschichte mit der Siebenbürgens verwoben?
Auf einer sehr spirituellen Ebene. In Deutschland bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil mir die Institution Kirche suspekt geworden war – nicht weil ich vom Glauben abgefallen wäre. Ich weiß von Menschen, die dort aus der Kirche ausgetreten und hier wieder eingetreten sind. Das kann ich gut nachvollziehen, weil ich hier einen sehr herzenswarmen Umgang mit der Theologie und der Lehre aus der Bibel mit „dem Nächsten“ festgestellt habe, der mir gezeigt hat, dass das Christentum über die Institution Kirche hinaus geht. Ich habe wieder einen guten Zugang dazu gefunden. Dadurch dass die deutsche Minderheit mit der Evangelischen Kirche A.B. so eng verwoben ist, bin ich als Konsulin oft in der Kirche gewesen. Es entspannt mich sehr, dass ich mit dem Christentum nicht mehr hadere, sondern mir erlauben darf, das Gute in ihm zu finden.
Das hat auch mit der Atmosphäre hier zu tun.
Absolut. Das hat mit Siebenbürgen, mit seiner Geschichte, mit dem gemeinsamen, ineinander verwobenen Wachsen von Minderheit und Kirche zu tun. Die Kirche hat hier zum Beispiel schon sehr früh dafür gesorgt, dass auch Mädchen zur Schule gehen dürfen. Das war immer sehr progressiv und kommt mir natürlich sehr entgegen.
Ihr Lieblingsort in der Stadt?
Es gibt einige: Wenn ich in der Weihnachtszeit über den Kleinen Ring gegangen bin und die Lichtspiele dort beobachtet habe, habe ich oft gedacht: Die Welt weiß nicht, wie schön Hermannstadt ist! Das ASTRA-Freilichtmuseum, die Evangelische Stadtpfarrkirche, die orthodoxe Kathedrale. Hauptsächlich aber unser Zuhause – das war ein Hort der Ruhe für mich. Unsere Vermieter haben uns immer sehr unterstützt. Auch das ist rumänisch, dieses Unterstützen: Nach dem Motto: Da ist jemand, der kennt sich nicht aus, dem müssen wir helfen.
Irgendwie haben Sie hier „ins Konzept gepasst“. Womit könnte das zusammenhängen?
Mir hat einmal jemand hier gesagt: Wir von der Minderheit meinen immer, wir müssten uns ganz besonders beweisen und wir verausgaben uns dabei. Darüber musste ich lange nachdenken. Ich bin aufgewachsen als Mädchen mit knallroten Haaren im Ruhrgebiet der siebziger Jahre. Da war ich auch eine Minderheit – eine totale Außenseiterin. Das Ruhrgebiet in Westdeutschland war überhaupt nicht gut angesehen: Da rauchen die Schlote, die Kohle fällt auf die weiße Wäsche, die Arbeiter sind schmutzig, man will mit ihnen nichts zu tun haben. Das Ruhrgebiet im schönen, sauberen, reichen, grünen Westen war auch eine Minderheit. Da versucht man immer zu zeigen: Ich kann es trotzdem, ich bin trotzdem etwas wert. Da habe ich mich wiedergefunden – offensichtlich gibt es da etwas, was ähnlich oder übereinstimmend ist.