Zu viel Tourismus schadet Minderheiten

Wie können sie dafür sorgen, dass sie bei sportlichen und kulturellen Großereignissen sichtbar bleiben? – Teil 2

Der neue Eiskanal auf Col Druscié in Anpezo/Cortina d’Ampezzo wurde Ende Mai technisch abgenommen. Dort werden die Wettbewerbe in Skeleton, Rodeln und Bob stattfinden. Fotos: der Verfasser

Olympische Ringe vor dem Bergmassiv der Tofane mit den Skipisten, auf denen die Damen im Februar die alpinen Wettbewerbe austragen werden.

Teil 1 hier

Was also kann man tun, um Minderheiten bei Großereignissen Sichtbarkeit zu verleihen und der Abwanderung zu begegnen? „Man muss Neugier wecken, Geschichten inszenieren, man darf sich aber nicht anbiedern“, sagt Chasper Pult. Der Graubündner Sprachwissenschaftler ist der festen Ansicht, dass sich Urlauber durchaus für Minderheiten und ihre Sprachen interessieren lassen. In Graubünden hat sich das Rätoromanische in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt und wird in immer breiterem Rahmen im öffentlichen Raum sichtbar. „Rumantsch Grischun ist heute systemrelevant“, sagt Pult. 

Wie man die rätoromanische Sprache bei Großveranstaltungen gezielt einsetzen kann, schildert Andreas Gabriel, der Vizegeneralsekretär der Lia Rumantscha, des Dachverbandes der romanischen Sprachvereine in Graubünden, am Beispiel der alpinen Ski-WM 2017 in San Murezzan/St. Moritz: Es gab überall mehrsprachige Beschriftungen, mehrsprachige Moderationen, kulturelle Veranstaltungen und Präsenz in den sozialen Medien; Werbeartikel wurden verteilt mit der Illustration eines Sportlers, der sich mit dem Romanischen beschäftigt; Sportlern und Journalisten wurden Informationen und Glossare einschließlich der romanischen Toponyme zur Verfügung gestellt, freiwillige Helfer entsprechend geschult. Die offizielle App enthielt ein romanisches Wörterbuch. Das alles stand unter dem Motto „Piglia’t il temp – Nimm Dir Zeit für das Rumantsch“. 

Allerdings ist das Rätoromanische in der Schweiz eine der vier Staatssprachen. In Cortina d’Ampezzo können Ladinischsprecher davon nur träumen: Bei Olympia im Februar 2026 wird das Ladinische nicht am Start stehen. Dazu mahnt Chasper Pult: „Heimlich verschwindet eine Sprache, wenn sie nicht visibel ist“. 
Das will Sofia Stuflesser auf keinen Fall zulassen und stellt Forderungen: „Unsere Sichtbarkeit ist kein Luxus, sondern Ausdruck eines Respekts, der im Europa der Regionen selbstverständlich sein sollte. Wir fordern nachhaltige Lösungen, die sich positiv auf die lokale Bevölkerung niederschlagen und auf Sprache und Kultur weiterwirken. Dazu braucht es die Einbeziehung und Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung schon beginnend bei der Kandidatur für Großveranstaltungen.“ 

Vielleicht gelingt es bei der Ski-WM 2031, die in Gröden und damit erneut in Ladinien stattfinden wird, das Ladinische stärker einzubeziehen? Für Olympia 2026 bleibt wenig Hoffnung. Was wird Anpezo von Olympia bleiben? „Das ist schwer zu sagen“, meint Elsa Zardini. Die Infrastrukturen in ihrer Gemeinde, die seit jeher unter großen Verkehrsproblemen leidet, wurden vor den Spielen nicht verbessert. Zardini fürchtet, dass ihrer Heimat nur Kosten bleiben, zumal auf großen Druck von Politik und Organisatoren hin eigens für diese Spiele im Hauruckverfahren für 120 Millionen Euro eine neue Bob-Bahn gebaut wurde. Die alte Bahn von den Spielen 1956 hatte 2008 geschlossen werden müssen, weil die Gemeinde die Kosten für eine Sanierung nicht stemmen konnte. Die von vielen befürwortete Durchführung der Bob- und Rodel-Wettbewerbe in Innsbruck anstelle eines Neubaus in Cortina d’Ampezzo wurde abgelehnt. „Die Instandhaltung der Bahn nach dem Ende der Spiele wird wahrscheinlich Aufgabe der Gemeinde sein, und wir hoffen, dass wir nicht das gleiche Schicksal wie Cesana erleiden“, sagt Zardini. Die Bob-Bahn im Piemont, extra für die Spiele in Turin 2006 gebaut, wurde danach nie mehr benutzt, 2011 stillgelegt und verrottet seither.


Ganz Ladinien gehörte bis 1918 zu Tirol. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Süden Tirols – inklusive Ladinien – von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen. Wenig später kam Mussolini an die Macht. Unter dem faschistischen Regime wurde die ladinische Sprache zum Dialekt des Italienischen erklärt und die fünf ladinischen Täler wurden auf drei neu geschaffene Provinzen in zwei Regionen aufgeteilt. Diese Spaltung besteht bis heute und hatte große Auswirkungen: Die in Südtirol gelegenen Täler Gröden und Gadertal genießen wie das Fassatal im Trentino umfassenden Schutz für die ladinische Minderheit, aber Buchenstein (Fodom) und das oft „Perle der Dolomiten“ genannte Cortina haben keinen. 


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