„Der richtige Weg, ohne Müssen und Sollen“

ADZ-Gespräch mit Radu Nebert, Leiter des Siebenbürgenforums, über seine langjährige Forumstätigkeit, Pläne und Ziele

Radu Nebert Foto: privat

Im vergangenen November trat der Klausenburger Radu Nebert die Nachfolge von Martin Bottesch als Leiter des Siebenbürgenforums an. Kein Unbekannter zwar, denn schon seit 2019 war er einer der Stellvertreter, und davor Leiter des Klausenburger Forums. Doch Grund genug, ihn nun auch einer breiteren Leserschaft vorzustellen, findet ADZ-Chefredakteurin Nina May. Beruflich ist Radu Nebert Grafik-Designer und gestaltet vor allem Corporate Identity. Privat ist er verheiratet, evangelisch, Vater eines Studenten, die Ehefrau unterrichtet Informatik. Trotz engem Zeitplan scheut er den seither nun noch öfter anstehenden Weg von Klausenburg nach Hermannstadt nicht, denn der Einsatz für das Forum und die langjährig erlebte, gelebte deutsche Gemeinschaft sind ihm eine Herzensangelegenheit.

Herr Nebert, wo sind Sie aufgewachsen und wie ist Ihr Werdegang verlaufen?

Meinen 50. Geburtstag feierte ich vor zweieinhalb Jahren in Klausenburg wo ich auch geboren wurde. Meine lieben Eltern, die inzwischen nicht mehr da sind, sorgten für eine fröhliche und eigentlich friedliche Kindheit. Die Schwierigkeiten der damaligen Zeit (Kommunismus) wurden meiner Schwester und mir erst viel später bewusst...

Mein Großvater väterlicher-seits, einst Assistent an der Klausenburger Hochschule, lebte seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Österreich und diente uns Kleinen als Vorbild. Als Universitätsprofessor und Geologe war er in der weiten Welt gut bekannt. Wir aber kannten den Opa vorwiegend aus Familienfotos, zu Besuch kam er nur alle paar Jahre. Ihm verdanke ich allerdings den Besuch des deutschen Kindergartens.

In der Schule hatte ich dann das Glück, Katharina Cloos als Lehrerin zu haben. Es war eine Zeit, in der wir nicht nur viel lernten, sangen und Blockflöte spielten, sondern auch der gesegnete, stille Vorraum des Lebens, in dem viele Freundschaften entstanden, die bis zum heutigen Tage bestehen.

In den Sommerferien war ich mit meiner Schwester meistens in Bleschenbach/Poiana Mărului, einem Dorf im Kreis Kronstadt, bei unserer Tante. Dort hatte auch mein Vater seine Kindheit verbracht. Den Königstein mochte er sehr, wandern mit ihm war ein Erlebnis, er flößte uns die Liebe zur Natur ein, fotografierte viel, wir sammelten Pilze, Ribiselwein wurde vorbereitet...Vor allem aber malte und zeichnete mein Vater viel: Skizzen, Aquarelle oder Ölbilder von verschiedenen Landschaften, Porträts und Stillleben. Das Geräusch des Pinsels auf der Leinwand, ein Trompetenkonzert im Hintergrund, und den Geruch des Leinöls habe ich bis heute gut in Erinnerung. Noch hatten wir Zeit, mit der Modelleisenbahn zu spielen und Kartonmodelle zu basteln.

Damals dachte ich daran, einen Beruf in künstlerisch-technischer Richtung zu erlernen. Designer war damals noch kein Begriff, nur in Bezug zur Industrie, und am Andreescu-Institut in Klausenburg wurden in dieser Abteilung nur drei bis vier Studenten im Jahr zugelassen. Seit meinem vierten Studienjahr dort und bis heute bin ich als Grafik-Designer tätig, insbesondere im Bereich des Corporate Design. Dank Professor Virgil Ciomoș hatte ich dann die Möglichkeit, mein Studium an der Babeș-Bolyai-Universität im philosophischem Bereich der Ästhetik fortzusetzen. Ich hatte mich schon immer gefragt was ein Kunstwerk von einem anderen unterscheidet, ob es reicht, dass etwas einfach nur schön ist. Die Ergebnisse meiner Forschungen sind in einer Arbeit zusammengefasst, mit der ich 2019 promovierte.

Seit wann sind Sie im Forum und wie haben Sie sich dort engagiert?

Forumsmitglied bin ich seit dem März 1991, war aber eher im Malteser Hilfsdienst aktiv, weil ich dort viele Freunde aus der Schulzeit wiedertraf. Es war die Zeit der Hilfstransporte für Rumänien und da brauchte man junge Kräfte. Bei einer Hilfsaktion hatten die Malteser auch das Forum angesprochen: eine bunte Gesellschaft, man sprach deutsch, rumänisch, ungarisch, die heitere Stimmung wurde ab und zu von einer Forderung mit ernster Miene unterbrochen: Man sollte sich auf deutsch unterhalten!

