„Wir schauen, was unsere Mitglieder bewegt, was sie umtreibt und wollen für sie da sein“

75 Jahre Landsmannschaft: Ein Gespräch mit dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft Banater Schwaben, Peter-Dietmar Leber


Ein ordentliches Menschenleben lang gibt es die Landsmannschaft Banater Schwaben schon. Sämtliche Veranstaltungen stehen im Zeichen des 75. Jubiläums in diesem Jahr, so auch die jüngste Tagung der Vorsitzenden der Heimatortsgemeinschaften, Kreis- und Landesverbände, die HOG-Tagung in Frankenthal, bei der der Bundesvorsitzende Peter-Dietmar Leber einen kurzen Rückblick und ein Plädoyer für die Zukunft hielt. ADZ-Redakteurin Astrid Weisz stellte einige Zusatzfragen.

Herr Peter-Dietmar Leber, wer hat die Landsmannschaft gegründet?

Flüchtlinge aus dem Banat, aus der Gefangenschaft entlassene Soldaten waren es, die 1950 in München die Landsmannschaft gegründet haben. Zuvor hatten sie einen „Banater Ausschuss“ gegründet, arbeiteten in einer gemeinsamen Landsmannschaft mit den Siebenbürger Sachsen mit, überlegten ein Zusammengehen mit den Do-nauschwaben, entschieden sich dann aber doch für eine eigene Landsmannschaft. Dr. Mathias Hoffmann, ein Arzt aus Gertianosch/C²rpini{, wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt. Geschäftsführer und treibende Kraft in den ersten Jahren war als Angestellter der Kirchlichen Hilfsstelle München Hans Diplich aus Großkomlosch/Comloșu Mare.

Wie hat sich die Landsmannschaft entwickelt? Was sind die Meilensteine in den letzten 75 Jahren?

Die Anfänge waren bescheiden, denn die meisten Banater Schwaben lebten damals ja im Banat. Man begann, die Landsleute zu erfassen, baute Ortsverbände und Kreisverbände auf, Landesverbände, organisierte die Gemeinschaften nach dem Heimatort. Letzteres gilt für jene Orte, in denen es 1944 eine größere Fluchtbewegung gegeben hatte (Uiwar/Uihei, Kleinbetschkerek/Becicherecul Mic, Liebling). Es wurde Hilfestellung bei Behördengängen geleistet, bei Einbürgerungen, Versorgungsfragen, man bemühte sich um Anerkennung von Zeugnissen, organisierte kleinere Kulturveranstaltungen und gesellige Feste. Man informierte mittels Rundschreiben, und bald mit einer eigenen Zeitung, der „Banater Post“. 1951, zum Zeitpunkt der B²r²gan-Deportation, wurde man zum ersten Mal für die Landsleute im Banat politisch aktiv. So verurteilten der Deutsche Bundestag und der Bayerische Landtag nach ausführlichen Debatten die Deportation, intervenierten Vertreter der Landsmannschaft vor Ort beim Internationalen Roten Kreuz in Genf, brachten dieses Unrecht an die Öffentlichkeit. Weitere Meilensteine waren: die Gleichstellung mit den deutschen Vertriebenen, Fremdrente, Lastenausgleich, Familienzusammenführung und der Kampf um das Recht auf Ausreise während der kommunistischen Herrschaft. Parallel dazu wurden Landesverbände und Kreisverbände nach dem neuen Wohnort und Heimatortsgemeinschaften nach dem Heimatort im Banat aufgebaut, heute 110 an der Zahl. Und viele von ihnen engagieren sich jetzt für ihren Heimatort im Banat, für Friedhof und Kirche, binden bei Veranstaltungen im Heimatort die Ortsbevölkerung, die Jugend mit ein. Später folgten Standesverbände: Lehrer, Ärzte, Ingenieure, ein Kulturverband, ein Jugendverband, ein Hilfswerk.

Wie sieht die Altersverteilung in der Landsmannschaft der Banater Schwaben aus?

Nicht gut, wir sind zu alt. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt über 60 Jahre. Zwar haben wir nach wie vor eine gut organisierte Jugendorganisation, aber die mittlere Generation, jene in der Berufs- und Familienphase, die fehlt uns.

Welche Aufgaben nimmt die Landsmannschaft für die Banater Schwaben wahr?

