„Individuelle Auswanderungsgeschichten“ waren das Motto einer Ausstellung, die ich mir aus dem reichen Angebot der Großveranstaltung „Sachsentreffen 2024 in Hermannstadt“ herausgepickt habe. Sie wurde organisiert vom Verein „Martinus“, dem Oral History-Forschungszentrum „Transylvania“. Was hatte ich mir darunter vorzustellen?
Der Titel machte mich neugierig:
„ZEIT ZEUGEN Ausstellung + zeit zeugen STUDIO“.
Mein Warum beim Warten auf ein Interview war dieses:
Ich sah mich durchaus als Zeitzeugin – und zwar aus dem Blick der Nachfahrin von Siebenbürger Sachsen, die nach dem Krieg schon in Deutschland geboren wurde und welche die schlimmen Geschehnisse von 1944 und 45 aus den sehr reduzierten Erzählungen der Eltern erfahren hat.
Die Wartezeit gab mir Gelegenheit, mich mit den professionellen Dokumentationen zum Wann-Woher-Wie-Warum der geschichtlichen Ereignisse näher zu beschäftigen. Die Örtlichkeit im „Kleiner Spiegelsaal“ des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien war dafür günstig gewählt und konnte die Exponate in ihrer ganzen Vielzahl gut in Szene setzen.
Durch die vergrößerten Fotos, Briefe und Postkarten, durch die Bücher und Videos, Plakate und anderes konnte ich in die Schicksale vieler betroffener Personen eintauchen. Herausgreifen will ich zwei historische Plakate: Eines mit Werbung zur Kollektivwirtschaft und eines mit der Briefmarke „23. August - Aniversare 1974“. Die Sicht aus dem Blickwinkel des Landes Rumänien kannte ich ja nicht. Erst recht fühlte ich mich bestärkt, mich als Zeitzeugin für ein Interview zur Verfügung zu stellen.
Was hatte ich als 1956 in München geborene Tochter Siebenbürger Sachsen denn viel zu sagen? Mir war wichtig, mitzuteilen, dass die schlimmen Demütigungen und Ereignisse jener Tage sich auch auf mich und meinesgleichen in Deutschland auswirkten. Meine Mutter aus Törnen/P²uca war deportiert worden und wegen Krankheit in den russischen Sektor von Deutschland entlassen worden, von wo sie auf abenteuerliche Weise in den Westen gelangte. Mein Vater aus Bußd/Boz geriet als Soldat nach dem Krieg in amerikanische Gefangenschaft auf deutschem Boden. Sie erhielten beide einen Flüchtlingsausweis, keine angenehme Situation! Sie konnten nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren, waren entwurzelt, enteignet, fremd im Land, fanden keine Akzeptanz unter den einheimischen Deutschen, sie hatten alles verloren, auch ihre Liebsten. Dass sich so entstehende Traumata auch auf die nächste Generation auswirken, ist bekannt.
Gänsehaut entstand bei mir und spürbar auch bei anderen Zuhörern bei der Lesung von Barbara Reinhardt (Wien - Holzmengen/Hosman). Sie trug einen Ausschnitt aus dem Tagebuch von Herta Bazant (geb. Lang) aus Schäßburg/Sighi{oara vor, der die Zeitspanne 24. August 1944 bis 15. Januar 1945 umfasst. Es berichtet sehr detailliert und deshalb so ergreifend von dem Terror gegenüber der sächsischen Bevölkerung in dieser Zeit.
Günter Czernetzky führte das Interview mit mir. Er stellte mir konkrete Fragen nach den Erzählungen meiner Eltern und suchte in mir nach Daten, Zahlen, Fakten.
Es wurde von einem Profikameramann aufgezeichnet. Das Interview wird wohl mit anderen Interviews als Zeitzeugenmaterial für einen Film zum Stichwort „Emigration“ benützt werden.
Der Film von Günter Czernetzky darf mit Spannung erwartet werden.