Ein lustiges Erlebnis aus meiner Studentenzeit in einer Vorlesung über Kunstgeschichte: Professor Arion sah mich im Saal und sprach mich verärgert an: „Was suchst du hier?” Und fuhr fort mit strengem Ton: „Deine Leute treffen sich in Birthälm und du bist nicht dabei?” So erfuhr ich von meinem rumänischen Professor vom ersten Sachsentreffen 1991.

Nach meiner Studienzeit nahm ich an Veranstaltungen teil, für Jubiläumsfeiern oder Ausstellungen entwarf ich Plakate, Einladungen etc. In den Vorstand wurde ich 2014 gewählt. Wir wollten das Image des Forums auffrischen und bauten eine Internetseite auf. Hochrangige Gäste besuchten uns, Sozialfälle brauchten Hilfe, die wöchentlichen Treffen, die den Mitgliedern seit fast 25 Jahren eine liebe Gewohnheit im Alltag waren, eröffneten mir eine tief verbundene Gemeinschaft.

2016 wurde ich Vorsitzender und versuchte, das Programm des Forums zu erweitern, mit den Gedanken an die jüngere Generation. Mit den Familien unternahmen wir mindestens zwei Ausfahrten im Jahr, in die siebenbürgische Landschaft bis ins Banater Bergland, nach Oberwischau oder in die Bukowina, vom Apuseni-Gebirge bis zum Kaloter Winkel, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. So sahen wir unsere Kinder aufwachsen, in einer fröhlichen Gesellschaft. Noch eines zum Thema: Ich kann mit Freude melden, dass es seit einem Jahr wieder eine Jugendgruppe in Klausenburg gibt!

Seit wann sind Sie im Siebenbürgenforum und wie kam es, dass Sie sich der Herausforderung zu dessen Leitung gestellt haben?

Mit der Übernahme der Leitung des Klausenburger Forums kam als Aufgabe auch die Vertretung in Hermannstadt im Siebenbürgenforum dazu, „mit Präsenz”, wie man heute sagt. Ein Weg, der vor zehn Jahren dreieinhalb Stunden für eine Strecke gedauert hat, der aber dank der Autobahn heute in zwei Stunden keine Herausforderung sein sollte. In der Vertreterversammlung im Frühjahr 2019 wurden Thomas Șindilariu und ich als Stellvertreter von Prof. Martin Bottesch gewählt.

Nicht nur als Vertreter, sondern auch im Organisatorenteam versuchte ich zu wirken, auch mit der grafischen Gestaltung für das Sachsentreffen Online 2020, dem Siebenbürgischen Kultursommer 2022 oder dem Großen Sachsentreffen 2024. „Zu Rat und Tat die Hände reichen” wurde auf meinen Vorschlag das Motto des Sachsentreffens in Meschen; die Worte Stephan Ludwigs Roths sprechen nicht nur unsere Gemeinschaft an. Der Vorschlag der Kandidatur war dann für mich eine große Ehre. Die neue Funktion verlangt allerdings auch mehr Verantwortung und Zeit. Manche Termine muss man schweren Herzens absagen.

Welche Pläne haben Sie im Rahmen dieser neuen Aufgabe für 2025?

Für 2025 sind Vorbereitungen im Gange, das Sachsentreffen in Zeiden zwischen dem 19. und 20. September bedarf einer sorgfältigen Planung. Der siebenbürgische Kultursommer war ein sehr gutes Projekt, das die Beteiligung sehr vieler Gemeinschaften hervorgerufen hat und weil es eine einheitliche Informationsplattform gab. In Zukunft könnten wir an einen Kulturkalender für Veranstaltungen in ganz Siebenbürgen denken.

Wichtig für uns ist auch der Siebenbürgische Lehrertag und die Unterstützung des Bildungswesens in deutscher Muttersprache. Lehrbücher sind in Arbeit, die Unterstützung der Lehrer läuft weiter. Ich möchte mich hier bei allen Lehrern bedanken, die in den Klassen, am Lehrertag oder im Zentrum für Lehrerfortbildung in Mediasch ihre Arbeit gewissenhaft leisten.

Eine bessere Vernetzung zwischen den Foren könnte auch ein Punkt sein. Das Erstellen einer einheitlichen Liste im Internet mit den Publikationen des Forums ist in Arbeit, als Basis für engere Kontakte zwischen einzelnen Foren.

Was sind Ihre Schwerpunkte in der Forumsarbeit?