Unsere Landsmannschaft hat sich in den 75 Jahren ihres Bestehens mehrmals neu erfinden müssen. Deshalb gibt es sie auch noch. Wir schauen, was unsere Mitglieder bewegt, was sie umtreibt und wollen für sie da sein. Hilfestellung, Erstinformation, Mitarbeit in den verschiedenen Gremien und Institutionen von Politik, Wissenschaft und Kultur, die sich mit dem Banat und den Banater Schwaben beschäftigen, Wahrung der Beziehung zu den Deutschen im Banat, zum Deutschen Forum, zu unserer Kirche, zu den Gemeinden, aus denen wir stammen, Vermittlung unseres Brauchtums, Kultur und Geschichte.

Die Integration der Banater Landsleute in Deutschland wird oft hochgepriesen und sei auch sehr gut gelungen. Inwiefern hat dies der Identitätsbewahrung und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Banater Schwaben geschadet?

Die Frage ist, als was wir uns integriert haben. Unter Verleugnung der Herkunft? Das ist bei einer Gruppe der Fall. Rumänien wurde bis zur Wende und sogar noch einige Jahre danach mit Ceau{escu identifiziert. In dieser Schublade wollten viele nicht sein. Also zogen sie sich zurück, bemühten sich um eine gute wirtschaftliche Integration und wollten vor allem nicht auffallen. Es gab aber auch die anderen, die sich um Aufklärung bemühten, die immer wieder brav die geschichtliche Entwicklung, Herkunft, Region, deutsche Minderheit und Land erklärten. Das war mühsam, aber für beide Seiten besser. Und das machen wir nun schon seit vier Generationen so. Integration soll nicht mit der plötzlichen Aufgabe der eigenen Identität einhergehen. Das funktioniert nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Man braucht die Herkunft als Anker.

Welche Unternehmungen gibt es in der Landsmannschaft, um die Identität der Banater Schwaben zu fördern?

Es geht uns vor allem um Authentizität und Stärkung der Identität. Wenn Banater Schwaben in Tracht als Banater Schwaben beim Oktoberfest in München Teil des Trachtenzuges sind und Zehntau-sende Zuschauer am Straßenrand applaudieren, Millionen vor den Bildschirmen sie sehen, dann ist das ein Beitrag dazu. Das gilt auch für den Stuttgarter Wasen, die vielen anderen Landesfeste. Hierzu kann man die integrierende Jugendarbeit zählen, wissenschaftliche Vorträge, Brauchtumsveranstaltungen. Sie haben zur Folge, dass wir unverkrampft mit unserer Herkunft umgehen, dass wir vieles haben, auf das wir als Gemeinschaft stolz sein können. In Deutschland, aber auch im Banat, eigentlich überall, wo Banater Schwaben heute leben.

Vor Jahren habe ich einen Dia-Vortrag über die Banater Schwaben einst und jetzt gehalten. Unter den Zuhörern eines Clubs einflussreicher Persönlichkeiten befand sich auch der Vorsitzende eines Dax-Unternehmens. Der war schlichtweg begeistert von unserem Organisationsgrad, unserer internationalen Ausrichtung, den verschiedenen Ebenen unseres Wirkens, und vom Verantwortungsbewusstsein der jeweiligen Akteure. Eine Anerkennung aus solchem Munde, das hatte gutgetan, es hatte mich bestärkt.

Von wie vielen Mitglieder der Landsmannschaft wissen Sie, dass sie im Rentenalter ins Banat zurückgezogen sind?

Es sind mehr, als man denkt, manche auch nur temporär. Genauso wie manche im Rentenalter in Spanien oder Portugal leben. Die sind aber nicht alle Mitglied der Landsmannschaft. Insofern kann ich das schwer quantifizieren. Es sind wohl mehr als 100 Personen. Sie hängen es aber nicht an die große Glocke, womit wir wieder bei der Identitätsproblematik wären.

Bei den Heimattagen, in der „Banater Post“ und bei manchen Veranstaltungen ist zu erfahren, wohin es Banater Schwaben auf dem Erdball verschlagen hat. Was sind denn die „exotischeren“ Orte, an die Sie die „Banater Post“ schicken?

Da kommt schon mal eine E-Mail aus Venezuela oder Paraguay von Nachkommen von Banater Schwaben, ein Brief aus Bulgarien, eine E-Mail aus Finnland, China, Japan, eine WhatsApp-Nachricht aus Thailand. Es gibt fast kein Land, in dem es keine Banater Schwaben gab oder Nachkommen von ihnen leben. Nur suchen die uns nicht über die Mitgliedschaft im Verein oder die „Banater Post“, sondern vornehmlich über die diversen sozialen Medien. Dass sie uns suchen zeigt, dass es gut ist, eine Landsmannschaft zu haben.

