Wort zum Sonntag: Jesus als „Warner“


„Zu jener Zeit kamen einige Leute und berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit dem ihrer Opfertiere vermischt hatte. Und er antwortete ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“(Lk 13,1-4)

Genauer betrachtet, sind die Evangelien voll von Warnungen. Das aber tut der grundlegenden Wahrheit keinen Abbruch, dass die Botschaft der Evangelien Anlass zu tiefer und umfassender Freude ist. Zur Freude kann nie bloßes Wunschdenken veranlassen; nur etwas Reales kann Anlass zur Freude sein. Aber alles Reale (im Unterschied zum bloß Geträumten oder Gewünschten) kann verfehlt, verpasst und sogar zerstört werden. Vor solch möglicher Verfehlung eines realen Anlasses zur Freude zu warnen, mag zwar unangenehm sein, ist aber letztlich eine Freundschaftspflicht. Ist es mir ernst mit meiner Freundschaft, dann kann ich dem mit mir Befreundeten nicht zuschauen, wie er oder sie sich den Zugang zum wirklichen Lebensglück verbaut oder gar zerstört; ich fühle mich aus Freundschaftsliebe gedrängt, ihn oder sie davor zu warnen.

Im Evangelium des dritten Fastensonntages tritt Jesus uns als unangenehmer „Warner“ auf. Aber nur, weil es ihm um das Heil und die Rettung eines jeden Menschenlebens geht. Er weiß um die Neigung von uns Menschen, uns in Selbstgerechtigkeit und falscher Selbstsicherheit zu wiegen und die eigene Gefährdung auszublenden. Daher seine schroffe Antwort auf die Neuigkeiten, die ihm die Leute erzählen: die Nachrichten vom Gemetzel an Galiläern, das Pilatus anrichtete, und vom Einsturz eines Turmes, bei dem zahlreiche Menschen erschlagen worden waren. „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“
Die größte Gefahr, das wirkliche Lebensglück und das Ziel des Daseins zu verfehlen, liegt in der Selbstsicherheit, im trügerischen Gefühl, bei sich selber nichts ändern zu müssen und auf die Gnadenhilfe von oben nicht angewiesen zu sein. Eine solche Existenz vergleicht Jesus mit einem Feigenbaum, der keine Früchte bringt. In den Augen des Gutsbesitzers in Jesu Gleichnis ist ein solcher Baum nutzlos, ja ein Schmarotzer. „Hau ihn um!“, sagt im Gleichnis der Besitzer seinem Gärtner. „Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?“

Doch damit ist die Zielaussage des Gleichnisses Jesu noch nicht erreicht. Er lässt den Gärtner nochmals zu Wort kommen: „Herr, lasse den Feigenbaum dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lasse ihn umhauen.“ Das Aufgraben und Lockern des verhärteten Bodens um den Baum herum ist von Jesus sicher auch bildhaft gemeint. Mit seinen ernsten Warnungen will er die Verhärtung illusionärer Selbstsicherheit und die Verschlossenheit vor Gott und den Mitmenschen gegenüber aufbrechen und uns wieder durchlässig machen für den „Dünger“ der göttlichen Gnadenhilfe.

Gott ist unbegrenzt geduldig - das ist die eine Wahrheit in diesem Gleichnis. Genauso gilt jedoch auch die andere Wahrheit: Die Zeit unserer Chance zur Umkehr ist begrenzt. Daher die Dringlichkeit der Warnungen in den Evangelien. So unangenehm sie auf uns wirken mögen: Sie sind heilsam und daher lauter Gnade und Wohltat für uns, somit Grund zur Freude: „Evangelium“.