Die Forumsarbeit ist eigentlich Teamarbeit, die Freude bringen sollte, aus der Vielfalt der Meinungen entspringen bessere Ideen. Schon der Name „Forum” verspricht einen Rahmen, in dem sich Ideen Gleichgesinnter entfalten können. Tradition und Kultur bringen uns zusammen, zeigen aber auch Unterschiede im Sinne von Vielfalt. Heute spricht man viel von Networking, aber es ist mehr als das, es ist Begegnung.

Die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen und Verbänden von Hüben und Drüben gehört auch dazu. Voriges Jahr beim Großem Sachsentreffen erlebten wir eine solche glückliche Begegnung mit der Delegation aus Kanada.

Siebenbürgen ist ein besonderer Raum, in dem viel Neues entsteht. Kondensationskeime sind oft die Kirchenburgen, die nicht mehr alle als Kirchen fungieren und verschiedenen anderen Zwecken zugeführt werden, u.a. Tourismus, Sitz von NGOs zum Erhalt von Kulturerbe, Jugendarbeit, Sommerlager, soziale, Umwelt- und Bildungsprojekte. Hinzu kommt das Miteinander oder zumindest parallele Existieren von Menschen aus dem In- und Ausland, pluriethnisch, multikulturell, mehrsprachig. Aus meiner Sicht ist das einzigartig und den Mehrwert zur (auch wirtschaftlichen) Entwicklung liefert das sächsische Kulturerbe. Welches Potenzial sehen Sie darin?

Das sächsische Kulturerbe ist für uns als Gemeinschaft ein Anker, der uns in einer Welt, die sich ständig ändert, festen Halt gibt. Wenn die Kirchenburgen früher Schutz vor Überfälle boten, schützen uns diese heute von dem eigenen Fall ins Unbedeutende. Wir halten zusammen, auch weil wir dieses bedeutende Erbe aufrechterhalten wollen. So wie wir uns für den Erhalt der Schulen einsetzen, genau so müssen wir dieses Kulturerbe pflegen. Ich schaue mit Zuversicht und Dankbarkeit hin zu unseren rumänischen Mitbürgern, welche deutsche Schulen besuchen, Tanzgruppen ergänzen oder in NGOs helfen, um Baudenkmäler zu pflegen. Es ist unsere gemeinsame, wertvolle Zukunft in Siebenbürgen, in unserem Land, in unserem Europa.

Das Potenzial erkennen wir alle, Gedanken macht man sich seit vielen Jahren darüber, nicht nur im Siebenbürgenforum, sondern auch in der Evangelischen Kirche. Immer wieder stellen sich die Fragen: Wer ist der Besitzer? Wer könnte das übernehmen? Welchen Zweck sollte es weiter erfüllen? Bleibt der Bezug zur deutschen/sächsischen Gemeinschaft bestehen? Leider kann man keine universelle Antwort geben, weil es verschiedene Situationen gibt. Man kann aber Leitfäden  anwenden, nach denen auch überprüft werden kann, ob wirklich alles getan wurde. Diese Leitfäden gibt es und sie wurden vor Kurzem erneut mit den Organisationen der Partnerverbände besprochen. Unklarheiten oder Streitigkeiten, hinterlistige Abläufe verschrecken Investoren, Touristen oder gerade junge Enthusiasten, die wir ansprechen wollen.

Indirekt können wir alle unseren Beitrag leisten, indem wir diese Kirchenburgenlandschaft überall bekannt machen. Ausflüge, Wanderungen, bebilderte Vorträge, Sommerlager helfen mehr als wir denken. Auch das Übernachten übers Wochenende kann einen kleinen Betrag einbringen, mit dem eine kleine Reparatur möglich wird. Ein Rückkehrer wird freundlich aufgenommen, er ist nicht der unbekannte Andere geworden, vor dem wir uns alle fürchten.
Es gibt auch Ausnahmen, aber ich bleibe bei meiner optimistischen Einstellung.

Können Sie ein besonderes Erlebnis erzählen, das irgendwie zu Ihrem Engagement für das deutsche Forum passt?

Bei einer Ausfahrt mit unseren Familien nach Kleinschelken kamen wir ziemlich spät in einem ehemaligen Pfarrhaus mit einem schönen Hinterhof an, wo wir schnell ein Abendessen vorbereiten konnten. Die etwa zehn bis 12 Kinder zwischen fünf und 12 Jahren rannten herum und spielten. Auf einmal sind wir alle still geworden und lauschten: Wir konnten es kaum glauben – aber alle sprachen Deutsch! In den multiethnischen Familien sprach man zuhause rumänisch oder ungarisch, aber hier sind die Kinder von selbst darauf gekommen, dass Deutsch die gemeinsame Sprache war. Mir wurde klar, dass dieser der richtige Weg ist, ohne Müssen und Sollen.

Vielen Dank für das Gespräch!