Wie war und wie ist das Verhältnis der Landsmannschaft und ihren Gliederungen zu den im Banat lebenden Landsleuten, institutionell und persönlich? In Temeswar und an anderen Orten in der Region?

Es gab hier sicher mehrere Phasen des „Aneinandergewöhnens“ der Landsmannschaften und des Forums, bis man bei der heute anerkannten Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe angelangt war. Das ist ein normaler Prozess; ich erinnere nur an Paul Philippis „Nicht ohne uns über uns“. Persönlich war es sicher einfacher, mittlerweile ist das unkompliziert und vorurteilsfrei.

In Rumänien gibt es ein Forum, eine Organisation, die als Interessenvertretung der hier lebenden deutschen Gemeinschaften gilt. Warum dann so viele unterschiedliche rumäniendeutsche Vereine in Deutschland? Sind die Interessen da so verschieden?

Die Landsmannschaften weisen eine unterschiedliche Entstehungsgeschichte auf, deshalb gibt es so viele. Ich denke nicht, dass die Interessen so verschieden sind, sondern eher Eigenarten wie Mundart und Brauchtum, die Konfession, eine Rolle spielen. Eine Zusammenarbeit der Landsmannschaften aus Rumänien oder dem südosteuropäischen Raum findet ungeachtet dieser Überlegungen statt. Der regelmäßige Austausch mit dem Bundesvorsitzenden, den Kolleginnen und Kollegen vom Verband der Siebenbürger Sachsen hat Tradition. Wir treffen uns immer wieder, ob im Bund der Vertriebenen oder in anderen Gremien, wir kommunizieren regelmäßig, weil wir uns gegenseitig brauchen. Es finden immer wieder gemeinsame Veranstaltungen beispielsweise zu Gedenktagen statt. Der Weltdachverband der Donauschwaben ist ein Dachverband, der jedes zweite Jahr ein Treffen von jugendlichen Do-nauschwaben aus den USA, Kanada, Brasilien und Europa organisiert. Sie haben dabei immer wieder auch das Banat miteingebunden.

Wo sehen Sie die Landsmannschaft in den nächsten 25 bis 50 Jahren?

Wir werden auch in 25 Jahren eine Landsmannschaft der Banater Schwaben haben. Ich baue auf die Generation der Enkel, auf jene, die sich für die Erzählungen der Großeltern interessieren. Und weil unsere Wurzeln nun mehr im Banat liegen, müssen wir die Beziehungen dorthin aufrechterhalten, zu den Menschen, der Kirche, dem Forum - zu allen, die sich für uns interessieren und heute dort leben.

Unsere Landsmannschaft ist offen. Sie steht für alle offen, die sich für unsere Geschichte, unser Brauchtum, unsere Kultur interessieren, die im Banat entstanden ist, aber sie wird hier fortentwickelt. Kultur wird irgendwann zur Kulturgeschichte, wenn sie sich nicht weiterentwickeln kann und neue Formen des Ausdrucks finden kann. Deshalb bleibt es für uns eine wichtige Aufgabe, auch den schöpferischen Kräften innerhalb unserer Landsmannschaft in Kultur, Kunst, Literatur einen entsprechenden Resonanzboden zu geben. Wir bewegen uns immer zwischen gestern und morgen. Im Heute sind die Schnittmengen zwischen unserer Geschichte im Banat und der in Deutschland. Unsere Erwartungen, unsere Hoffnungen auf die Zukunft unserer Gemeinschaft bestehen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Alt und Jung, zwischen Banat und Deutschland, Alltag und Festtag, Festtag im Banat und jenem in Deutschland, Kontinuität und Neuanfang, Kultur als Geschichte und als schöpferisches Wirken, Bewahren und Aufgeben. Es ist immer ein Abwägen zwischen Bewahren und Öffnen. Landsmannschaftliche Arbeit macht Freude. Und wenn wir von unserem Wirken in der Landsmannschaft selbst begeistert sind, dann können wir auch andere davon begeistern. Die Zukunft gehört immer den Handelnden. Stehen wir zusammen, packen wir gemeinsam an, denn gemeinsam sind wir stark!

Vielen Dank für das Gespräch!